von Svantje Guinebert

Albert Camus gelingt in seinem Werk Die Pest eine bemerkenswerte und kaum zu überschätzende Meisterleistung — ein, wie ich finde, auch für jede*n Leser*in erstrebenswertes Kunststück: Camus verbindet Klarsicht, Geradlinigkeit und Realitätssinn mit Optimismus, Menschenliebe und engagierter Solidarität im Angesicht katastrophaler Abgründe. Er verarbeitet in diesem Roman Beobachtungen und  Überlegungen aus seiner persönlichen Erfahrung im besetzten Frankreich zur Zeit des Nationalsozialismus. Ein Verdacht oder eine Sorge, die Lektüre dieses Romans liefe auf eine pessimistische und bedrückende Auseinandersetzung allzu menschlichen Umgangs mit einer Katastrophe hinaus, bestätigt sich nicht: Camus bietet uns die Illustration und Reflexion von Möglichkeiten der Menschlichkeit, ohne Rekurs auf einen moralischen Zeigefinger, ohne je übergriffig zu wirken, dafür aber klar und kompromisslos humanitär.

Aus der Perspektive Rieux‘, eines Arztes in der „ganz normalen Stadt“ Oran, erfahren wir von mysteriösen Vorkommnissen, die sich bald als Pestausbruch erweisen. In den folgenden Monaten sterben erst die Ratten in den Straßen, bald aber auch die Menschen. Auch wenn einige Funktionäre sich zunächst sehr schwer damit tun, die Katastrophe beim Namen zu nennen, ist jegliche Verdrängungstaktik erfolglos und bald kann es für die Einwohner der Stadt, die von der Außenwelt abgeschnitten wird, nur noch darum gehen zu sterben, zu flüchten — oder gemeinsam so gut es geht die Krankheit zu bekämpfen.

Entwaffnend und faszinierend ist dabei unter anderem, wie es Camus gelingt, anhand der verschiedenen, jeweils sehr eigenen und fein ausgearbeiteten Figuren viele verschiedene Stimmen laut werden zu lassen, die zusammen ein vielstimmiges Plädoyer für Unvoreingenommenheit, Großmut und Menschlichkeit halten. Camus verdeutlicht: Es geht nicht darum, ein Held zu sein („… aber wissen Sie, ich empfinde mehr Solidarität mit den Besieten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn für Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“ 19471, 2013: 290), es geht auch nicht darum, sich auf die eine bestimmte Weise aufzuopfern („Nichts auf der Welt ist es wert, sich von dem abzuwenden, was man liebt.“ 19471, 2013: 237) — vielleicht kann es nur darum gehen, nicht auf der Seite der Mörder zu stehen und sich auf die Seite der Opfer zu stellen („Ich kann übrigens auch nicht behaupten, dass ich ihn kenne. Aber man muss sich gegenseitig helfen.“ 19471, 2013: 27. „Ich sage nur,  dass es auf dieser Erde Plagen und Opfer gibt und dass man sich, so weit wie möglich, weigern muss, auf Seiten der Plage zu sein. Das erscheint Ihnen vielleicht etwas simpel, und ich weiß nicht, ob es simpel ist, aber ich weiß, dass es wahr ist.“ 19471, 2013: 288).

Neben der zugleich unaufgeregten und klaren Darstellung der Geschehnisse und des menschenfreundlichen Blicks auf die sehr unterschiedlichen Charaktere bestechen vor allem die Reflexionen der Figuren, die sich in diesem Roman zusammenfinden. Inmitten der Katastrophe bahnen sich zwischen einigen von ihnen Feundschaften an, durch die sie und die Leser*innen eingeladen werden, über persönliches Glück und Opferbereitschaft, erstrebenswerte Ziele und erlaubte Mittel, über wichtig und unwichtig nachzudenken. Hier offenbart sich in ausformulierter Form, was in die Zusammenstellung und Darstellung der Protagonisten bereits eingeflossen ist, nämlich Camus‘ Idee des Werts eines jeden Einzelnen: Im Grunde finden wir in zahlreichen Konstellationen, Handlungen und Gesprächen literarische Illustrationen seiner Idee der Revolte.

Was hat es mit dieser Revolte auf sich? Gemeinhin wird Camus‘ Wirken in drei Schaffensphasen unterteilt: auf die Phase, in der das Absurde im Mittelpunkt steht (insbesondere in „Der Mythos des Sisyphos“, „Der Fremde“, „Caligula“), folgte diejenige der Revolte (insbesondere in „Der Mensch in der Revolte“), bevor in der dritten Phase (vor allem, eben leider unabgeschlossen, in „Der erste Mensch“) das Maß und die Liebe in den Vordergrund seines Denkens rücken. Die Pest lässt sich der zweiten Phase zuordnen: der Roman ist eine Illustration dessen, was es heißen kann, als Einzelner für die und mit den Mitmenschen engagiert so zu handeln, dass einer solidarischen Haltung, die aus der Erkenntnis einer grundlegenden menschlichen Gemeinsamkeit resultiert, genüge getan wird. Die grundlegende Gemeinsamkeit besteht in dem, was menschliche Existenz für jeden Einzelnen und für alle gleichermaßen bedeutet — nämlich als Mensch in einer Welt zu leben, in der notwendigerweise Fragen nach einem den Menschen übersteigenden Sinn unbeantwortet, sowie Bedürfnisse nach Gerechtigkeit und Gnade unerfüllt bleiben. Wir finden uns als empfindende und reflektierende Wesen in einer Welt wieder, die unser Verlangen nach einer (auch sinnstiftenden) Ordnung schlichtweg ignoriert: „Das Absurde entsteht aus diesem Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt“ (19421, 2019: 40).

Sich der Hoffnung auf und des Bedürfnisses nach Gerechtigkeit aber — trotzdem! — nicht zu entledigen, eben nicht aufzugeben, sondern den Wert zu erkennen und zu würdigen, der darin steckt, dass der Mensch fragen, hoffen und entsprechend handeln kann, darin besteht die von Camus geforderte Revolte. „Für jegliche Existenz erhebt sich der Sklave, wenn er urteilt, dass durch einen bestimmten Befehl ihm etwas abgesprochen ist, was ihm nicht allein gehört, sondern allen Menschen gemein ist, in dem allen Menschen, auch seinen Unterdrückern und Beleidigern, eine Gemeinschaft bereitet ist“ (19511, 2020: 30). Bemerkenswerter Weise gibt Revolte wohl verstanden auch gleich die Grenze ihrer eigenen Ausführung und Durchsetzung mit: Da es im Grunde und letztendlich darum geht, den Menschen aufgrund seines Freiheits- und Möglichkeitskerns zu würdigen, kann es in Akten der Revolte niemals darum gehen, einen Einzelnen — sei er Henker, Richter, Opfer oder Zeuge — zu opfern und damit seiner Möglichkeit, etwas (wieder) gut zu machen, zu berauben.

Damit ist klar, dass es mit Camus nicht darum gehen kann, im Namen einer großen Sachen oder für eine abstrakte Idee auch nur einen einzelnen Menschen zum Tode zu verurteilen (was durchaus nicht nur per Gerichtsentscheid geschieht, auch im Alltag kann ein Handeln der Verurteilung eines Anderen zum Tode gleichkommen). Hannah Arendt schrieb sinngemäß, das absolut Gute gäbe es nicht, das absolut Böse aber durchaus, und zwar dann, wenn jemand glaube, er habe das absout Gute gefunden. Wenn Revolte darauf basiert, dass ein*e Jede*r in ihrem Kern bewahrt und geachtet werden soll, so ist damit auch eine Absage an die rücksichtslose Durchsetzung einer Idee des Guten formuliert. Zum Guten gehört auch, das andersartige Gutsein Anderer zu würdigen.

Nicht zuletzt in diesem Sinne können wir die vielen verschiedenen Personen, die in diesem Roman gegen Die Pest kämpfen (und zum Teil verlieren) als Beispiele für individuelles Fragen und Suchen sowie für individuelles Finden, nicht im heroischen Sinne heldenhafter, aber im Camus’schen Sinne menschenwürdiger und menschenwürdigender Wege begreifen.

 

Camus (19421, 2019): Der Mythos des Sisyphos. Hamburg: Rowohlt, 2019 [Original: Le Mythe de Sisyphe, Paris: Gallimard, 1942].

Camus (19471, 2013): Die Pest. Hamburg: Rowohlt, 2013 [Original: La Peste, Paris: Gallimard, 1947].

Camus (19511, 2020): Der Mensch in der Revolte. Essays. Hamburg: Rowohlt, 2020 [Original: L’Homme révolté, Paris: Gallimard, 1951].