Europa hat viele Entdecker hervorgebracht. Seien es Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, James Cook oder die zahlreichen Polarforscher, die die Welt für die Europäer entdeckten. In ihrer Zeit war ganz Europa bereits bekannt. In Schweden kannte man Portugal und in Griechenland war Irland bekannt. Anders sah dies jedoch in der Antike aus.
Unser Protagonist ist Pytheas von Massalia und wurde durch eine Expedition in den Nordwesten Europas berühmt. Er wurde um das Jahr 370 v.Chr. geboren und stammte aus dem heutigen Marseille. Massalia wurde im 7. Jahrhundert v.Chr. als griechische Kolonie gegründet und war zu seiner Zeit eine wichtige Handelsstadt im westlichen Mittelmeer, vor allem für den Handel mit den Kelten in den Gebieten des heutigen Frankreichs. Diese Position hatte die Stadt zu dem Zeitpunkt bereits seit längerer Zeit inne, jedoch ging ihr Einfluss in der Zeit vor der Expedition zurück. Dem lagen Veränderungen innerhalb der keltischen Kultur zugrunde. Bei diesen wurden ältere Eliten vertrieben und fielen als Zentren für die Verteilung von Luxusgütern aus dem Mittelmeerraum aus. Die neuen Eliten wollten jedoch auch nicht auf solche Güter verzichten, suchten sich aber andere Wege, um an diese zu kommen. Infolgedessen fehlten den Händlern aus Massalia jedoch die Absatzmärkte. Zusätzlich hatten sich die Etrusker nach Norditalien zurückgezogen und umgingen Massalia bei der Beschaffung von Waren der Kelten.
Massalia reagierte darauf mit der Ausweitung des Handels mit den Mächten im Mittelmeer, die Stadt war aber abhängig von den Waren, die über die Kelten gehandelt wurden. Zudem wurde Karthago in Nordafrika immer stärker und konnte auch den Zugang zu dem Atlantik blockieren. Daher wäre es von Vorteil, direkte Wege zu den Quellen von dem so wichtigen Zinn und Bernstein zu finden.
Die Möglichkeit einer direkten Verbindung hatte wahrscheinlich auch Pytheas und seine Geldgeber in den 340ern oder 330er v.Chr. auf die Idee gebracht, nach diesen Quellen zu suchen. Über diese Expedition verfasste er nach seiner Rückkehr die Schrift „Über den Ozean“. Wie bei anderen Expeditionen dieser Zeit waren neben den wirtschaftlichen Interessen auch die wissenschaftlichen Elemente von großem Interesse und die überlieferten Erkenntnisse lassen diese Expedition auch glaubwürdig erscheinen.
Während früher vermutet wurde, Pytheas sei um die iberische Halbinsel herumgesegelt, geht man heute davon aus, dass er über verschiedene Flüsse und den Landweg bis zur Mündung der Gironde in den Golf der Biskaya kam.
Von dort aus fuhr er auf Schiffen der Einheimischen bis zu einer Insel, die wahrscheinlich das heutige Quessant an der Westküste der Bretagne ist. Von dort aus fuhr er ins heutige Cornwall. Auf einer Insel vor der Küste wurde Zinn weiterverkauft. Somit hatte Pytheas bereits eine Quelle gefunden.
Wahrscheinlich erfuhr er dort auch von der nördlichen Ausdehnung Britanniens. Seine Fahrt nördlich diente vor allem den geografischen, ethnografischen und astronomischen Interessen und hatte somit erstmal nichts mehr mit seinem Auftrag zu tun. Pytheas war der erste bekannte Mensch des Mittelmeerraums, der große Teile, zumindest der Küste, der Insel bereiste.
In seinem Bericht behauptete er, ganz Britannien gesehen zu haben, was übertrieben ist und auch als Argument genutzt wurde, seinen ganzen Bericht zu verwerfen. Wahrscheinlicher ist es, dass er sich durch die Einheimischen ein Bild von der Lebensweise machen konnte. Dieses Bild weist zwar für die Zeit typische, idealisierte Züge von Völkern, die weit von den Griechen entfernt lebten, auf, sie decken sich aber mit modernen Erkenntnissen über die Ernährung von Landwirtschaft.
Nachdem er das Cape Wrath im Norden des heutigen Schottlands umsegelt hatte, gelangte er zu den Orkneys, einer Inselgruppe im Nordosten Schottlands, die zu jener Zeit besiedelt wurden. Dort beobachtete der massaliotische Entdecker die Sommersonnenwende und hörte von den Bewohnern, dass es weiter nördlich die Insel Thule geben sollte.
Es war dieser Teil des Berichts, der Pytheas bekannt gemacht hat. Es ist jedoch nicht sicher, ob er diese Insel selbst besucht hat oder nur die Erzählungen der Bewohner wiedergab. Um welche Insel es sich handelt, ist jedoch bis heute nicht sicher. Die Römer gingen davon aus, dass er die Shetlands beschrieb, moderne Forscher gehen von Norwegen oder vorgelagerten Insel aus und in letzter Zeit wird auch Island als Lösung angenommen. Letzteres wäre möglich, da die Bewohner der Orkneys als auch der Shetlands die seemännischen Fähigkeiten besaßen und die dortigen Gezeiten kannten.
Pytheas Beschreibungen der Natur treffen auf Island zu. Er beschreibt zum Beispiel, dass das „geronnene“ Meer anfängt, womit sehr wahrscheinlich das Eismeer gemeint ist. Ebenfalls dafür spricht, dass er angibt, die Einheimischen ihm sagten, dass es Orte gebe, an denen die Nacht nur zwei bis drei Stunden lang sei und dies in der Tat ein real ist.
Nachdem er sich eine Zeitlang in diesem Raum aufgehalten hatte, fuhr Pytheas an der Ostküste Großbritanniens wieder nach Süden und damit begann der dritte Teil seiner Reise. Die Nordsee war für ihn und seine mediterranen Zeitgenossen nicht nur für Zinn, sondern auch für Bernstein bekannt. Da bekannt war, dass jener Bernstein über verschiedene Wege nach Süden transportiert wurde, bestand sein Auftrag darin, den Ursprungsort zu finden.
Durch das Wattenmeer fuhr Pytheas zur Mündung der Elbe, an der er auf germanische Stämme traf. Dort erfuhr er, dass Bernstein auf einer Insel gekauft wurde, die sehr wahrscheinlich Helgoland ist und als Umschlagplatz diente.
Es gibt die These, nach der er nach seinen Entdeckungen an der Küste Jütlands vorbei, bis in die Ostsee und das Baltikum gefahren ist, um an den wahren Ursprungsort des Bernsteins zu gelangen. Der Rückweg nach Massalia führt entweder über den Seeweg zurück in den Golf von Biskaya oder entlang der Elbe und der ländlichen Bernsteinroute. In der Antike gab es auch die Theorie, Pytheas sei über die Ostsee in die Weichsel, von dort zum Bug oder Dnjestr, um ins Schwarze Meer zu gelangen und dann von da aus über sehr bekannte Handelswege zurückzukehren. Diese Theorien sind jedoch unwahrscheinlich.
In Marseille wird er mit Kolumbus verglichen, laut dem Historiker Raimund Schulz lassen sich die beiden jedoch nicht miteinander vergleichen, da Pytheas auf etablierten und den Griechen mehr oder weniger bekannten Handelswegen fuhr. Dass für die Zeit erstaunliche an seinen Leistungen ist, dass er all diese Wege selbst nahm und somit verband.
Diese für die antiken Verhältnisse außergewöhnliche Reise, wurde in der Antike als ebenso außergewöhnlich betrachtet, dass Pytheas oft als Lügner bezeichnet wurde. Seine Kritiker behandelten jedoch nicht seine Erkenntnisse, sondern bezweifelten diese aus persönlichen Gründen oder anhand heute irrelevanter Vorstellungen der Welt.
Die Archäologie gibt seinen Erkenntnissen jedoch recht und auch wissenschaftliche Erkenntnisse, wie etwa das Klima und Lebensweise verknüpft sind, werden heute nicht mehr angezweifelt.
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Quellen:
Schulz,R. (2016). Abenteurer der Ferne: die grossen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike. Klett-Cotta.