Ein Jahr vor Elsers Attentatsversuch inszenierte am neunten November 1938 Reichspropagandaleiter Goebbels infolge des Mordes von Herschel Grynszpan am NSDAP-Diplomat von Rath eine “spontane Vergeltungsmaßnahme des Volkes.” SA- und SS-Männer gingen dabei allerdings gezielt gegen jüdisches Leben vor. Sie jagten, verschleppten und töteten Juden auf dem gesamten Herrschaftsgebiet. Der Historiker Raphael Gross schätzt, dass etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung am Pogrom teilnahmen. Sie schlossen sich den SA- und SS-Männern bei der Zerstörung und Plünderung von Synagogen und jüdischem Eigentum an, standen schaulustig daneben oder feuerten Gewaltaktionen an. Erst ab 1978 etablierten sich offizielle Veranstaltungen in der BRD, die an diesen Tag erinnern. Zehn Jahre später erinnerte auch die Volkskammer der DDR an den Novemberpogrom.
Ein Jahr später fiel die Mauer, auch an einem neunten November. Die durch die Montagsdemonstrationen und die wirtschaftliche Lage unter Druck gesetzte Staatsführung um Erich Honecker machte im Oktober 1989 einer neuen SED-Regierung um Egon Krenz Platz. Auch dieser wollte eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten verhindern, allerdings trat der “Kronprinz Honeckers” bereits am sechsten Dezember 1989 wieder zurück. Die weiterhin problematische wirtschaftliche Lage, sowie die andauernde Migrationsbewegung aus der DDR über die seit dem neunten November geöffnete Grenze sorgten für eine Annäherung an die BRD und einen weitreichenden Wandel der SED, welche in den Monaten nach Honeckers Rücktritt mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verlor. 1990 dominierte eine mögliche Wiedervereinigung die Volkskammerwahl, bei der am 18. März unter anderem erstmals die SED, die sich bis dahin zur PDS umbenannt hatte, Bürgerbewegungen wie das Bündnis 90, die Ost-SPD und eine konservative “Allianz für Deutschland” um die Ost-CDU in freien Wahlen antrat. Nach dem Wahlsieg der “Allianz für Deutschland” mit ca. 48% wurde Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten der DDR ernannt und Verhandlungen über die Wiedervereinigung geführt. Nach der Unterzeichnung des 2+4 Vertrags am zwölften September durch die Außenminister der Alliierten sowie der deutschen Staaten wurde am dritten Oktober 1990 die DDR aufgelöst und die Wiedervereinigung vollzogen. Dieser Tag gilt heute als zentraler Nationalfeiertag der Bundesrepublik.
Rezeption
Der neunte November hingegen wurde nie zum offiziellen Feiertag gemacht, eben auch aufgrund seiner Vielseitigkeit. An ihm lassen sich die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte ablesen, weshalb für Steinmeier gelte: "Die Ambivalenz auszuhalten, das gehört wohl dazu, wenn man Deutscher ist.” Dabei spiegelt dieses Datum die Herausforderungen der deutschen Erinnerungskultur wider, da das Erinnern an das NS-Regime und deren Verbrechen Grundlage für das heutige nationale Selbstverständnis ist und die deutsche Geschichte dauerhaft belastet. Während der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit vor allem die Wiedervereinigung feiert, steht der 9. November für ein breiteres Spektrum historischer Momente. Der Mauerfall, das Ende der Monarchie und die Ausrufung der Weimarer Republik gelten als positive Wendepunkte, die diesem Datum auch eine hoffnungsvolle Seite verleihen und zum “deutsche[n] Tag schlechthin” macht.