Viele von euch, wenn nicht die Allermeisten, sehen sich momentan mit einem sehr speziellen Semester konfrontiert.

Studierende aus den ersten Semestern kommen vielleicht gerade aus dem Abitur und haben sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich Uniluft zu schnuppern. Andere durften erst ein oder zwei Semester an der Uni verbringen und haben von ihr gefühlt nicht mehr als einen Trailer gesehen. Und wieder andere haben eventuell schon einige Semester auf dem Buckel, vermissen aber einfach ihr zweites Zuhause und die dortige Atmosphäre.

An sich sind die Umstände also nicht gerade berauschend – nicht einmal die O-Woche konnte dieses Jahr (wie sonst sehr zuverlässig) dafür sorgen. Doch ich will hier nicht schwarzmalen; dass das alles momentan nicht einfach ist, erfahren wir bereits jeden Tag aufs Neue.

Was das Organisatorische betrifft, so grenzt es meiner Meinung nach an eine Meisterleistung, sich während einer Pandemie gut strukturiert, stets vorbereitet und im besten Falle noch motiviert von Vorlesung zu Vorlesung zu arbeiten. Ich bewundere jeden Studierenden, der das schafft.

Gleichzeitig muss ich mich und auch Mitstudierende immer wieder ein Stück weit in die Realität zurückholen, denn – und das erwähnte ich bereits – es herrschen wirklich außergewöhnliche Umstände. Und dieses Umstände fordern jeden Einzelnen ja nicht nur äußerlich, was die Alltagsstruktur zum Beispiel anbelangt, sondern eben auch sehr stark innerlich, beziehungsweise psychisch.

Es klingt so eindeutig, wenn man das liest (zumindest geht es mir damit so), aber wenn man dann in seinen gewohnten Studien-Alltagstrott gerät und nur daran denkt, wann die nächste Hausarbeit, das nächste Praktikum oder das nächste Protokoll anstehen, dann kann dieser eigentlich sehr klare Gedanke schnell mal getrübt oder gar vergessen werden.

Ich persönlich habe sehr deutlich bereits mit der ersten Vorlesungswoche den Anstieg meines Stresspegels bemerkt.

Der Unterschied zwischen „Hey, es herrscht eine Pandemie, aber ich kann Zuhause sitzen und dabei Netflix schauen!“ und „Hey, es herrscht eine Pandemie, aber ich kann Zuhause sitzen und dabei drei Vorlesungen nachbereiten, zwei Praktika vorbereiten, acht Bücher herunterladen – und dann kann ich dabei Netflix schauen!“ ist doch ein gravierender.

Zwischendurch mal die Füße hochlegen und den Kopf sortieren.

Von Schlafproblemen weil der Kopf abends nicht schnell genug herunterfährt oder morgens zu schnell wieder hochfährt und einem veränderten Essverhalten (mehr, weniger oder einfach mal gar nichts), kann der eine oder die andere von euch bestimmt auch ein Lied singen.

Das alles sind Umstände und Zustände, die wir zwar so schon in gewisser Weise vom regulären Unialltag kennen, mit denen viele aber sehr viel besser umgehen können, wenn nicht gerade ein Virus die Runde macht, während man selbst viel lieber eine Runde durchs Viertel drehen würde

Auch wenn wir es gerne wollten, die aktuelle Lage lässt sich leider nicht so einfach verändern. Was sich aber ändern lässt, ist unser Umgang mit ihr und die innere Haltung, die wir dabei einnehmen.

Bereits letztes Semester habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Covid-19 doch auf meine Leistungsfähigkeit auswirkt – wer hätte das gedacht! Was vielleicht vorher noch gut oder sogar einfach lief, das wurde plötzlich mühsam und wollte so gar nicht mehr funktionieren. Deshalb nehme ich für mich diese Erfahrung in das neue und zweite Corona-Semester mit.

Ich kann nicht genau so funktionieren, wie ich es unter normalen Umständen könnte und das ist in Ordnung so. Ich habe keine jahrelange „Pandemieerfahrung“, auf die ich zurückgreifen könnte; ich muss – wie wir alle nun – lernen, wie das jetzt funktionieren kann. Und das möchte ich auch, aber das kann ich nur, wenn ich mir eingestehe, dass momentan vieles einfach etwas anders ist.

Weg vom Schreibtisch und raus in die Natur (aufgenommen von Rita Wolf).

Das Schwierigkeitslevel unseres Studiums hat sich erhöht, aber wer lernt, sich in einem schwereren Level fortzubewegen, erlangt auch ganz neue Fähigkeiten. Eine dieser Fähigkeiten könnte sein, von nun an besser auf die eigene psychische Gesundheit Acht zu geben, Akzeptanz für besondere Umstände zu erlangen und die Erwartungen an die persönichen Leistungen dementsprechend anzupassen. Ich glaube, wer das lernt, hat etwas Wertvolles aus dieser Lebenslage mitgenommen. Dazu gehört meiner Meinung nach, sich vor allem nicht unter zu starken Druck zu setzen, sondern lieber etwas verstärkt auf die körpereigenen Signale zu achten.

Muss ich diese Vorlesung wirklich genau jetzt nacharbeiten oder würde mir gerade ein Spaziergang ganz gut tun?

Kann ich das hier auch morgen noch fertigstellen und dafür eine Runde mit einer Freundin / einem Freund skypen?

Ist dieses zusätzliche Modul wirklich essentiell oder kann ich es auch für dieses Semester streichen und später nachholen?

Fragen dieser Art haben für mich – insbesondere in der aktuellen Lage – nichts mit Prokrastination, Faulheit oder … (hier beliebiges abwertendes Wort einfügen) zu tun; sie helfen vielmehr, einen gesunden Umgang mit den eigenen Bedürfnissen zu erlangen. Auch, wenn man studiert. Auch, wenn es Deadlines gibt. Und ganz besonders während einer Pandemie oder gar eines Lockdowns.

Speziell zum Thema „Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie“ hat die psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks der Uni Bremen ein neues Angebot geschaffen. Zu Beginn jeder Woche sind dort einige hilfreiche Tipps kompakt zum Downloaden zu finden, die sich jeweils auf ein bestimmtes Unterthema beziehen, wie beispielsweise „Semesterplanung und Alltagsgestaltung“ in der ersten Woche.

Wer sich noch zusätzlich über eines der Unterthemen austauschen möchte, hat die Möglichkeit, dienstags zwischen 9:30 und 10:30 an einem rein schriftlichen Chat der psychologischen Beratungsstelle teilzunehmen.

Mir persönlich hat es wirklich gut getan, von professioneller Seite zu hören, dass ich mir dieses Semester nicht zu viel aufbürden, sondern mich vielleicht lieber an meiner Leistung des letzten Semesters orientieren sollte.

Wenn Du im vorigen Semester z.B. 20 Credit Points erlangt hast, dann plane für den Winter nicht unbedingt 30 Leistungspunkte oder mehr ein, sondern überlege Dir, welches Pensum unter den aktuellen Lernbedingungen realistisch zu erreichen ist.“

Das klingt vernünftig und nimmt auf meiner Seite gleich etwas Leistungsdruck wieder raus. 

Mehr hiervon sowie regelmäßig Neues lässt sich unter https://www.stw-bremen.de/de/beratung/corona finden. Dort gelangt ihr nach einer kurzen Anmeldung auch zu erwähntem Chat. 

Ich für meinen Teil werde mir nun erst mal genau überlegen, was wirklich wichtig ist, was gar nicht so wichtig ist und was ich irgendwo dazwischen einordnen kann – und vor allem werde ich dabei genug Zeit einplanen für bunte Herbstspaziergänge, eine schöne Tasse Tee und natürlich ein bisschen Netflix.

Passt auf euch auf, bleibt gesund und gönnt euch genug Zeit zum Atmen.

6 Kommentare
  1. Paula
    Paula sagte:

    Danke für den Beitrag und dass du das aussprichst! Genau das spiegelt die Situation wider. Das gibt mir nochmal das Gefühl, dass ich nicht alleine bin und alle Emotionen und Gedanken und Verzweiflungen, etc. völlig normal sind zu dieser Situation.

    Antworten
    • Sarah
      Sarah sagte:

      Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Paula.
      Du hast da absolut Recht – wir sitzen alle im selben Boot und manchmal kann es schon helfen, zu erkennen, dass es ganz vielen sehr ähnlich geht damit.

      Antworten

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