Im ersten Teil dieser Artikelreihe haben wir den historischen Hintergrund und den Nutzen kommunaler Partnerschaften kennengelernt. Nun wollen wir etwas konkreter werden und besondere Formen solcher Partnerschaften betrachten.
Ein besonderes Feld der Partnerschaften zwischen internationalen Kommunen sind die deutsch-deutschen Partnerschaften: Zwar war Deutschland zwischen 1949 und 1990 in zwei Staaten aufgeteilt, doch sind diese Partnerschaften nicht im selben Maße international, wie es beispielsweise Partnerschaften zwischen Frankreich und Großbritannien sind, schließlich sind/waren sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch die Deutsche Demokratische Republik deutsche Staaten. Im ersten Teil des Artikels haben wir herausgefunden, dass kommunale Partnerschaften aus deutscher Sicht häufig von dem Gedanken an Versöhnung im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg geprägt waren. Doch bei deutsch-deutschen Partnerschaften kommt dieses Motiv nicht in Frage, da die beiden beteiligten Staaten dieselbe Schuld und Verantwortung an den Schrecken des Zweiten Weltkrieges tragen. Was könnte Kommunen aus Westdeutschland also dazu bewegen, eine Partnerschaft mit einer ostdeutschen Kommune anzustreben (oder andersherum)?
Nicht nur die Versöhnung, sondern auch die Völkerverständigung im Allgemeinen ist ein wichtiger Bestandteil kommunaler Partnerschaften. Es geht also auch darum, Menschen aus zwei Staaten einander näherzubringen. Natürlich war die Teilung Deutschlands in zwei Staaten nicht gleichbedeutend mit der unmittelbaren Entfremdung von Ost- und Westdeutschen. Allerdings könnte man argumentieren, dass sich die Bürger:innen beider Staaten aufgrund der unterschiedlichen Alltage in der BRD und der DDR im Laufe der Zeit zumindest teilweise auseinandergelebt haben, zumal der direkte Kontakt zwischen den Bürger:innen beider Staaten deutlich erschwert wurde.
Der Versuch, diesem Auseinanderleben entgegenzuwirken, die Bürger:innen beider Staaten einander näher zu bringen und so die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung beider Staaten zu wahren, ist also ein durchaus plausibles Motiv für die Gründung deutsch-deutscher Partnerschaften. Besonders in Zeiten des Kalten Krieges war der Gedanke, Brücken zum Nachbarn zu bauen, hoffnungsvoll und friedlich – entgegen der globalen Angst vor einer totalen Eskalation.
Dennoch konnten solche Partnerschaften nicht ohne Weiteres gegründet werden. Auf beiden Seiten gab es große Vorbehalte: Die DDR befürchtete Spionage und Unterstützung für Widerstandsgruppen im Osten [1] und auch der BRD war die Sache nicht geheuer: Bis in die 70er Jahre mussten BRD-Kommunen, welche eine Partnerschaft mit einer westeuropäischen Kommune pflegten, befürchten, dass diese ausgesetzt würde, sobald die westeuropäische Kommune eine Partnerschaft mit einer Kommune der DDR einging [2]. Doch mit der „Entspannungspolitik“ kehrte etwas mehr Ruhe in die Konflikte zwischen Ost und West ein [3]. Auch der Grundlagenvertrag sorgte für klarere Verhältnisse und institutionalisierte Kontakte zwischen beiden Staaten, wenngleich die vollständige Anerkennung der DDR durch die BRD weiterhin ausblieb [4].
Auch auf beständiges Hinwirken verschiedener Kommunen erfolgte letztendlich im Jahr 1985 doch die Zusage einer ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft: Saarlouis und Eisenhüttenstadt. Eigentlich hatte Saarlouis sich die Partnerschaft mit Halberstadt gewünscht, doch die Führungsriege der DDR teilte Eisenhüttenstadt als Partner für Saarlouis ein. Anschließend wurden weitere deutsch-deutsche Partnerschaften gegründet, zum Zeitpunkt des Mauerfalls gab es bereits 62 Partnerschaften, sowie mehrere hundert Anfragen von Kommunen aus Ost- und Westdeutschland [2]. Dennoch blieben die Gestaltungsmittel innerhalb dieser Partnerschaften begrenzt. Die Begegnungen liefen in strikt organisierten Rahmen ab [5]. Kritische Stimmen behaupten, dass es sich bei den innerdeutschen Städtepartnerschaften nur um „Funktionärstourismus“ gehandelt habe. Dennoch sind aus den innerdeutschen Städtepartnerschaften persönliche Kontakte entstanden, die es ohne diese Patenschaften vermutlich nie gegeben hätte [1].
Innerdeutsche Städtepartnerschaften nach dem Mauerfall
Nach dem Mauerfall und der im Oktober 1990 folgenden, formalen Integration der Bundesländer der ehemaligen DDR in die BRD haben die deutsch-deutschen Partnerschaften ihren Sinn auf den ersten Blick vielleicht verloren. Doch war und ist durch die formale Integration noch keine tatsächliche Integration erreicht, sodass ein fortlaufender Kontakt durchaus sinnvoll scheint. Die Stadt Osnabrück gibt sogar an, dass sich die Beziehungen zu ihrer ostdeutschen Partnerstadt Greifswald nach 1990 intensiviert haben. Das leuchtet ein, da ab diesem Zeitpunkt die Hürde der Kontrollinteressen wegfiel und der Austausch zwischen den Kommunen und ihren Bürger:innen deutlich natürlicher wurde. Außerdem geben beide Städte an, dass Osnabrück nach dem Mauerfall aktive Unterstützung in verwaltungstechnischen Fragen auf Greifswalder Seite geleistet hat. Bis heute finden regelmäßig Austausche zwischen den beiden Städten statt, die sich schon längst nicht mehr nur mit der innerdeutschen Frage beschäftigen, sondern viele andere Bereiche des menschlichen Zusammenlebens betreffen [6][7].
Quellen:
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- Bild: "0576 1989 BERLIN Mauer (1 december) (14285537256)" by Aad van der Drift is licensed under CC BY 2.0, via wikimedia commons
- [1] https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/freundschaft-unter-kontrolle-staedtepartnerschaften-zwischen-dem-saarland-und-der-ddr/
- [2] https://www.geschichte-doku.de/deutsch-deutscher-alltag/themen/?a=staedtepartnerschaften
- [3] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kalter-krieg-entspannungspolitik-als-mittel
- [4] https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-modernisierung/neue-ostpolitik/grundlagenvertrag.html
- [5] https://www.ardmediathek.de/video/nordmagazin/zeitreise-deutsch-deutsche-staedtepartnerschaften/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8xMjY1MTk2OC05NGM3LTRjZTItODAzYS0zYmRiMjliYTI0YjY
- [6] https://demokratisch.osnabrueck.de/de/staedtepartnerschaften/partner-und-freundschaftsstaedte/partnerstaedte/greifswald/
- [7] https://www.greifswald.de/de/verwaltung-politik/rathaus/staedtepartnerschaften-und-internationale-kontakte/Osnabrueck/