Im letzten Teil habe ich mich mit dem Prozess der Wiedervereinigung beschäftigt. In diesem Artikel möchte ich mich nun mit der Frage beschäftigen, inwiefern Deutschland heutzutage vereint ist und ob Menschen überall gleiche Chancen haben.
Seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 sind bereits über 35 Jahre vergangen. Doch fühlen sich die Menschen in Deutschland tatsächlich “vereint”? Laut einer nicht repräsentativen Studie durchgeführt vom NDR und MDR fühlen sich die Deutschen tatsächlich nicht als eine komplett vereinte Nation. Doch besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen der Befragung in Norddeutschland und Mitteldeutschland. Der NDR befragte Menschen aus den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Der MDR befragte Menschen aus den Bundesländern Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Bei der Frage, ob Deutschland nach 1990 zu einer geeinten Nation zusammengewachsen ist, stimmten bei der NDR-Befragung rund 45% der Befragten zu. Bei der durch den MDR durchgeführten Befragung waren es lediglich 24%. Doch warum genau fühlen sich Menschen aus Bundesländern der ehemaligen DDR weniger vereint als deutsche Nation?
Der Grundstein für diese Meinungsdifferenz könnten im Mauerfall selbst, und der danach folgenden Wiedervereinigung gelegt worden sein. Nach der Wende und dem Fall des Eisernen Vorhangs verließen viele DDR-Bürger:innen ihre Heimat, um im Westen neu anzufangen und bessere Chancen im Berufsleben zu bekommen. Einigen gelang der soziale Aufstieg, doch andere fühlten sich zurückgelassen und von der Politik nicht ausreichend repräsentiert.
Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland ist seit 1990 dauerhaft höher als in Westdeutschland. Über die letzten 35 Jahre ist die Quote in Deutschland insgesamt stark gesunken, jedoch sind immer noch rund 2% mehr Menschen in Ostdeutschland, im Vergleich zu Westdeutschland, arbeitslos (Stand 2024). Abgesehen davon, dass in Ostdeutschland mehr Menschen ohne feste Arbeit leben, fehlt ebenfalls mehr Fachpersonal. Dies ist auf die Massenabwanderung nach dem Mauerfall zurückzuführen. Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze verließen viele Bürger:innen die DDR, jedoch nicht andersherum.
Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit in Ostdeutschland könnten auch die niedrigeren Löhne im Vergleich zum Westen sein. Während in westlichen Bundesländern wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen fast 50% der Beschäftigten innerhalb eines Tarifsystems angestellt sind, sind es in Sachsen oder Brandenburg nur knapp 40%. Dies ist darauf zurückzuführen, dass es in Ostdeutschland kein einheitliches Tarifsystem gibt und in Westdeutschland schon. Durch ein ungleiches Tarifsystem profitieren ostdeutsche Arbeitnehmer:innen weniger und werden von Unternehmen schlechter bezahlt. Dieser Missstand hat in den letzten Jahren dazu geführt, das sich Bürger:innen im Osten abgehängt fühlen.
Das Gefühl, in der Politik nicht gehört zu werden, kann nicht angenehm sein. Im Osten könnte dies mit einer der Gründe sein, weshalb extreme Parteien wie die AfD einen steigenden Zuspruch erfahren. Die AFD schafft es bei Menschen gut anzukommen, welche sich um einen sozialen Abstieg sorgen, oder aber sich von möglichen Krisen in der Zukunft bedroht fühlen. AFD-Wähler:innen sorgen sich überdurchschnittlich häufig um ihre finanzielle Absicherung im Alter oder aber um die Zukunftsperspektiven ihrer Kinder. Das Menschen in Ostdeutschland sich von der Politik nicht repräsentiert fühlen und auch auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben, begünstigt den Zulauf solcher Menschen zu der AfD maßgeblich.
Nun könnte sich der Eindruck aufdrängen, der Mauerfall und die Wiedervereinigung habe zu letztendlich mehr Ungleichheit geführt, als dass es Menschen wiedervereint habe. Natürlich gibt es heutzutage noch viele Aspekte, die sich in Ost- und Westdeutschland unterscheiden. Einige dieser Dinge müssen dringlichst verbessert werden, wie zum Beispiel die Unterschiede bei Löhnen oder der akute Fachkräftemangel. Es liegt an der Politik, Anreize zu schaffen, dass es mehr Fachpersonal in Bundesländer wie Sachsen oder Brandenburg zieht. Jedoch sind kulturelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland vorhanden, genau wie es Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland gibt. Das ist auch vollkommen normal, solange es lediglich kulturelle Unterschiede sind und nicht soziale oder ökonomische, welche zu ungleichen Chancen führen.
Der Weg, hin zu einer wirklichen Wiedervereinigung, ist ein langer und schwieriger. Die strukturellen Ungleichheiten müssen von der Politik priorisiert werden, da die Menschen ein Recht darauf haben, gleiche Chancen zu erhalten und dies faktisch noch nicht der Fall ist. Diese Probleme müssen schnell in Angriff genommen werden, bevor rechtsextreme Parteien die Unzufriedenheit der Menschen weiter für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.