Von Christoph Kulmann und Greta Sondej

Abb. 1 Polarlichter am nördlichen Himmel; verändert nach [1] © Simo Räsänen

Lang erwartet und heiß ersehnt startet unsere Trainingswoche im verschneiten Lappland nahe der nördlichsten Stadt Schwedens: Kiruna (aus dem Nordsamischen „giron”, zu dt.  „Schneehuhn”).

Der Bremer Flughafen stimmt uns schon auf das uns in Lappland bevorstehende Wetter ein…

Schnee pur! Sogar die Tragflächen unseres Flugzeuges müssen mit heißem Wasser und Alkohol enteist werden. Auf dem Flugweg nach Kiruna treffen wir auf andere Studierendenteams des REXUS/BEXUS-Programms. Nach fünf Stunden Flug und zahlreichen Umstiegen  sind wir endlich da! Die Flugzeugtür öffnet sich, und wir gehen (noch schön vom Flugzeug aufgewärmt) die Gangway hinab. „Ach so kalt ist es doch gar nicht…”, ist unser erster Gedanke. Langsam kriecht die Kälte Stück für Stück durch die Kleidung. Der Blick auf das Thermometer am Flughafen Kiruna lässt uns dann erstarren: Unglaubliche -26°C lesen wir auf der Anzeige! Also deutlich kälter als die Durchschnittstemperatur in einem Gefrierschrank mit nur -18°C. Das Gute daran ist, Kiruna hält uns auf jeden Fall SEHR frisch…

 

Abb. 2 Frostiger Willkommensgruß am Flughafen Kiruna, Schweden. © FORAREX

 

Nicht weit von uns befindet sich der zivile Ballon- und Raketenstartplatz European Space and Sounding Rocket Range (auch einfach nur Esrange genannt), der seit 1972 von der Swedish Space Corporation (SSC) betrieben wird. Das Esrange Areal ist jedoch für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich.  Die SSC nutzt ihn, um Höhenforschungsraketen und stratosphärische Ballons für Forschungszwecke zu starten. Hier befindet sich auch eine Station für Satellitenkommunikation.
Mit unserer Student Training Week auf Esrange bekommen wir den ersten Eindruck vom Raketenstartplatz unserer späteren Launch Campaign. Diese findet von Anfang bis Mitte März 2019 statt. In diesem Zeitraum startet auch unser Projekt FORAREX mit der Höhenforschungsrakete REXUS 25 ins All.

Die Trainingswoche ist ein fester Bestandteil des REXUS/BEXUS-Programms, das wir Euch in unserem letzten Artikel vorgestellt haben. Sie beinhaltet ein umfassendes Programm. Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen und das Esrange Space Center in Schweden wechseln sich hierbei als Gastgeber jährlich ab. In dieser Woche lernen sich zum ersten Mal alle (europäischen) RX/BX-Teams des aktuellen Zyklus kennen. Jedes Team stellt sein Projekt vor. Zusätzlich erfolgt eine Einführung in das REXUS/BEXUS-Programm sowie eine  Information zum Standort Esrange.

Jeder Morgen beginnt mit einer kleinen Lektion Schwedisch, in der wir zumindest einige wichtige Redewendungen kennenlernen („Hallo!”, „Wie geht’s?”, „Vielen Dank!”, „Ein Bier bitte.”, und ähnliche nützliche Dinge). Dann geht es über zum Tagesprogramm. Zusätzlich zu den Workshops und Vorträgen zu definierten Themen (RX/BX bezogen), runden Exkursionen (Esrange Visitor Center, MAXUS Startrampe, Bio-Lab, Kiruna City und ICEHOTEL) das Programm ab. Die wenige Freizeit, die uns bleibt, nutzen wir zum Skifahren, Saunieren oder für eine Erkundungstour.

Winterspaziergang

Eine zweistündige Nachtwanderung bei -26°C führt uns zum höchsten Punkt des Esrange Space Centers: dem Radar Hill. Dieser beherbergt eine Satelliten-Kontrollstation, eine GPS-Referenzstation und ein Ballon- Fernmeldesystem. Desweiteren sind dort auch ein Rayleigh-Mie-Raman-Lidar (radarähnliches System zur Fernmessung atmosphärischer Parameter) sowie andere wissenschaftliche Instrumente installiert. Der Hügel dient ebenfalls als Beobachtungsort für kleine Raketenstarts und Ballons, wie zum Beispiel für unseren Launch.

Wir machen uns auf den langen, steilen Weg. Klirrende Kälte begleitet uns, keine Straße beleuchtet, stockdunkle Nacht. Atemluft legt sich als feiner Schnee auf Mütze, Schal und Jacke. Und für Brillenträger ganz besonders gemein: Die Atemluft malt Eisblumen auf ihre Gläser. Sichtschutz mal anders. Da nützt einem dann auch die beste Taschenlampe nichts mehr. Es ist so kalt, dass die Feuchtigkeit der Umgebungsluft durch Frieren entzogen wirkt. Alles wird trocken: Mund, Gesicht, Hände. Man trinkt sehr viel beim Gehen und cremt sich Gesicht und Hände häufig ein. Beim Einatmen durch die Nase merken wir wie die Feuchtigkeit an den Nasenhaaren zu Eiskristallen gefriert. Fühlt sich an wie ein Kitzeln.

Endlich oben angekommen. Ein weiter, verschneiter Ausblick auf das Tal. In der Ferne blinken die Lichter von Kiruna. Der Himmel ist klar. Jetzt wissen wir, warum hier oben Atmosphärenforschung betrieben wird.  Mit der Kamera in der Hand entstehen schöne Aufnahmen – noch. Denn am Ende der langen Wanderung müssen wir feststellen, dass sämtliche, außerhalb der Taschen getragene Kameras, eingefroren sind.

Eine Studentin der Technischen Universität Luleå (des ansässigen Universitäts-campus Kiruna) beruhigt uns mit den Worten: „Eigentlich ist es jetzt relativ warm, letzte Woche hatten wir -35°C.” Oha! Gut, dass wir diese Woche hier sind. Erstaunlicherweise passt man sich schnell an die Kälte an. Das erleben wir wortwörtlich am eigenen Körper. Nach ein bis zwei Tagen klettern die Temperaturen auf nur noch -10°C. Schon bricht unter den Studierenden eine „Hitzewelle” aus. „Ach, deswegen ist es so warm. Es sind ja nur noch -10°C.” Mütze und Schal waren gestern.

 

Abb. 3 Straßenszene der Kleinstadt Kiruna: Die ortsüblichen Verkehrsmittel müssen natürlich ordentlich gesichert werden. © FORAREX


Nach einem gemütlichen Sightseeing in der Stadt Kiruna geht es in ein Freiluft-Museum über die Sámi. Die Sámi sind ein indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens. Das Museum ist ein nachgestelltes Dorf aus Hütten und Zelten, wir können uns alles ansehen. In einem Holzhäuschen wird ein Film über das Leben der Sámi gezeigt. Die Bilder und die Musik erinnern uns an die indigenen Völker Nordamerikas. Die Ureinwohner Lapplands leben und arbeiten im Rhythmus der Natur.

 

Abb. 4 Eindruck vom Museumsdorf der Sámi. Im Hintergrund sieht man die traditionelle Sámi-Unterkunft “Goahti” (zu dt. Zeltkote). Die Nachmittagssonne ist gerade noch stark genug für ein Foto. © FORAREX


Den krönenden Abschluss bildet ein Besuch im weltberühmten ICEHOTEL in Jukkasjärvi, das jährlich ab Oktober neu gebaut wird. Im Hotel kann man von Mitte Dezember bis Mitte April übernachten. Bei Außentemperaturen um die –30 °C ist es  drinnen bei etwa –5 °C richtig kuschelig warm. Jedes Zimmer ist individuell gestaltet. Der Einrichtungsstil reicht von maritimen Motiven bis hin zur Raumfahrt. Auf den geschnitzten Eisbetten wärmen Rentierfelle die kalten Füße. Wer jetzt eingefroren ist, kann sich an der hauseigenen ICEBAR mit hochprozentigen Getränken wieder auftauen. Man muss nur aufpassen, dass die Lippen nicht an den Gläsern aus Eis festfrieren.

 

Abb. 5 Blick in ein Zimmer des Eishotels. Die Zimmer sind aufwendig und liebevoll gestaltet. Trotz der Kälte in den Räumen wirken sie einladend und gemütlich. © FORAREX

Wir verlassen Kiruna und Esrange mit unvergesslichen Erinnerungen. Gut vorbereitet, freuen wir uns jetzt schon auf ein „cooles” Wiedersehen im März.

 

Fotonachweis:
[1]: Polarlichter am nördlichen Sternenhimmel (verändert nach Simo Räsänen “Aurora borealis above Lyngenfjorden”)
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Aurora_borealis_above_Lyngenfjorden,_2012_March.jpg