Gewusst? Das wichtigste Forum für Wissenschaftsjournalismus im deutschsprachigen Raum und kommt aus Bremen: Die Wissenswerte! Seit fast 20 Jahren diskutieren auf der Wissenswerte im Schnitt 450 Teilnehmende über eine gute, faktenbasierte Darstellung von Wissenschaft in den Medien. Transparenz und Qualität statt Fake News und Hype! Wir waren im Namen des ScienceBlogs dort und berichten…

Das diesjährige Programm strukturierte sich in die Bereiche ‘Wissen’, ‘Daten’, ‘Medien’. Zur Aufbereitung von Wissen braucht es mehr als das Verständnis eines Sachverhaltes:  Aktuelle Krisen zeigen, dass der Umgang mit Daten und Technologien zunehmend an Bedeutung gewinnt. Was sind die neuesten Erkenntnisse? Wie werden diese gewonnen und wie kann dies vermittelt werden?

Moderner Datenjournalismus ermöglicht, Recherchen auf belastbaren Zahlen zu basieren. Das kann eine Unabhängigkeit bieten und erlaubt Aussagen [z.B. von Politiker*innen, Expert*innen und Medienquellen] zu überprüfen. Die Daten müssen dann in den verschiedenen Medien visualisiert und erläutert werden. Darstellende Medien befinden sich durch immer neue digitale Formate selbst im Wandel. In allen drei Bereichen muss also beständig weitergelernt werden. Fazit: Wissenschaftsjournalismus ist komplex und 2022 vielleicht eine anspruchsvollere Aufgabe als je zuvor.

‘Wer’?, ‘Wie’?, ‘Was’?

Meine erste Begegnung mit Wissenschaft in den Medien erfolgte durch die Sesamstraße. ‘Wer’?, ‘Wie’?, ‘Was’?, Wurde erst gefragt und dann beantwortet. Ich saß zufrieden vor dem Fernseher, konsumierte Wissen und Krümelkekse, lernte wie die Welt funktioniert.

Mit dem Erwachsenwerden ist die Welt komplizierter geworden. Die Fragen sind ähnlich geblieben: ‘Wer’?, ‘Wie’?, ‘Was’?

Guter Wissenschaftsjournalismus hilft beim Beantworten!  Aus einer Vielzahl von Quellen versuche ich, mir ein Weltbild zusammen zu basteln.

Wer macht eigentlich Wissenschaftsjournalismus?

Wie berichtet (guter) Wissenschaftsjournalismus?

Was berichtet Wissenschaftsjournalismus?

Unser Programm – ein kurzer Abriss der besuchten Wissenswerte Sessions, auf deren Inhalte diese Artikel sich stützen.

Das Programm beginnt mit einem Einspruch von Dietrich Krauss  (bekannt aus ‘Die Anstalt’, ZDF). Unter dem Titel ‘Zum Totlachen’ thematisiert er Journalismus und Satire in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit [Keynotes]. ‘Totgelacht’ werden soll natürlich weder das Niveau, noch der Wissenschaftsjournalismus.  Krauss grenzt dabei Kunstfreiheit klar von “Pöbelfreiheit” ab. Er betont, gute Satire müsse das Publikum zuerst auf einen guten Wissensstand bringen, bevor ‘Der Spaß losgehen kann’. Ein hoher Anspruch. Mit diesem Einstieg beginnt der Spaß auf der Wissenswerten so richtig!

Wir starten den Montagnachmittag mit einer Debatte ‘Wie Woke sind Wissenschaftsjournalist:innen’, geleitet von den Moderator*innen Michael Stang und Susan Schädlich.

Anschließend thematisiert die Diskussion ‘Warum Frauen immer absagen… und was wir dagegen tun können’, die leider immer noch aktuelle Frage nach der Frauenquote. Moderiert wird die Diskussion von Susann Morgner [Geschäftsführerin der Agentur für Wissenschaftskommunikation con gressa] und Holger Hettwer, dem Programmplaner der Wissenswerten.  Am Abend fährt die Straßenbahn das Publikum ins Universum Bremen, wo der Journalistenpreis PUNKT für herausragenden Technikjournalismus verliehen wird. Der Gewinnertext der Rubrik ‘tagesaktuell’ diskutiert den Streich ‘Tesla Bot’, das (unerfüllte) Versprechen eines humanoiden Roboters von Elon Musk. In der Rubrik ‘Hintergrund’ gewinnt die  Reportage ‘Die Erde mit Erde retten’, die über Ansätze eines Bauers, CO2 in Böden zu binden berichtet. Nach der Verleihung ist Zeit zum Kennenlernen, Wiedersehen, Vernetzen und Austauschen am leckeren Buffet. Ein toller Abschluss des reichhaltigen Tages!

Der Dienstagmorgen startete trotzdem früh und gehaltvoll: In einem Vortrag berichtet Prof. Christina Elmer (Expertin für Digital- und Datenjournalismus) über die aktuellen Entwicklungen im Journalismus. Sie stellte die neuesten Fragestellungen und

Projekte der TU Dortmund vor und zeichnete in einer Gedankenreise die Medienwelt der Zukunft.

Anschließend leitete Prof. Holger Wormer (Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund) die Diskussion ‘Krise der Faktizität’ und erklärte, wieso wir Wissenschaftsjournalismus neu denken müssen. Am Nachmittag richtete Stefan Schmitt  (Ressort Wissen, Die Zeit) den Fokus noch einmal auf den Klima-Journalismus und fragte den Kommunikationswissenschaftler Prof. Brüggemann: ‘Sind wir noch vor der Kurve?’. Zeitgleich diskutierte ein Deep Dive zum Thema ‘Sex vs. Gender-wissenschaftliche Erkenntnisse’ zu der Frage: ‘Wie viele biologische Geschlechter gibt es?’ Lars Koppers vom Science Media Center erklärworauf es ankommt, wenn Journalist*innen mit Modellen arbeiten. Viel spannender Input, Informationen und Anregungen zum Nachdenken rund um aktuelle Themen des Wissenschaftsjournalismus! Machen wir uns auf die Suche nach dem ‘Was’, ‘Wie’ und ‘Wer’ im Wissenschaftsjournalismus!

Beginnen wir mit dem ‘Was’: Was ist wissenswert?

Konsens: guter Wissenschaftsjournalismus basiert auf Fakten. Leider ist die Angelegenheit mit den Fakten im Jahre 2022 nicht mehr so einfach. Dies thematisiert die Session ‘Die Krise der Faktizität’, moderiert von Prof. Holger Wormer [Literatur: Profaktisch statt Postfaktisch]. Die Definition von Fakten und Wahrheiten ist komplex. Neben gesichertem, eindeutigem Wissen (Fakten), wird zwischen multiplen Fakten, unsicheren Fakten und alternativen Fakten unterschieden. Multiple Fakten bezeichnen das Nebeneinanderbestehen verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven. So können zum Beispiel Aussagen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zueinander in Spannung stehen. Unsichere Fakten bezeichnen nicht gesichertes Wissen, Aussagen zu denen in einer wissenschaftlichen Debatte noch kein Konsens erreicht wurde. Diese unsicheren Fakten lassen sich schnell politisieren, sind jedoch keine willentlichen Falschaussagen. Davon differenziert werden alternative Fakten: Alternative Fakten dienen der gezielten Desinformation durch Pseudowissenschaften. Erschreckend viele Formen von ‘Fakten’. Um diese Fakten zu unterscheiden, braucht es einen sicheren Umgang mit Primärquellen und viel Zeit.

Der Vortrag schließt an eine weitere Herausforderung in der Wahrheitsfindung an: Immer präsenter werdende Halbwahrheiten.

Was sind Halbwahrheiten? Halbwahrheiten sind die Grundlage einer jeden Verschwörungstheorie.  Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess beschreibt in ihrem Buch ‘Halbwahrheiten’ diese als ein mächtiges Instrument zur ‘Manipulation der Wirklichkeit’ im aktuellen politischen Diskurs. Halbwahrheiten scheinen sich auf Fakten zu stützen, verlassen aber dann die Sachebene und ergänzen eine ‘fiktive’ Ebene (ein Podcast zum Thema).

Halbwahrheiten würden damit versuchen, die Diskussion von ‘wahr/unwahr’ auf die Unterscheidung von ‘glaubwürdig/unglaubwürdig’ zu ziehen. Wenn die zugrunde liegenden (überprüfbaren) Faktenwahr seienund die fiktive Ergänzung glaubwürdig scheinekönntenn wir schnell in die Falle der Halbwahrheit tappen. Denn die fiktive Ebene ließe sich, da sie den Boden der Tatsachen verlässt, nicht widerlegen. Vorsicht sei geboten, um  eine in sich kohärente Aussage oder Überlegung (Halbwahrheit) von einem gültigen Sachverhalt zu unterscheiden.

Was tun nun aber (Wissenschafts)journalist*innen, um diesen Halbwahrheiten entgegenzuwirken?

David Kaldewey  veranschaulicht dies mit einer Heizungsmetapher [ausführlicher Bericht], eingeleitet durch den humorvollen Bezug zu den aktuellen Energiekosten. Er vergleicht die Wissenschaftskommunikation mit einem Heizungsregler, bei dem die Wahrheit in der Mitte auf der drei liegt.

Nehmen wir an, wir betreten unser kaltes Wohnzimmer.

Wer langfristig denkt und weiß, wie ein Thermostat funktioniert, schaltet den Heizungsregler auf drei. Wer sich von seinem Empfinden ‘mir ist kalt’ leiten lässt, folgt seinem spontanen Impuls und dreht die Heizung voll auf. Nehmen wir nun an, wir kommen in eine Debatte, und merken: Die Stimmung (Temperatur) ist deutlich von der Wahrheit verschoben, die Heizung steht quasi auf eins. Beherrschen wir uns und bleiben trotzdem bei der Wahrheit? Stellen also unsere Heizung auf drei? Oder drehen wir voll auf, verschieben wir unseren Standpunkt von der Wahrheit weg, in die Gegenrichtung, um diesem Extrem schnell entgegenzuwirken?

Metapher: Wie auf einem Heizungsregler die Temperatur, lässt sich auch der Wahrheitsgehalt einer Berichtserstattung regulieren. Die Wahrheit einer Debatte liegt in der Mitte, auf der drei. Auf Null unf fünf liegen die zwei Extreme. Beides sind Unwahrheiten, zu verschiedenen Seiten der Wahrheit verschobene Standpunkte. Die beiden Extrempositionen unterscheiden sich oft durch ihre (poiitische) Motivation.

David Kaldewey bezieht sich hierbei auf Nicola Gess ‘Regelkreis der Desinformationskybernetik’. Diese vergleicht den öffentlichen Diskurs über Wissenschaft mit einem Heizungsregler, der abwechselnd zu hoch oder zu niedrig gedreht wird.

Ziel guter Wissenschaftskommunikation sei es, ein angemessenes Klima im Raum zu erzeugen. Dabei könne ‘gut gemeint’ sein, die Wahrheit etwas zu verrücken, um einen ‘gefühlten Ausgleich’ zu erreichen.

Verteufeln beispielsweise Stimmen die Corona-Impfstoffe, besteht die Versuchung, mit Aussagen wie ‘Der Impfstoff hat keine Nebenwirkungen’ gegenzusteuern. Die Wahrheit liegt dazwischen: Jede Impfung hat Nebenwirkungen, die aber in der Regel deutlich geringer sind als die Risiken bei einer Infektion. Diese Form der Berichterstattung polarisiert und verpasst oft systematisch den Bereich, in dem wir die Wahrheit vermuten. Konzentrieren wir uns zu sehr darauf, das gewünschte Klima im Raum zu erreichen, vernachlässigen wir die tatsächlich korrekte Temperatur.[Anmerkung: Schnellstmöglich erhitzt sich der Raum, wenn wir auf fünf stellen und dann den perfekten Zeitpunkt abpassen, herunterzuregulieren. Eine öffentliche Debatte ist jedoch zu komplex, um sie so genau regulieren und manipulieren zu können.]

‘Die Frage, wieviel Engagement und Haltung in die Berichterstattung einfließen soll, muss ständig neu verhandelt werden. Besonders relevant ist die Frage im Klimajournalismus, der sich immer wieder vom Aktivismus abgrenzen muss’. [Holger Hettwer]  

Besonders bei Klimathemen ist die Intention der Autor*innen schnell mit im Spiel der Impuls, Falschaussagen durch übersteuerte Berichterstattung und den geschickten Einsatz von Emotionen entgegenzuwirken ist verständlich.  [mehr zu: Storytelling in der Klimakommunikation].

Passend zu der Heizungs- und (Raum)klimametapher schließen wir einen kurzen Diskurs an und fragen:

Wie präsent sind Klimathemen eigentlich heute im Wissenschaftsjournalismus?

Prof. Brüggemann erklärt in der Session ‘Klimajournalismus, sind wir noch vor der Kurve?’, zwar sei das Publikum für Klimathemen eigentlich größer als je zuvor, trotzdem behandelten  in der Regel unter 5% der europäischen Berichterstattungen Klimawandel [Daten].

mehr: percentage of climachange related articles online

Statistiken zeigen: weltweit liegt der Anteil noch niedriger [Daten]. Ausschläge die 15% erreichen, sind in den letzten fünf Jahren die Ausnahme gewesen. Das Online Media Monitor Projekt wertet tägliche Daten zur weltweiten Online-Klimaberichterstattung aus. Dazu werden mindestens je zwei Quellen aus 18 Ländern berücksichtigt.

Prof. Brüggemanns zieht ein ernüchterndes Fazit aus dieser großen Datenbank: Wir sind nicht mehr vor der Kurve, wir joggen eher nebenher.

Eines der Hauptprobleme der Klimaberichterstattung sei, dass sie selten wirklich akut, ‘heiß’ und zeitkritisch sei und somit oftmals aus den Schlagzeilen verdrängt wird. Ausnahme bilden Extremereignisse, wie zum Beispiel die Flutkatastrophen in Deutschland.

Kommunikation ist komplex.

So gut die Absicht auch sein mag, langfristig könnten durch eine solche (kurzfristig sinnvoll erscheinende) Wahrheitsregulation unvorhergesehene Kosten entstehen. [Dies gilt im Übrigen auch für das starke Hoch- und Runterdrehen einer Heizung]. Im schlimmsten Fall riskieren Medien ihre Glaubwürdigkeit [Eine aktuelle Debatte um ‘Meinungsmache’ in die Medien]. Guter Wissenschaftsjournalismus könnte also bedeuten, Wahrheit und Nützlichkeit in der Berichterstattung zu balancieren. Wie gelingt diese Balance? Wie achtsam, wie wach ist der Wissenschaftsjournalismus? Dieses ‘Wie’ wurde in der Unterhausdebatte ‘Wie woke ist Wissenschaftsjournalismus?’ thematisiert.

Was heißt eigentlich WOKE?

Der Ausdruck WOKE ist ein US-Slang-Wort, das wahrscheinlich von dem Englischen ‘erwacht/wach’ stammt. Die Ursprünge des Ausdruckes werden in den 1930er Jahren vermutet, ‘Woke’ sollte ein ‘waches’ Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und Rassismus beschreiben [mehr]. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung verbreitete sich der Begriff weltweit, der deutsche Duden übersetzt WOKE als  „In hohem Maß politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung“.

Zunehmend wird der Begriff von Konservativen und Rechten verwendet, um Linke Ziele sarkastisch abzuwerten. Auch von Links wird der Begriff kritisch genutzt, um ‘scheinheiliges’ Vorgehen zu kritisieren, das die eigentlichen Ursachen der Unterdrückung außen vor lässt. 

2022 erfolgt die positive Selbstbezeichnung als ‘WOKE’ nur noch selten, die Konnotation des Wortes hat sich stark verändert.

 ‘Wie Woke ist Wissenschaftsjournalismus?’ ?

Wie bereits diskutiert, sollte guter Wissenschaftsjournalismus aufklären und erklären, sowie zum Denken und Verstehen anregen. Der Ton sollte um Neutralität bemüht und der Stimme des Gewissens verpflichtet bleiben. Der Ethikrat Deutschland hat dafür eigens Richtlinien zu einer Vielzahl an Themen erstellt.  Die Umsetzung ist anspruchsvoll und fordert häufig Kompromisse [mehr].

Wie gut gelingt sie? Darüber wurde in der Unterhausdebatte   ‘Wie Woke ist Wissenschaftsjournalismus?’  gestritten. Provokativ formulierte Aussagenforderten die Teilnehmeenden auf, sich zu  positionieren. Die eine Hälfte der Stühle stand auf der ‘Ich stimme zu’, die andere auf der ‘ich stimme nicht zu’ Seite. Eigentlich sollte der Mittelgang die beiden Lager trennen, aber je vertrackter die Fragen wurden, desto mehr sammelten sich Unentschiedene zwischen den Stühlen. Wer saß, tat dies oft im inneren Zwiespalt. Umso lebhafter wurde argumentiert und im Zuge der Diskussion (wiederholt) mal die Seite gewechselt. Beispiele waren Statements wie ‘Journalismus kann sich Neutralität nicht mehr leisten’.

In der Diskussion wurden dann typische Stolperfallen in der Berichterstattung aufgebracht. Ein Beispiel: ‘False Balances’. Hier ergab sich folgender Konsens: Das Verhältnis der eingeladenen oder wiedergegebenen Meinungen sollte dem Meinungsverhältnis in der aktuellen Wissenschaft entsprechen. Wenn drei Forschende zum Thema Klima eingeladen werden, wäre es statistisch repräsentativ, wenn KEINER der dreien den Klimawandel leugnet. Auch die Krise der Faktizität und der zunehmende Druck in der Branche wurden erneut thematisiert. Wiederholt wurde gewarnt, dass mangelnde Neutralität und der Versuch, Vorgaben zu machen, genau  das Gegenteil erreichen könnten. Meine abschließende Wortmeldung dazu: Entscheidend sei, wie wir Neutralität definieren. Bereits die Auswahl der Fakten unterliegt dem Bias des Autors [mehr]. Zu 100% neutral kann eine Berichterstattung daher niemals sein. Trotzdem sollte guter Wissenschaftsjournalismus informieren und nicht manipulieren. 

Ebenfalls gestritten wurde um die Aussage ‘Viele Medien sind Vollzugsorgane ihrer eigenen Meinungsmache’, ein Zitat aus Precht und Welzers “Die vierte Gewalt”. Das Buch kritisiert die Massenmedien scharf und hat diesen Herbst zu vielen kontroversen Debatten geführt. Hier wurde betont, es gäbe durchaus noch Publikum für gut recherchierte, sachliche Reportagen. Trotzdem würden zugespitzte Formate oft ein wenig besser laufen. Zum Beispiel hätte das ‘frechere’ Format Science Cops ein etwas größeres Publikum als die sachlicheren Formate von Quarks. Nach dem Motto: ‘Informieren ist schön, zusätzlich unterhalten ist besser’ [Quelle]. Sowohl Unterhaltungswert als auch Neuigkeitswert entscheiden also maßgeblich über die erzielte Aufmerksamkeit.

Ein Großteil dieser Aufmerksamkeit (für online Artikel) kommt heute über Social Media Plattformen. So ist es auch bei unserem ScienceBlog. 😉 Die Algorithmen von Social Media Plattformen bevorzugen polarisierende Inhalte [Quellen], Beiträge, die viel Aktivität erzeugen. Dadurch erhöht sich die Aufmerksamkeit für extreme Positionen in der Gesellschaft. Die Social media Algoritmen beeinflussen heute also ‘Was’ geklickt und dann gelesen wird [mehr]. Der Sensationswert kann schnell die Themenwahl in der Berichterstattung bestimmen [mehr].  Wie werden sich diese Algorithmen zukünftig entwickeln? Und welche neuen Formate werden den Journalismus verändern?

Ein paar Zahlen zu der Verbreitung von Social Media: Weltweit hat die Anzahl an Social Media Usern in 2022 um gute 10% zugenom

men, auf nun 4.62 Milliarden Menschen (Digital Report 2022). In Westeuropa nutzen 84% der Bevölkerung Social Media und Deutsche verbringen im Schnitt etwa 1.5h täglich auf den Plattformen [Quelle]. Social Media ist damit in der Breite der Bevölkerung angekommen.

Transformation des Journalismus

Der Journalismus muss sich zunehmend fragen, wie er heutige und zukünftige Generationen erreichen kann. Zu trocken, zu langweilig, zu Schulbuch? Die Generation Alpha will unterhalten werden. In 15 Jahren könnte die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne für lange, aufwändig recherchierte, gut dokumentierte Artikel einfach zu kurz geworden sein. Prof. Christina Elmer aus Dortmund beschäftigt sich mit dieser Problematik. Ihr an der TU Dortmund angesiedeltes Institut für Journalistik bildet seit Jahren zukünftige (Wissenschafts-)journalist*innen aus und forscht zur Entwicklung des Journalismus.

In einer Gedankenreise lässt Prof. Elmer die Teilnehmer*innen über ein mögliches Zukunftsszenario zum Medienkonsum nachdenken. In der folgenden Diskussion werden viele Fragen aufgeworfen:

Bereichern Gaming-Erlebnisse, bei denen junge Menschen vollkommen in die digitale Welt des Spiels eintauchen, die Medienwelt? Wie viel Zeit und Aufmerksamkeitsspanne werden überhaupt noch den Printmedien gewidmet? Soviel ist gewiss: Klassisches Storytelling wird für die kommenden Generationen wohl nicht mehr an erster Stelle stehen. Vielleicht existiert stattdessen eine digitale Informationsarchitektur, die Nachrichten individuell auf die Nutzenden zuschneidet? Dazu stellen sich dann einige organisatorische und rechtliche Fragen. Zum Beispiel: Gewinnen digitale Großkonzerne die Marktmacht über die Medienwelt, indem sie Inhalte (exklusiv) einkaufen? 

Wir wissen es nicht, vielleicht werden wir es aber noch erleben. [Mehr zu Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter] Denn eine Transformation der journalistischen Inhalte wird gefordert, und das (wie immer) möglichst schnell.  Zeitdruck gehört im Journalismus zum Alltagsgeschäft [Aktualität oder Qualität?]. Die zunehmende Informationsflut, Komplexität der Sachverhalte und aufwändige Aufbereitung für die verschiedenen Medienformate fordern zusätzliche Kapazitäten im Wissenschaftsjournalismus [Zunehmender Zeitdruck]. Die Gratwanderung zwischen Verständlichkeit und fachlicher Korrektheit braucht viel Achtsamkeit und Sorgfalt. Gute Recherche kostet Zeit  [mehr zu (guter) Recherche ]. Beim Versuch, sich zu beeilen, könnte es schnell zum Straucheln kommen. Zusätzlich erschwert der eigene Bias eine objektive Berichterstattung. Bei der Masse an Informationen, die uns jeden Tag erreichen, sind derartige Filter und Schemata alternativlos. Auch Algorithmen unterliegen einem Bias, moderne Technik kann unterstützen, löst das Problem aber nicht [Bias in Computersystemen, Versuch fairer Algorithmen]. Stress verengt unser Blickfeld zusätzlich [mehr].  Was hilft? ‘Den Blick zu weiten und zu differenzieren’, erklärt Christine Elmer.

Ideal wäre Zeit für Entschleunigung. Ruhe, um Hintergründe zu recherchieren und Fakten zu checken. Zeit, die (politische) Gesamtsituation zu betrachten und ‘den Heizungsregler’ zu justieren. Die Gelegenheit, sich des eigenen Bias bewusst zu werden und ihn kritisch zu hinterfragen. Kapazitäten, die  ‘Wokeness’ des verfassten Beitrages im Blick zu halten, um hochwertigen Journalismus und damit das Vertrauen in die Medien zu stärken. Zeit für einen Kaffee, um sich auszutauschen und neue Perspektiven zu gewinnen.

Doch  Zeit ist für die Menschen im Wissenschaftsjournalismus eine knappe Ressource. Unser Folgeartikel widmet sich der Frage, wer diese Menschen im Wissenschaftsjournalismus sind und resümiert das ‘Was, Wie, Wer’ in einem persönlichen Fazit der Redaktion. Achtung, Meinung!

Weitere Eindrücke der Wissenswerten: 

https://twitter.com/wissenswerte20

 

Für Interessierte, zum Weiterhören und Nachlesen:

Podcast:

Wie prüfe ich wissenschaftliche Studien?

 

Kompakt zusammengefasst: Wissenschaftsjournalismus

https://deutschejournalistenakademie.de/infopool/infoportal-wissenschaftsjournalismus/

Ausführlichere Definition von Wissenschaftsjournalismus:

https://www.grin.com/document/49468

 

Wie geht eine gute Recherche?

https://www.message-online.com/warum-langsames-denken-bei-der-recherche-hilft/

https://netzwerkrecherche.org/wp-content/uploads/2014/07/trainingshandbuch-recherche.pdf

 

Mehr zur institutionellen Wissenschaftskommunikation

https://www.wissenschaftsmanagement.de/dateien/dateien/schwerpunkt/downloaddateien/wim_2016_05_holger_wormer_profaktisch_statt_postfaktisch.pdf

 

Mehr zur Transformation des Wissenschaftsjournalismus 

https://blogs.faz.net/planckton/2014/09/19/wissenschaftsjournalismus-als-herausforderung-1094/

https://merton-magazin.de/superkuehe-und-enttarnte-geheimdienstler?tags=Wissenschaftsjournalismus

Verantwortung der Medien:

Journalismus in Krisenzeiten – Die Verantwortung der Medien

Trotz aller Schwierigkeiten: immer wieder gelingt die Balance zwischen Wissenschaft und Journalismus großartig! Inspirierende Beispiele:

https://www.mediummagazin.de/was-im-journalismus-jetzt-wirklich-wichtig-ist/

auch spannend: Die Idee der Bürger-wissenschaftlichen Forschung

Wir freuen uns über eure Kommentare und Anmerkungen! Wie denkt ihr über Wissenschaftskommunikation?

Bild Heizungsregler: Pixarbay