Nachdem in den vorherigen beiden Artikeln die Voraussetzungen erklärt wurden, folgen hier nun die unmittelbaren Ereignisse, die zu der Umkehr der Allianzen führten.
Eine Frage, die im Vertrag von Aachen offengeblieben war, bezog sich auf die Festlegung genauer Grenzen im Ohiotal. Dieses verläuft von Nord nach Süd durch die amerikanischen Staaten West Virginia, Ohio, Kentucky und Illinois.
Ursprünglich war dieses Gebiet kaum besiedelt gewesen, in den 1720ern wanderten jedoch die Stämme der Shawnee, Mingo, Delaware und Seneca ein. Diesen folgten europäische Händler, um ihre Waren gegen Tierhäute und Felle zu tauschen.
Frankreich besaß riesige Besitzungen in Nordamerika; von New Orleans am Golf von Mexiko, über die großen Seen, bis nach Neufundland im heutigen Kanada. Großbritannien hingegen nur einen relativ schmalen Streifen an der Ostküste, die bekannten 13 Kolonien.
Dennoch hatten die Briten in puncto Bewohner einen Vorteil. Während sie 1,2 Millionen Einwohner zählen konnten, gab es in den französischen Gebieten nur knapp 100000 französischstämmige Menschen.
Die Briten hatten 1744 in Lancaster einen Vertrag mit den Six Nations geschlossen und kurz darauf auch mit den südlich der großen Seen lebenden Indianern, um diese auf ihre Seite zu ziehen. Davon waren die Franzosen nicht begeistert, da Versailles gehofft hatte, das Ohiotal zu benutzen, um die Entwicklung der Neuengland-Staaten zumindest zeitweise zu verlangsamen. Außerdem hätten sie gerne die Stämme im Tal als Verbündete gehabt, um die Gefahr für ihre Besitzungen zu verringern. Mit dem Verlust dieser wäre der Fall der karibischen Kolonien nur eine Frage der Zeit.
Daher versuchten die Franzosen, ihre Ansprüche mithilfe einer kleinen Expedition zu bekräftigen, gegen die günstigen Preise der britischen Händler waren sie jedoch machtlos. So wurde im Herbst 1752 eine 2000 Mann starke Expedition losgeschickt, um drei Forts zu bauen. Dies wurde in Großbritannien mit Sorge gesehen, man ließ den Vertretern der Kolonien jedoch weitgehend freie Hand. Beide Seiten wussten, dass ein kolonialer Konflikt leicht nach Europa überspringen könnte.
Im Oktober 1753 wurde der erst 21-jährige, und für die Weltgeschichte so wichtige, Major George Washington als Kommandeur einer kleinen Einheit in das französische Fort Le Boeuf geschickt, um mit den Franzosen zu verhandeln. Dort wurde ihm klargemacht, dass diese ihre Ansprüche nicht zurücknehmen würden.
Daraufhin wurde Washington im April 1754 mit 160 Mann losgeschickt, um den Franzosen im äußersten Fall gewaltsam entgegenzutreten. Am 28. Mai 1754 umstellte ein Teil dieser Gruppe eine kleinere französische Gruppe unter dem Fähnrich Joseph Coulon de Villiers de Jumonville. Dieser sollte nur ein Schreiben ausrichten, wurde jedoch zusammen mit einigen seiner Begleiter getötet. Während Washington später, wahrscheinlich um es herunterzuspielen, schrieb, der Fähnrich sei von der ersten britischen Salve getötet worden, beschrieben Überlebende es anders. So sei de Jumonville zwar getroffen und verwundet worden, gestorben sei er aber durch einen Indianer, der ihm den Kopf eingeschlagen hatte.
Diese Nachricht löste in Frankreich und seinen Besitzungen große Wut aus und Washington musste sich unter Aufgabe eines Stützpunktes zurückziehen. Zeitgleich hatten die Franzosen es geschafft, die im Ohiotal lebenden Indianer auf ihre Seite zu ziehen.
Als Reaktion darauf wurde General Edward Braddock im Juli 1755 mit regulären britischen Soldaten losgeschickt, um im Verbund mit Milizionären die Franzosen zurückzudrängen. In der Schlacht am Monongahela erlitten sie jedoch eine schwere Niederlage, die auch Braddock nicht überlebte. Daraufhin zogen sich die Einheiten weit zurück und gaben so Siedler frei, die zu hunderten von Indianern getötet wurde.
Kurz zuvor hatte ein britisches Kriegsschiff ein französisches, welches zu einem Konvoi gehörte, überfallen. Dieser Konvoi sollte reguläre französische Soldaten nach Nordamerika bringen.
London und Paris waren klar, dass dieser Vorfall zum Krieg führen würde. Im französischen Kabinett wurde nach Aktionen am Rhein oder gegen Belgien gerufen. Zeitgleich war ihnen klar, dass die Flotte nicht in der Lage war, die Kolonien effektiv zu unterstützen. Daher sollte den Briten in Europa ein Schlag versetzt werden, um ein Faustpfand zu bekommen, um es gegen eventuelle britische Gewinne einzutauschen. Der Blick fiel zuerst auf Belgien, aber damit würde man sich Österreich zum Feind machen. So schaute man dann auf das Kurfürstentum Hannover, welches die Stammlande des britischen Königs waren.
Großbritannien besaß zwar eine starke Flotte, aber das Feldheer war bei weitem nicht stark genug, um Frankreichs riesige Heere zu besiegen. Daher suchte man verzweifelt nach Verbündeten. So gewann man zwar Kurhessen und Bayreuth, die waren jedoch zu klein, um einen wirklichen Unterschied zu machen. Preußen wäre der ideale Verbündete gewesen, in London misstraute man jedoch Friedrich II., dem Neffen George II.
So planten die Franzosen, Hannover einzunehmen, um es als Faustpfand zu benutzen. Dafür brauchte man jedoch die Zustimmung von Österreich und den anderen deutschen Staaten. Daher wollte man Preußens Mitwirkung bei der Besetzung. So hatte der preußische König Versailles nach den Ereignissen in Nordamerika sogar empfohlen, stärker gegen Großbritannien vorzugehen. Seine Antwort fiel jedoch ausweichend aus, da Russland und Österreich offen feinselig seien und Schweden und Sachsens Positionen uneindeutig wären. Unter solchen Umständen könnte der norddeutsche Staat nichts machen.
In Frankreich machte sich daher Ratlosigkeit breit. Man stellte sich die Frage, wie viel Preußen als Verbündeter wert sei und wie man sich nun gegenüber Großbritannien verhalten sollte. Graf Kaunitz nutzte die Gunst der Stunde und über Umwege trat er an Ludwig XV. heran, um seinen Vorschlag eines Bündnisses zu erneuern. Frankreich sollte nun das Herzogtum Luxemburg erhalten, wenn es der antipreußischen Allianz beitrat. Auch dürfe seine Marine die österreichischen Häfen am Ärmelkanal benutzen. Österreich würde Gebiete in Italien erhalten und Frankreich würde sich an einer Rückeroberung Schlesiens beteiligen. Er verstand jedoch nicht, warum Frankreich Hannover haben wollte. In Versailles war man über Andeutungen erschrocken, Berlin sei in Verhandlungen mit London getreten, trennte sich jedoch nicht von seinem Verbündeten. Für Frankreich stellte sich außerdem die Frage, was denn zu gewinnen sei, wenn man Schlesien angreifen würde. Das Land stand vor eigenen Problemen und Österreich weigerte sich beharrlich bei einer Invasion Hannovers mitzuwirken. In Wien hoffte man auf die Neutralität des Inselkönigreichs in einem Krieg mit Preußen und war auch besorgt über die Meinung der zahlreichen deutschen Staaten, wenn man Frankreich unterstützen würde, einen deutschen Staat anzugreifen. So fanden beide Höfe auch weiterhin nicht zusammen.
Preußen hingegen hatte sich bisher geweigert, den Briten eine Garantie zu geben, dass es Hannover nicht angreifen würde, auch aufgrund einiger ungeklärter Fragen ökonomischer Natur. Die Briten wollten mittlerweile jedoch unbedingt eine solche Garantie, da Österreich immer mehr so schien, als wollte es die Allianz verlassen. Da bei beiden keine Fortschritte erreicht wurde, wendete man sich an Russland.
Für 100000 Pfund sollte 50000 russische Soldaten an der Grenze zu Ostpreußen stationiert werden, um Preußen von einem Schlag abzuhalten. Das Abkommen wurde vom Parlament nicht ratifiziert, es setzte Friedrich II. aber stark unter Druck.
Daher vereinbarten Preußen und Großbritannien im Januar 1756 sich gegenseitig die territoriale Unversehrtheit zu. Dies betraf vor allem Hannover und Schlesien. Friedrich II. glaubte, er sei nun vor den Russen sicher, da beide sich zum Schutz eines Gebietes verpflichtet hatten. Auch sein Bündnis mit Frankreich sah er nicht gefährdet, da er Belgien ausdrücklich aus den Verhandlungen herausgenommen hatte. Großbritannien hoffte, damit den Konflikt auf Nordamerika begrenzen zu können.
In Versailles sorgte es jedoch für große Aufregung, auch weil Preußens Botschafter stets die Freundschaft bekundet hatte. Daher fühlte man sich zutiefst getäuscht. Das norddeutsche Königreich stand erneut wie ein unzuverlässiger Verbündeter da.
Für Frankreich gab es jedoch auch Vorteile; dadurch, dass Preußen die Allianz verlassen hatte, konnte nun ein Bündnis mit Österreich eingegangen werden. Graf Kaunitz freute sich über monetäre Unterstützung aus Frankreich, auch wenn diese sich gegen eine Verkleinerung Preußens waren, die über Schlesien hinausging. Österreich versprach, Großbritannien zwar nicht anzugreifen, aber auch in nicht Weise zu unterstützen.
Diese Umkehrung der Allianzen stellte die europäische, und teilweise weltweite, Staatenwelt, die in Teilen für Jahrhunderte existiert hatte, auf den Kopf. Ihm folgte unmittelbar der Siebenjährige Krieg. Dieser Krieg veränderte die Welt grundlegend. Großbritannien wurde endgültig zur vorherrschenden Macht und sollte diese Rolle auch für über 150 Jahre behalten. Frankreich hingegen büßte seine Rolle ein. Auch der knapp hundert Jahre währende Dualismus zwischen Preußen und Österreich nahm hier seinen Anfang. Aber ohne die Allianzen hätte die Geschichte wahrscheinlich einen anderen Lauf genommen.
Quellen:
Bremm, Klaus-Jürgen (2021): Preußen bewegt die Welt. Wie eine Großmacht entsteht, wbg
Hanke, René (2006): Brühl und das Renversement des alliances. Die antipreußische Außenpolitik des Dresdener Hofes 1744–1756, Lit
Schilling, Lothar (1994): Kaunitz und das Renversement des alliances. Studien zur außenpolitischen Konzeption Wenzel Antons von Kaunitz, Duncker & Humblot
Externbrink, Sven (2011): Der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung, Akademie Verlag
Szabo, Franz A. J. (2008): The Seven Years War in Europe 1756–1763, Pearson/Longman
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