Im Jahre 1985 startete das Projekt der „Kulturhauptstadt Europas“ zur Förderung von Kunst und Kultur, welches vor 2004 den Namen „Kulturstadt Europas“ trug. Jedes Jahr verleiht der Europäische Rat auf Empfehlung der Europäischen Kommission den Titel für jeweils ein Jahr an verschiedene Städte. Innerhalb und außerhalb der Europäischen Union durften sich so bis heute über 60 Städte als europäische Kultur(haupt)städte bezeichnen. 2026 präsentieren sich auf diese Weise die finnische Stadt Oulu und Trenčín in der Slowakei dem Kontinent und schließlich dem Rest der Welt.

Das erklärte Ziel der Initiative der Kulturhauptstädte ist es, Europäer:innen ein gemeinsames Gefühl der kulturellen Zugehörigkeit zu bieten. Darüber hinaus kann sich der Titel im besten Fall förderlich auf den Tourismus und die strukturelle Entwicklung der jeweiligen Städte auswirken. Die Auswahl ist dabei ein langwieriger und mehrstufiger Prozess bei dem die Bewerbung bereits 6 Jahre im Voraus geschieht. Die designierten Kulturhauptstädte haben insgesamt 4 Jahre lang Zeit, konkrete Veranstaltungs-programme zu planen, die Bürger:innen und Besucher:innen zur kulturellen Teilhabe animieren sollen. Die Entscheidung fällt jedoch letztendlich nur auf eine Bewerberstadt pro Land. Basierend auf einem Rotationsprinzip, steht im Vorfeld bereits fest, welche Länder überhaupt ein Kulturjahr veranstalten dürfen. Im Anschluss an das Auswahlverfahren entscheidet schließlich ein EU-Expert:innenpanel über die Verleihung des Melina Mercouri Preis der an eine finanzielle Unterstützung von 1,5 Millionen Euro gekoppelt ist. Was von einem Kulturjahr übrig bleibt und wie erfolgreich es war, wird von den ausrichtenden Städten nach Ablauf der Veranstaltungen ausgewertet. Bis zum Ende des darauf folgenden Jahres übermitteln sie ihre Evaluationen dann an die Europäische Kommission.

In Deutschland trug zuletzt 2025 die eher unscheinbare Ostdeutsche Stadt Chemnitz den Titel. Unter dem Motto „C the Unseen“ rückte die sächsische Industriestadt im vierzigsten Jubiläumsjahr der Kulturhauptstadtinitiative verborgenes in den Vordergrund. Insbesondere Chemnitz Rolle als sozialistische Planstadt in der DDR unter dem Namen „Karl-Marx-Stadt“ war vielseitig in die verschiedenen Ausstellungen und Workshops eingebunden. Überaus präsent war ebenfalls das berühmte Karl-Marx-Monument im Herzen der Stadt. Die überdimensionierte Porträtbüste des Philosophen, geschaffen durch den sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel, ist ein politisch und historisch aufgeladener Ort, der häufig als kontrovers erachtet wird. Gleichzeitig handelt es sich um einen wichtigen touristischen Anziehungspunkt und ein beliebtes Fotomotiv. Die Auswahl Chemnitz als Kulturhauptstadt galt mitunter vor dem Hintergrund rechtsextremer Ausschreitungen im Spätsommer 2018 – vor eben jenem Denkmal – als umstritten.

Einen unmittelbaren Bezug zu der Verbindung Chemnitz als Tor zu Europa bot der Schauplatz Eisenbahn. Auf dem Gelände eines ehemaligen Rangierbahnhofs und dem daran angrenzenden Museum konnten Besucher:innen erleben wie der Güter und Warenverkehr via der Eisenbahn Sachsen mit weiten Teilen Mittel und Osteuropas vernetzte. Auch, bemühte man sich um eine Repräsentation der vielseitigen Traditionen des Erzgebirges und des gesellschaftlichen Aufbruchs hin zu einer modernen und betont weltoffenen Region. In Chemnitz selbst betrachtete man das Kulturjahr als vollen Erfolg. Die Chemnitzer Band Kraftklub hingegen bemängelte das Ausbleiben klarer Zeichen gegen den Rechtsextremismus. Aus meiner persönlicher Sicht möchte ich anmerken, dass die Stadt den öffentlichen Personen-Nahverkehr im Rahmen der Veranstaltungen hätte weiter ausbauen können. Darüber hinaus bürgten einige Veranstaltungsorte unnötige Hürden für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Dennoch konnte das Kulturjahr mein persönliches Bild von Chemnitz insgesamt verbessern. 

Der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ bietet Besucher:innen einen großartigen Anlass die kulturelle Vielfalt Europas vor Ort selbst zu erleben. Und auf diese Weise neue Städte sowie deren Bewohner:innen kennenzulernen. Ein Blick in die Programme der diesjährigen Kulturhauptstädte Trenčín und Oulu verrät uns, dass man sich auch im restlichen Verlauf des Kulturjahres 2026 auf viel Musik, Theater, Kunst und das ein oder andere kulinarische Highlight freuen darf.

Quellen

Chemnitz 2025 (2025):  Das Programmbuch:

https://chemnitz2025.de/das-programmbuch-1/

Der Spiegel (2025): Kraftklub-Sänger Felix Kummer: »Früher oder später werden die reaktionären Kräfte verlieren«:

https://www.spiegel.de/kultur/musik/kraftklub-saenger-felix-kummer-frueher-oder-spaeter-werden-die-reaktionaeren-kraefte-verlieren-a-b3d8fdec-cb75-4b22-98c1-f8fbff22aa90

Sven Scherz-Schade in Politik & Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates (2024): Zuversicht und Skepsis in Chemnitz:

https://politikkultur.de/inland/zuversicht-und-skepsis-in-chemnitz/

Bild

Linn (2025): radiKarl. Fotografie, eigene Aufnahme.