FORAREX – Astronautin im Miniaturformat

Von Team FORAREX

Stell dir vor, du lebst im Meer. Du siehst die Sonnenstrahlen durchs Wasser scheinen. Unter dir ist Sand. Das Wasser umströmt dich im Takt der Brandung – und du schwingst mit. Alles fühlt sich sehr angenehm an. Du denkst gerade, wie wunderbar dein Zuhause doch ist. Die Wellen, das Licht – alles ist perfekt.

Doch plötzlich taucht ein dunkler Schatten über dir auf – und dieser Schatten holt dich aus diesem Paradies und katapultiert dich ins Weltall! Ist das nicht eine beunruhigende und ziemlich unwahrscheinliche Vorstellung? Aber genau das ist meine Geschichte.

Darf ich vorstellen? Mein Name ist Fora und ich gehöre zu der Gruppe der Foraminiferen. Ich bin weder Tier noch Pflanze, sondern ein großer Einzeller. Für einen Einzeller bin ich ungewöhnlich groß. Im Gegensatz zu Bakterien und Hefezellen, könnt ihr mich mit dem bloßen Auge sehen. Während einige andere Arten aus meinem Stamm wie aufgepopptes Popcorn oder wie Sternchen aussehen, bin ich spiralförmig aufgebaut.

Meine Leibspeise ist Plankton, dazu gehören Diatomeen (Kieselalgen) und Flagellaten (Geißeltierchen). Die fange ich mit meinen fadenförmigen Pseudopodien ein. Diese sind wie zarte Ärmchen, die ich auch zum Fortbewegen nutzen kann. Sehr praktisch!

Abb. 1: Das bin ich – eine Foraminifere – mit meinem Netzwerk aus Pseudopodien.

Nun zurück zum Schatten: Der Schatten ist eine Hand, am Arm einer Meeresbiologin. Diese Meeresbiologin findet mich offenbar sehr schick, denn sie beobachtet mich lang mit großer Faszination. Sie macht sich anscheinend viele Gedanken darüber, wie ich aussehe und was ich alles kann. Ich fühle mich sehr geehrt.

Sie scheint eine gute Idee zu haben, denn jetzt bringt die Meeresbiologin nun eine Ökologin mit. Die Ökologin findet meine Algen sehr spannend. Diese sind meine Mitbewohner und es ist wirklich gut, dass es sie gibt! Ich beschütze sie. Dafür versorgen sie mich mit Zucker und Sauerstoff, wenn die Sonne scheint. Zusammen bilden wir eine Symbiose.

Nach und nach bringt die Meeresbiologin immer mehr Leute mit, um mich zu beobachten und zu analysieren. Ich weiß inzwischen, dass es angehende Wissenschaftler und Techniker sind, alle noch ziemlich jung. Die scheinen ja nichts anderes zu tun zu haben, als jeden Tag einen großen Wirbel um mich herum zu machen.

Eine Geologin gibt es auch in diesem seltsamen Team. Sie bewundert meine Kalkschale. Die ist schließlich auch mein ganzer Stolz!

Ich baue die Kalkschale im Laufe meines Lebens Kammer für Kammer auf. Immer wenn ich eine neue Kammer an einer kleinen Öffnung gebildet habe, muss ich mich erst einmal ausruhen. Das ist schließlich ganz schön anstrengend. Mein Name „Foraminifere“ bedeutet übrigens: Organismus, der eine kleine Öffnung trägt. Meine Schale ist porös, also etwas durchlässig. Das ist sogar ganz gut, denn so kann ich Gase – wie zum Beispiel Sauerstoff – aus dem Wasser aufnehmen. Trotzdem ist sie stabil genug, um mich und  – nicht zu vergessen – meine Algen-Mitbewohner zu schützen. Ein echtes Meisterwerk! Ich erfahre, dass ich im Ökosystem eine bedeutende Rolle einnehme. Ich bin wichtig für die Bestimmung der Wasserqualität und ein elementarer Produzent von Kalk.

Den Chemiker habe ich auch schon kennengelernt. Er scheint alles ganz genau wissen zu wollen. Mir ist es ein Rätsel, warum er meine wunderschön durchsichtigen, geleeartigen Ärmchen so ausführlich untersucht. Die ganze Zeit murmelt er dabei Begriffe vor sich hin wie Karbonat…, Kalzium…, Kohlendioxid… und all’ solche Sachen. Ich benutze meine Ärmchen doch einfach zum Essen und Fortbewegen. Aber er redet von Schwerelosigkeit und wie sich das Verhalten der Ärmchen dadurch verändert.

Er versucht sogar, sie sichtbar zu machen, aber warum? Seine bunten Flüssigkeiten in den langen, schmalen Gläsern machen mir Angst. Und was ist mit Schwerelosigkeit gemeint? Der Chemiker meint, ich hätte dann kein Gewicht. Aber ich bin doch sowieso nicht schwer.

Noch verrückter als der Chemiker ist die Pressesprecherin. Sie macht dauernd Selfies mit mir für irgendwelche Follower. Anscheinend gibt es ganz viele Menschen, also Follower, die mir zuschauen wollen. Gerade Wissenschaftler finden mich wegen der besonderen Strukturen meiner Kalkschale spannend. Wenn die sich in der Schwerelosigkeit verändern, können damit neue Anwendungsgebiete gefunden werden. Also vorausgesetzt, ich mache das gut mit.

Die Pressesprecherin erzählt, dass das Team mit mir am deutsch-schwedischen Raumfahrt-Bildungsprogramm “REXUS/BEXUS” teilnimmt, um genau das zu testen. REXUS ist innerhalb dieses Programms ein Projekt für Studenten, die ihre Experimente mit einer Rakete hoch hinaus bringen wollen. “Hoch hinaus” heißt in Richtung “Weltall”. Ob ich da hin will, weiß ich nun wirklich nicht.

Was genau ist dieses Weltall überhaupt? Und was bedeutet das für mich als Foraminifere? Eigentlich wohne ich doch im Meer, das ist mein richtiges Zuhause!

Manchmal sehne ich mich nach meinem ruhigen Alltag zurück. Nun will die Medienfrau, dass ich für die Fotos pose und dabei die „Ärmchen weiter auseinander“ halten soll. Ich scheine fotogen zu sein – zumindest freut sie sich immer über meine schönen Aufnahmen.

Aber es gibt auch ganz vernünftige Leute im Team. Ein Ingenieur kümmert sich um ein neues, kleines Haus für mich und meine Algen-Mitbewohner – ein Mini-WG-Zimmer sozusagen. Endlich macht jemand mal etwas Handfestes, etwas Nützliches!

Ihm ist es wichtig, dass das Team mich die ganze Zeit beobachten kann, auch wenn ich mit der Rakete fliege. Deshalb hat er mich in eine Kammer eingeschlossen. Naja… aber wenigstens baut der nette Ingenieur eine Sonne für meine Algen. Die Sonne ist ein LED-Licht, mit dem meine Mitbewohner damit durch Fotosynthese – Zucker und Sauerstoff für uns produzieren können. Über eine Pumpe bekomme ich sogar immer frisches Wasser.

Mein neues Zuhause bezeichnet er als “flow cell” (= Durchflusszelle). Insgesamt ist die “flow cell” so groß wie eine Zehn-Cent-Münze. Damit soll ich in einer Rakete Richtung Weltall fliegen. Dort soll es aber weder Luft noch Wasser geben. Unvorstellbar! Damit mein Wasser und meine Luft sich nicht einfach nach draußen in dieses “Weltall” verteilen, muss alles in einem Druckbehälter untergebracht werden.

Die Temperatur in meiner “flow cell” muss natürlich auch stimmen. Bei 20 °C Grad fühle ich mich wohl und diese sollten eingehalten werden. Auch wenn es in Nordschweden, wo die Rakete startet, minus 30 °C sind. Die Wissenschaftler bezeichnen die “flow cell” deshalb auch als Teil des Lebenserhaltungssystems. Weil es mein Überleben in dieser extremen Umgebung sichert. Überleben finde ich gut! Nach dem ersten Schrecken – diese “flow cell” ist natürlich viel kleiner als mein geliebtes Meer – fühle ich mich nun eigentlich ganz wohl. Vielleicht wird diese Reise doch noch gut.

Der Ingenieur arbeitet übrigens mit einem Nerd (= Informatiker) zusammen. Von ihm hört man vor allem das Klappern von Tasten. Ab und zu kaut er an seiner Pizza, sagt aber nicht viel. Wenn der Nerd mal etwas sagt, hat es irgendwas mit „Wo ist der Adapter für das Kabel?“ oder „Muss ich noch programmieren“ zu tun.

Sie versuchen allerhand um mich und meinen Gesundheitszustand auch von weit weg beobachten zu können. Dafür haben sie kleine Sensoren eingebaut, mit denen Sauerstoff und pH-Wert gemessen werden. Normale, große Sensoren muss man ständig neu kalibrieren. Deshalb hat der Nerd sich darum gekümmert, dass wir nur für mich besondere Sensoren bekommen, die man lange Zeit nicht kalibrieren muss. Sie haben auch noch eine Kamera eingebaut, die mich fotografiert.

Abb. 2: Das interdisziplinäre Team FORAREX besteht aus Biologen, Chemikern, Geologen, Media Designern, Informatikern und System Engineers.

Bald ist es soweit. Mein Zuhause soll nun wirklich mit einer Rakete fliegen. Ich kann es kaum glauben. Ich fliege tatsächlich ins Weltall. Im März 2019 startet meine Rakete vom eisigen Lappland aus! Ich bin schon ziemlich aufgeregt, aber mit dem neuen Zuhause fühle ich mich sicher. Im Team sind sie natürlich auch ein bisschen aufgeregt, denn bald werden sie erfahren, ob ich mich in der Schwerelosigkeit tatsächlich anders verhalte.

Wir werden sehen, was passiert!

Zum Weiterlesen:

http://forarex.de/

http://rexusbexus.net/experiments/scientific-research/biology/

2 Kommentare

  1. schön geschrieben 🙂

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