Der neunte November hat einen besonderen Stellenwert in der deutschen Erinnerungskultur und wurde im Verlauf der Zeit unterschiedlich betrachtet. Vom Tag der Ausrufung der ersten demokratischen Republik und dem Ende der Monarchie über die Novemberpogrome bis hin zum Mauerfall und dem Ende des geteilten Deutschlands. Dennoch ist der neunte November heute kein offizieller Feier- bzw. Gedenktag. Obwohl deutschlandweit Gedenkveranstaltungen zum neunten November stattfinden, hat dieser Tag scheinbar eine geringere gesellschaftliche Relevanz als etwa der Tag der Deutschen Einheit, der dritte Oktober.

“Dem 9. November auszuweichen, mag verständlich sein. Doch wir sollten uns ihm stellen – mit all seinen Widersprüchen”, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am neunten November 2021 bei einer Gedenkveranstaltung. Er betonte damit die Ambivalenz des Tages und setzte sich das Ziel, das Gedenken an den neunten November zu festigen. Doch was bedeutet der neunte November eigentlich?

Historie: 

Den ersten bedeutenden neunten November sieht Steinmeier im neunten November 1848, auch wenn er ihn nur am Rande erwähnt. An diesem Tag wurde Robert Blum, ein Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, das erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament, auf Befehl der österreichischen Militärbehörde hingerichtet. Er setzte sich für einen nationalen deutschen Staat anstelle des Deutschen Bundes ein und wurde zum Märtyrer der Nationalbewegung und der gescheiterten Revolution von 1848-1849.

Nach dem Sieg im deutsch-französischen Krieg 1870-1871 wurde durch die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I., welcher 1849 noch an der Niederschlagung der demokratischen Revolution beteiligt war, in Versaille zum Deutschen Kaiser erstmals ein einheitlicher deutscher Staat begründet.

Wiederum an einem neunten November gab Reichskanzler Max von Baden 1918 die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. nach monatelangen Protesten und Streiks bekannt. Dies bedeutete nicht nur das Ende der Monarchie, sondern auch den Austritt aus dem Ersten Weltkrieg. Darauf folgten die Gründung der KPD und der Januaraufstand 1919. Sie sahen die Novemberrevolution als unvollständig an, da der Umbruch nicht groß genug gewesen sei. Die Reichswehr und die kaiserliche Beamtenschaft waren essentielle Pfeiler der Weimarer Republik, standen der Demokratie allerdings nicht loyal gegenüber. Für die Nationalsozialisten hingegen war dies ein “Tag der Schande“: Der Tag, der die Kriegsniederlage einleitete und schließlich zum Versailler Vertrag führte. Die Dolchstoßverschwörungstheorie war geboren. Anlässlich des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsches 1923 in München etablierten die Nationalsozialisten den neunten November als Gedenktag für die Gefallenen der Bewegung. Immer am Vorabend hielt Hitler eine Rede im Münchner Bürgerbräukeller, dem Ort, an dem der Putschversuch startete. So auch 1939, als Georg Elser ca. zwei Monate nach dem Beginn des Überfalls auf Polen ein Attentat auf Hitler verübte. Allerdings verließ dieser die Veranstaltung verfrüht, sodass die Sprengkörper ihn verfehlten. Elser wurde am neunten April 1945 im Konzentrationslager Dachau erschossen.

Der neunte November ist nicht nur der Tag, der mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Versailler Vertrag in Verbindung steht, sondern auch ein Tag, der zur Symbolik für Gewalt,Verfolgung aber schließlich auch der Befreiung wurde …

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