von Svantje Guinebert

„Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

 

Dies sind die Schlussworte aus Camus‘ Die Pest. Auch wir können — und sollten — uns der Frage stellen, wie das Ende der derzeitigen sogenannten Corona-Krise aussehen mag, welche langfristigen Folgen daraus erwachsen könnten und welche Konsequenzen wir als Einzelne, als Gesellschaft und als Weltgemeinschaft daraus ziehen wollen. Denn die Krise öffnet den Blick auf Notwendigkeiten und Grundlegendes, dabei auch und gerade auf solche, die eine (teilweise) Wohlstandsgesellschaft über lange Zeit verdrängen kann. Weitere, auch schon vor der Corona-Pandemie ersichtliche, zutiefst unsolidarische, ausgrenzende und ungerechte Gegebenheiten rufen nach einem klaren, unaufgeregten, menschenfreundlichen Blick, um stetig und konkret zu versuchen, auf das Bessere hin zu wirken.

Camus geht es um Solidarität, und zwar konkret und engagiert. Auf unsere Gegenwart übertragen hieße das Solidarität auch über die Krise hinaus: So muss es z.B. darum gehen, Krankenpfleger*innen, Reinigungsfachkräften, Kassierer*innen, all denjenigen, die jetzt als „systemrelevant“ gefeiert werden,  die gebührende Anerkennung, nicht zuletzt in Form von angemessener Bezahlung, zukommen zu lassen. Wir müssen uns als Gesellschaft z.B. fragen: In welchen Bereichen machen Optimierungsbestrebungen und Nutzenkalküle Sinn, in welchen Zusammenhängen sind andere Formen praktischer Rationalität angemessener? Welche Möglichkeiten gesellschaftlicher und individueller Lebensführung wollen wir in den Blick nehmen, fördern, erfinden — nun da deutlich wurde, dass offensichtlich doch immer viel mehr möglich ist, als es gemeinhin schien?

Dabei braucht der Blick nicht allein auf Ungerechtigkeiten und Probleme gerichtet zu sein — denn an dem , was sich aus den derzeitigen Erfahrungen als Erkenntnis über Gutes ziehen lässt, sollten wir festhalten. Wenn die Rede davon ist, dass Einiges in dieser herausfordernden Zeit auch positive Seiten hätte, ist oftmals von der „Entschleunigung“ die Rede. Inwiefern kann und soll eine Entschleunigung beibehalten werden? Wer sind diejenigen, die zu ihrer Wahrung beitragen können? Was gilt es zu entschleunigen und welches sind Bereiche, in denen schnelles und zügiges Handeln eine solche erst ermöglichen und gerecht werden lassen?

Es ist bemerkenswert und beachtlich, zu wieviel Einschränkungen und Verhaltensänderungen unsere Gesellschaft bereit ist, wenn es darum geht, die Ausbreitung eines Virus zu bekämpfen. Viele fragen, warum Umstellungen und Einbußen solcher Größenordnung angesichts der Klimakatastrophe und des Leids geflüchteter Menschen nicht möglich schienen — es wird zukünftig schwieriger werden, sich auf Gewohnheitsrechte und Alternativlosigkeiten zu berufen. Beeindruckend und nachwirkend könnte auch der Eindruck sein, wie plötzlich sich für sicher Gehaltenes auflösen und wie schnell Freiheiten beschnitten werden können. Welche Freiheiten werden im Verlauf der Corona-Bekämpfung beschnitten, welche sind unantastbar, welche müssen im Anschluss wieder erstritten werden? Nach der Krise kann das Zurückgewinnen von vormals selbstverständlichen Freiheiten schwierig werden — vor allem angesichts zurückliegender Erfahrungen eines Rufs nach einem stärker regulierenden Staat. Welche Formen der Regulierung sind mit Solidarität und Freiheit zu vereinbaren, welche sind ungerecht, verzichtbar, gefährlich, schädigend? Und was, wenn der Ruf nach Stärke, vielleicht sogar nach starken politischen Figuren, etwa aufgrund finanzieller Sorgen und beruflicher Engpässe, nach der Krise stark wird?

Nach dem Abebben des Gröbsten, wenn der Virus erfolgreich bekämpft oder zumindest in seinen Auswirkungen gemildert ist, gilt es, das Geschehene und Erlebte sowie das Zukünftige zu reflektieren und reflektierend zu begleiten. Existentielle Nöte, Ängste und Schwierigkeiten können dahin wirken, Parteien, Ideologien und Positionen Aufschwung zu geben, die nach einer Aufhebung des Rechts- und Sozialstaats rufen. Wie lässt sich verhindern, dass Ungerechtigkeit und Armut nach der Krise nicht ebenso oder noch schlimmer werden als zuvor? Camus verarbeitet unter dem Begriff der Pest die Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten und die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs; für uns gilt es zu verhüten, dass auf den Coronavirus eine solche Form der Pest wieder auflebt.

Was kann es also heißen, nach Pest und Corona das Gute zu wahren und das Schlechte zu verhindern? Welche Möglichkeiten und Verantwortungen der Mitwirkung haben Wissenschaftlicher*innen und Universitäten diesbezüglich?

In anderen Worten: Wie lässt sich eine Wiederkehr der Pest „zum Unglück und zur Belehrung der Menschen“ — sei es in Form eines Virus oder einer menschenverachtenden Ideologie — verhindern und auf menschenfreundliche und solidarische Art bekämpfen?