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von Svantje Guinebert

In seinem Roman Die Pest stellt sich Camus die Frage, was Solidarität, Freundschaft und Menschenliebe bedeuten können in einer Zeit, in der die Menschen mit einem großen Übel umgehen müssen. Wie kann es uns gelingen, beispielsweise angesichts von Ungerechtigkeit und schleichender Verschlimmerung gesellschaftlicher oder klimatischer Zustände realistisch und klar zu sehen – und dabei hoffnungsvoll, tatkräftig und solidarisch zu sein? Welche Möglichkeiten und Wege gibt es, menschlich zu bleiben angesichts von Übeln und sich sowohl gegen die Katastrophe selbst als auch gegen eine damit oftmals einhergehende Verrohung zu wehren? Welches sind Katastrophen oder Übel unserer Zeit, die wir versucht sein könnten unter den Begriff der „Pest“ zu fassen?

Albert Camus beschreibt in dem 1947 veröffentlichten Roman, durch den er augenblicklich berühmt wurde und der bis heute als ein Klassiker der Weltliteratur gilt, wie eine kleine, gewöhnliche Stadt von der Pestseuche heimgesucht wird. Unterschiedliche Protagonisten leben und reflektieren Solidarität, Freundschaft und Revolte gegen das Übel. So werden Möglichkeiten der Nächstenliebe und Zivilcourage gegen physische und moralische Zerstörung gesetzt, literarisch illustriert und reflektiert.

Im Jahr 1957 erhielt Albert Camus den Literaturnobelpreis. Das Nobelpreiskomitee begründete seine Auszeichnung damit, dass Camus mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme seiner Zeit beleuchte. Er reflektiere mögliche Konsequenzen einer nihilistischen Haltung und stelle gegen Amoralismus und Flucht in Ideologien den persönlichen Einsatz gegen Menschenverachtung und Resignation. Dabei begegnen wir an keiner Stelle einem erhobenen Zeigefinger, sondern vielmehr einer Einladung, respektvoll, realistisch und konkret Möglichkeiten und Wege menschlichen Umgangs mit Übeln zu suchen. Der Roman Die Pest wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit fertiggestellt. Camus verarbeitet darin Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs, Faschismus und Totalitarismus, persönliche Erfahrungen der Belagerung; doch die Pest kann für Vieles stehen. Das Werk kann in den Kontext verschiedener Zeiten versetzt werden, es kann Erklärungen für Vergangenes liefern, Handlungswege für die Gegenwart bieten oder uns für die Zukunft einen Leitfaden für den Umgang miteinander in schwierigen Zeiten sein. Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart hat Camus‘ Werk neue Aktualität und Bedeutung gewonnen. Vor dem Hintergrund heutiger Debatten und Geschehnisse, Arten der Auseinandersetzungen und Herausforderungen gesellschaftlicher, klimatischer und globaler Herausforderungen kann Die Pest von Albert Camus als berührendes und mitreißendes Instrument dienen, um gemeinsam neu zu denken, ob, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise heute Solidarität erforscht, gelehrt und gelernt werden kann. Camus‘ Werk hat das Potential, dabei zugleich herauszufordern und zu ermutigen:

«Welch ein Stil! Welche Präzision und Eleganz, Sparsamkeit und visionäre Plastizität! Dass es auch in unserem Jahrhundert noch möglich ist, Wahrheit und Schönheit, Maß und Vision, Eleganz und Unbestechlichkeit zu vereinigen, schenkt uns Vertrauen zum Gewesenen, tröstet uns in der Dunkelheit des Tages und lässt uns hoffen für morgen.» (Walter Jens)