Mitglieder der Sowjetunion haben zum heutigen Tag viele Gemeinsamkeiten. Im Fall der Ukraine und Georgiens beinhaltet dies leider nicht nur die gemeinsame Vergangenheit, sondern eine in vielen Bereichen ähnliche Unabhängigkeitsgeschichte und einen gleichen politischen Feind. 2008 hat Russland Krieg gegen Georgien begonnen, Ergebnis-20% besetztes Territorium, russische Truppen an den Grenzen, wiederholte Versuche diese Grenzen als Teil der sogenannten schleichenden Annexion (creeping occupation) weiter zu verschieben. Am 24. Februar 2022 hat Putin einen Krieg gegen die unabhängige Ukraine begonnen. In diesen elf Monaten hat die ukrainische Nation mehrmals ihren Mut und die Bedeutung des nationalen Bewusstseins demonstriert. Das ukrainische nationale Gedächtnis ist für Georgien auch nicht fremd, eben weil es in den 70 Jahren sowjetischer Imperialismus enge Beziehungen zwischen diesen Republiken gab. Ein wichtiger Gesichtspunkt dazu ist die Geschichte von Ukrainern in Georgien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besonders in der Zeit nach dem Holodomor.

Am 30. November 2022, fast 90 Jahre nach dem Geschehen hat der Deutsche Bundestag Holodomor-Hungersnot in der Ukraine als Genozid anerkannt. Wenn man mit der Geschichte der Ukraine vertraut ist erscheint sofort eine kontroverse Frage: warum hat es überhaupt so lange gedauert Holodomor als Genozid anzuerkennen? Nach dem 24. Februar veränderte sich die politische Situation in ganz Europa wesentlich. Die ukrainische Erinnerungskultur und Geschichtspolitik sind besonders aktuell geworden, weil ohne diese kaum vorstellbar ist, die historischen Gründe des Konfliktes zu verstehen. In diesem Artikel versuche ich die Reflektion der ukrainischen Erinnerungskultur im georgischen kulturellen Raum zu diskutieren.

Wenn man an die Geschichte der Ukrainer in Georgien denkt, ist die erste Person, die einem in den Sinn kommt Lesja Ukrajinka, eine der bekanntesten ukrainischen Dichterinnen im 20. Jahrhundert. Ihre Gedichte werden oft als feministisch und modernistisch bezeichnet. Die Prominente ukrainische Dichterin hat während der Zeit des nationalen Erwachens gelebt, weshalb es nicht überraschend ist, dass ihre Werke stark von Nationalbewegung beeinflusst wurden. Contra spem spero-oder: gegen die Hoffnung hoffen ist der Titel Ihres berühmten Gedichtes. Ironischerweise war Ukrajinkas Leben genau so tragisch, wie das Schicksal ihres Landes. Sie erkrankte an Tuberkulose. Trotz ihrer persönlichen und nationalen Tragödie sind Ihre Werke voller Hoffnung. Aufgrund ihrer chronischen Erkrankung hat Lesja Ukrajinka Teile Ihres Lebens in Georgien verbracht. Die Betrachtung der Beziehung zwischen der Dichterin und der georgischen literarisch-kulturellen Gesellschaft ist spannend und zeigt die Freundschaft zwischen zwei Ländern im Postsowjetischen Raum, die eine ähnliche Geschichte und denselben Feind haben. Durch Ukrajinkas Werke gewinnt man eine bessere Vorstellung von der ukrainischen kulturellen Identität und deren Charakter. Es muss hervorgehoben werden, dass am wichtigsten Gedächtnisort in Telawi, der historischen Königstadt im östlichen Teil Georgiens, an welchem die Dichterin die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte, seit 2011 auf Initiative der damaligen ukrainischen Regierung eine Statue von Lesja Ukrajinka steht. 2021 wurde hier ihr 150-jähriges Jubiläum gefeiert. Ein weiterer wichtiger Punkt hierzu ist, dass in sowjetischen Zeiten genau an diesem Ort im Nadikvari Park die Statue Stalins stand.

Viele, die den Holodomor überlebt hatten, sind später nach Georgien gezogen. Einer dieser Menschen, die diesen wie durch ein Wunder überlebten, hat für etwa 40 Jahre in der Familie meines Großvaters gelebt. Meine Urgroßmutter hat Fjokla Sachkova Lagoda durch Zufall auf der Straße getroffen, sie war obdachlos und ohne Plane für die Zukunft. Alles, was sie am Leben schätze war vernichtet: die Familie, ihr Mann und zwei ihrer Söhne waren an der Hungersnot gestorben, trotzdem war sie nicht hoffnungslos. Den Rest ihres Lebens hat sie in dieser Familie in Telawi verbracht. Zuerst war sie die Babysitterin für den Sohn meiner Urgroßmutter, dann ihrer Enkel und Enkelinnen. Meine Mutter erzählte mir häufig von Fjoklas Geschichte. Wie sie sich an ihr Leben in der Ukraine und ihre Familie erinnerte, die vor dem Hungernot ziemlich reich gewesen war. Was ich immer besonders spannend fand, war ihre Opposition und ganz abweichende Meinung von der überall akzeptierten sowjetischen Ideologie. Fjokla glaubte an Gott, sie betete und sammelte Ikonen aus alten Zeitungen. In der Familie positionierte Sie sich gegen Leninkult, sie ging jeden Sonntag in die Kirche und hat gebetet, was damals wirklich heldenhaft war. Genau anhand solcher Menschen wie Fjokla können andere verstehen, dass das Vorbild des idealen Lebens in der Sowjetunion in Wirklichkeit so gut wie nie existierte. Die Überzeugungskraft von Fjoklas Geschichten war für meine Familie ausreichend, um nicht an der falschen Seite der Geschichte zu stehen und sich auch gegen Sowjetische Politik zu positionieren. Glücklicherweise, war Sie nicht die Einzige, die Ihre Gesellschaft so beeinflusste.

Die ukrainische Bevölkerung war immer mutig genug, ihre eigene Position in der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Nach den 30er Jahren gab es in Georgien viele Ukrainer*innen, die den Holodomor überlebten. Ich habe mehrmals von meinen Familienmitgliedern gehört, dass in gelehrten Kirchen und Klöstern ukrainische Frauen beteten. Klar, aus heutiger Sicht wird das nicht mehr als etwas so Heldenhaftes angesehen, aber in Sowjetischen Zeiten war das genauso mutig, wie die eigene politische Meinung oder Kritik gegen die Regierung zu äußern (Auch das fürchteten die Ukrainer nicht). Was stand auf dem Spiel? – Meistens Tod. Besonders in den 30er Jahren, in denen man für jede freie Meinungsäußerung Opfer des großen Terrors werden konnte.

In der Forschung gibt es immer mehr Thesen, mit denen Autoren versuchen zu erklären, warum das Sowjetische Imperium nach seiner 70-jährigen Existenz zu Ende ging. Bemerkenswert ist, dass es immer, wenn die Rede von Imperien ist, keine einzelnen Gründe für Zerfall und Untergang gibt (z.B gibt es in der Forschung etwa 200 verschiedene Thesen über den Untergang des Römischen Reiches). So gesehen ist die Sowjetunion auch keine Ausnahme. Wenn wir die Geschichte von Imperien und deren Niedergänge vergleichen, kommen wir zu der Schlussfolgerung, dass alle Imperien für Zerfall geeignet sind. Die Dauer hängt davon ab, wie effektiv das Verwaltungssystem organisiert ist. Bei riesigen Imperien, die mehrere Nationen vereinigen, ist der Ideologiesierungsprozess maßgeblich. Der Knackpunkt war, dass trotz endloser Versuche verschiedener Sowjetischen Anführer, das gewünschte Ziel nicht erreicht werden konnte, weil es innerhalb der 15 Republiken keine spezifischen soziokulturellen Gründe für ein Zusammengehörigkeitsgefühl gab. (Eine Sprachreform war einer dieser Versuche, welcher darauf abzielte, mit sprachlicher Einheit eine Basis für diese Zusammengehörigkeit zu bilden). Meiner Meinung nach, konnte dieses Ziel, welches offensichtlich eines der wichtigsten der sowjetischen Regierung und ihrer Ideologie war, nicht ganz erreicht werden, da das Streben nach Unabhängigkeit und Nationalismus innerhalb der sowjetischen Republiken immer stärker war als die politische Propaganda.

Der Titel dieses berühmten Gedichts, das bis heute in ukrainischen Schulen gelehrt wird, drückt die Tapferkeit und den Gesamtcharakter des ukrainischen Volkes wunderbar aus, das bereits vor 100 Jahren darauf strebte, für seine Werte zu kämpfen, auch wenn es keine Hoffnung oder kein zu erwartendes Positives Ergebnis gab. Mein Land kennt die Ukrainer als das, was sie sind – für uns waren sie diejenigen, die keine Angst hatten, sich gegen den sowjetischen Imperialismus auszusprechen, die genug Mut hatten, für ihren Glauben einzustehen und sogar regelmäßig in die Kirche zu gehen, was damals als staatsfeindlich galt.

Einmal wurde Aleksandr Solschenitsyn von Scammell als ein Schriftsteller betitelt, der ein Imperium zerstörte. Zum Glück kämpften viele andere an seiner Seite, Menschen, die ein Leben ohne die Freiheit der Gedanken nicht ertragen konnten- oder eher ein Leben ohne jede Art von Freiheit. Das gilt sowohl für Schriftstellerinnen wie Lesja Ukrajinka, die bis heute unser Denken prägen, als auch für all jene Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, nachdem sie schmerzhaften Todesdrohungen entkommen waren, und dennoch den Mut hatten, für das einzustehen, woran sie glaubten.

Auch hoffnungslos hoff ich im Leben-schreibt Lesja Ukrajinka und damit offenbart sie den Gesamtcharakter Ihrer Nation. Dieser Mut und der Kampf für die Unabhängigkeit sind so maßgeblich für die ukrainische Nation, dass ihnen diese eben nach dem Großen Terror, dem Holodomor, der Nuklearkatastrophe in Chernobyl, der Krimmanexion und dem aktuellen Krieg gegen Russland nicht abhandenkommen, sondern immer stärker werden. Die erstaunliche Fähigkeit, in hoffnungslosen Lebenssituationen trotzdem Hoffnung zu haben, ist in 2022 zum Vorbild für die ganze Welt geworden. Es war nicht zu erwarten, dass der Krieg in der Ukraine so lange dauern würde. Der einzige Grund dafür ist, dass wir mit dem ungebrochenen Mut dieses Landes nicht vertraut waren. Aber die Geschichte von Ukrainern im 20. Jahrhundert macht klar, dass Contra Spem Spero immer das Motto für der ukrainischen Nation gewesen ist.

Contra Spem Spero!

Гетьте, думи, ви хмари осінні!
То ж тепера весна золота!
Чи то так у жалю, в голосінні
Проминуть молодії літа?

Ні, я хочу крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Жити хочу! Геть, думи сумні!

Я на вбогім сумнім перелозі
Буду сіять барвисті квітки,
Буду сіять квітки на морозі,
Буду лить на них сльози гіркі.

І від сліз тих гарячих розтане
Та кора льодовая, міцна,
Може, квіти зійдуть — і настане
Ще й для мене весела весна.

Я на гору круту крем’яную
Буду камінь важкий підіймать
І, несучи вагу ту страшную,
Буду пісню веселу співать.

В довгу, темную нічку невидну
Не стулю ні на хвильку очей —
Все шукатиму зірку провідну,
Ясну владарку темних ночей.

Так! я буду крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Буду жити! Геть, думи сумні!

Contra Spem Spero!

O fort mit dir, herbstliches Klagen!

Die Tage des Frühlings beginnen!

Soll denn in Verzweiflung, Verzagen

Die sonnige Jugend zerrinnen?

 

Ich will aber Frohsinn, nicht Beben,

Mein Lied soll im Unglück ertönen,

Auch hoffnungslos hoff ich im Leben,-

O fort mit euch, Ächzen und Stöhnen!

 

Ich pflanze auf steinigem Felde

Viel Blumen, die rot sind und weiß,

Ich pflanze bei frostiger Kälte

Sie alle auf Schnee und auf Eis.

 

Mit heißen Tränen begieße

Ich sie bei klirrendem Frost,

Das Eis zergeht, vielleicht sprießen

Sie doch auf, und das ist mein Trost.

 

Ich schleppe aufs steilste Gebirge

Viel klobige Steine und singe,

Sonst würden die Schreie mich würgen,

Die in die Kehle mir dringen.

 

Ich schließe die Augen auch nimmer

Und schaue ins Dunkel ganz wach,

Ich suche des Sternes Erschimmern,

Des Königs der finsteren Nacht.

 

Drum will ich stets Frohsinn, nicht Beben,

Mein Lied soll im Unglück ertönen,

Auch hoffnungslos hoff ich im Leben,-

O fort mit euch, Ächzen und Stöhnen!