Die Geschichte des letzten der drei sogenannten Einigungskriege, der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 beinhaltet auch die Geschichte der Wohlfahrt. Während die politischen Anfänge und seine Auswirkungen sowie die militärischen Aspekte oft und ausführlich beschrieben wurden, steht die Hilfe für Geschädigte des Krieges eher an zweiter Stelle.

Bevor man sich damit beschäftigt, muss man sich jedoch erst einmal angucken, warum die Hilfsvereine überhaupt eine so wichtige Rolle spielen konnten.

Die Wirtschaft der deutschen Staaten, und vor allem in den Industrieregionen Preußens, waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitten in der Industrialisierung. Dadurch waren viele Männer in jenen Industrieunternehmen beschäftigt, zeitgleich waren aber auch noch viele Menschen in den anderen Wirtschaftszweigen, wie etwa der Landwirtschaft tätig.

Als der Krieg dann am 19. Juli 1870 ausbrach, verursachte er sehr schnell binnenwirtschaftliche Probleme. Auf den für die Wirtschaft so wichtigen Eisenbahnschienen hatten die Züge des Militärs Vorrang. Zusätzlich wurden hunderte Lokomotiven und tausende Lokführer eingezogen. Während die militärische Leitung seit Jahren Pläne für einen eventuellen Krieg gegen Frankreich ausgearbeitet hatte, bei denen so gut wie alle Aspekte beachtet wurden, gab es solche Pläne nicht für die Wirtschaft. Da langsam, aber sicher auch die Zeit gekommen war, wo riesige Heere von Nationalstaaten mobilisiert wurden, rief man Hunderttausende von Männern ein und entzog so der Wirtschaft ihre Arbeiter.

Während man sich in den wohlhabenderen Kreisen zunächst über den Krieg gefreut hatte, da er die nationale Einheit vorantreiben und Handelsbeschränkungen wegfallen würden, erfolgte recht schnell Ernüchterung. Aufgrund der unsicheren politischen Situation horteten sie ihr Geld und so war auch weniger Kapital im Umlauf. Eine Blockade der deutschen Häfen behinderte zudem auch noch den Export von Getreide aus den preußischen Gebieten östlich der Elbe. Diese hielt zwar nicht lange an, sodass bald wieder nach Großbritannien und Skandinavien exportiert werden konnte. Es half aber eher den größeren Betrieben, die sich Maschinen und höhere Löhne leisten konnten.

So gab es überall im Land Massenentlassungen in fast allen Bereichen der Wirtschaft. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr hatten bspw. Unternehmen im Ruhrgebiet Probleme, ihre Arbeit fortzuführen, da durch fehlende Eisenbahnen weniger Steinkohle geliefert wurde. Durch fortgesetzte Bauprojekte versuchten Behörden dem entgegenzutreten, jedoch war dies auf verhältnismäßig wenige Regionen begrenzt und man konnte auch nicht alle Entlassenen dort einsetzen.

Zu allem Überfluss wurde durch die steigende Nachfrage des Militärs nach Nahrung und Textilien eine Preisspirale ausgelöst, die die Inflation erhöhte und sich von den unteren sozialen Schichten kaum geleistet werden konnte.

Die steigende Not der Zivilbevölkerung und die wachsende Anzahl an Verwundeten wurde von den zuständigen Ämtern durchaus gesehen, ihnen fehlten jedoch die finanziellen Mittel und waren daher kaum in der Lage zu unterstützen.

Daher griff man auf das sich schon im Krieg von 1866 bewährte Mittel der Hilfsvereine. Diese hatten schon damals bei der Versorgung der Notleidenden geholfen. So rief etwa Königin Augusta von Preußen schon am 17. Juli zur Gründung von Vereinen auf und appellierte besonders an die Frauen. Diese Aufrufe stießen auf große Begeisterung. Insbesondere in den aristokratischen und großbürgerlichen Kreisen, da es der christlichen Überzeugung entsprach, den Notleidenden zu helfen.

Innerhalb von drei Monaten wurden über 300 Vereine mit mehr als 30000 Mitgliedern gegründet. Auch außerhalb von Preußen gab es sie; im Königreich Sachsen zum Beispiel fusionierten verschiedene Vereine zum „Internationalen Hilfsverein für das Königreich Sachsen“. In Bayern drängten hohe Beamte ihre Untergebenen dazu, Wohlfahrtsausschüsse zu bilden.

Auch in Preußen wurden im Sommer die vielen Vereine unter einem Dachverband organisiert, auch hier kopierte man den Erfolg aus den beiden vorangegangenen Kriegen.

Dieses Komitee richtete Lazarette ein und hielt Aktionen wie Benefizkonzerte ab, verwaltete Gelder und beschaffte Material für die Pflege von Verwundeten und schickten diese weiter.

Teilweise produzierten die Frauen, die sich engagierten und deren Männer weg waren, selbst womit sie sich ein kleines Zusatzeinkommen erarbeiteten.

Die Aufgaben bestanden daraus, vorbeiziehende Truppen an Bahnhöfen zu versorgen und vor allem die Versorgung von Verwundeten und Gefangenen, wobei letzteres teilweise den Missmut von eher nationalistischen Kreisen heraufbeschwor, da man sich „um den Feind“ kümmerte. Dies klingt nach erst einmal wenig, diese Aufgaben waren jedoch elementar.

Frauenvereine sammelten Geld für Unterstützung von eben jenen Familien, in denen der Vater als Haupternährer nicht da war und somit kaum finanzielle Mittel besaßen.

Nach den zwei großen Siegen bei Metz (20.08.) und Sedan (01.09.-02.09.) und der anschließenden Einschließung von Paris (ab 19.09.) ging die große Menge an Spenden jedoch zurück und die Vereine mussten dazu übergehen Hauskollekten durchzuführen. Erschwerend dazu kam, dass die Kosten für neue Lazarette und Personal immer weiter stiegen. Die gesammelten Gelder bleiben jedoch überaus wichtig, da immer mehr Geld des Staates für Pflichtzahlungen an Familien von immer mehr eingezogenen Männern aufgewendet werden musste. Ohne die Spenden wären andere Bereiche auf der Strecke geblieben.

Es lässt sich sagen, dass die Behörden ohne die Hilfe und die privaten Spenden, es wahrscheinlich nicht geschafft hätten, sich um die zahlreichen Verwundeten und in Not geratenen Zivilisten zu kümmern und eine vernünftige Versorgung sicherzustellen. Der Historiker Klaus-Jürgen Bremm geht sogar so weit, dass die soziale Ordnung ohne diese private Hilfe wahrscheinlich zusammengebrochen wäre.

Leider sind die Hilfsvereine und vor allem die Frauen, die mit großem Abstand die meisten dieser Helfer waren, ein vergessenes Kapitel dieser turbulenten Zeit.

 

 

 

 

Quellen:

Bremm, Klaus-Jürgen (2023): 70/71 Bismarcks Sieg über Frankreich, Verlag Herder GmbH

Seyferth, Alexander (2014): Kollekten für den Krieg. Unterstützungsvereine im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, Militärgeschichtliche Zeitschrift, DE GRUYTER OLDENBOURG

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe