“Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte” ist eine Familienbiographie über die Familie Kleinmann. Die Kleinmanns lebten als jüdische Familie während des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 in der Leopoldstadt in Wien und wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.
Die im Buch behandelten Familienmitglieder heißen Gustav, Tini, Edith, Herta, Fritz und Kurt Kleinmann. Ihnen folgt die Handlung des Buches hauptsächlich, wobei vor allem die titelgebenden Personen, der Vater Gustav und der Sohn Fritz, als Erzählschwerpunkte genutzt werden. Der 1929 geborene jüngere Bruder Kurt Kleinmann verfasste selbst im August 2018 das Vorwort des Buches. Die Familienbiographie entstand in enger Zusammenarbeit mit ihm sowie dem Tagebuch Gustav Kleinmanns und den Erinnerungen Fritz Kleinmanns. Insgesamt versucht der Autor Jeremy Dronfield den Leser anhand der Familiengeschichte durch die Zeit von 1938 bis 1945 in Zentraleuropa zu führen, wobei die Familienmitglieder als emotionale Ankerpunkte agieren, zu denen der Leser eine Verbindung aufbauen soll.
Die Kleinmanns waren 1938 eine einfache Familie und wohnten in einer kleinen Wohnung in der Leopoldstadt Wiens. Nach der Pogromnacht werden Vater Gustav und der 14-jährige Fritz erstmals verhaftet. Unter dem zunehmenden Druck und der steigenden Verfolgung versuchen die anderen Familienmitglieder einen Ausweg aus ihrer Heimatstadt zu finden. Fritz und Gustav hingegen werden in die industrialisierte Zwangsarbeit des Holocausts gezwungen und mit vielen Gräueltaten konfrontiert.
Dabei schafft es der Autor, das Schicksal der Familie in die zeitgeschichtlichen Geschehnisse einzuordnen und eine emotionale Bindung zwischen dem Leser und den Figuren herzustellen. Dabei werden immer wieder Zitate aus dem Tagebuch von Gustav Kleinmann, das die Zeit in den Konzentrationslagern überstand, eingebunden:
„Es rattert der Brecher tagaus und tagein,
er rattert und rattert und bricht das Gestein,
zermahlt es zu Schotter und Stunde auf Stund
frißt Schaufel um Schaufel sein gieriger Mund.
Und die, die ihn füttern mit Müh und mit Fleiß,
sie wissen er frißt nur - doch satt wird er nie.
Erst frißt er die Steine und dann frißt er sie.“
Wiederholt werden ähnliche Niederschriften aus dem Tagebuch Gustavs zitiert, wie hier über den Steinbruch Buchenwalds. Insgesamt ist zu erkennen, dass der Autor das Innenleben der Charaktere bewusst offen gestaltet, sodass die Leserschaft eigene Vorstellungen entwickeln und dadurch eine stärkere Identifikation mit den Personen aufbauen kann.
Der Fokus der Familienbiographie liegt auf der Erinnerung an das Schicksal deportierter Familien, wobei die Familie Kleinmann stellvertretend für viele andere stehen soll. Auf historischer Ebene gibt diese Familienbiographie einen beispielhaften Einblick auf das Schicksal vieler jüdischer Familien, vor allem darauf, wie die Familie entzweit wurde.