Das Land Liechtenstein ist ein 160 Quadratkilometer großer Binnenstaat mit etwa 40.000 Einwohner:innen. Laut Verfassung ist Liechtenstein ein Fürstenturm, das als konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratisch-parlamentarischer Grundlage organisiert ist. Seit 1923 ist der Staat durch einen Zollvertrag verwaltungsmäßig und wirtschaftlich eng mit der Schweiz verbunden.

Frauenstimm- und Wahlrecht

Finnland war 1906 der erste Staat Europas, der das allgemeine und gleiche Frauenwahlrecht einführte. 1971 wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene eingeführt. Damit war sie das vorletzte europäische Land, das dieses Recht einführte. Das benachbarte Liechtenstein sollte das letzte sein. Dort wurde drei Wochen nach der Abstimmung in der Schweiz eine Verfassungsinitiative der Fortschrittlichen Bürgerpartei zur Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts per Referendum mit 51% der Stimmen abgelehnt. Zur Verfassungsänderung fehlten nur 81 Stimmen. Die Wahlberechtigten waren logischerweise ausschließlich Männer. Auf diese Entscheidung folgend, veranstalteten Schüler:innen einen Protestmarsch durch die Hauptstadt Vaduz und liefen mit Plakaten mit Aufschriften wie „Wir schämen uns für euch“ oder „Wir zweifeln an der männlichen Vernunft“ durch die Straßen. Die Proteste wurden von Frauenrechtsgegnern gewaltsam bekämpft.

Liechtenstein war ein sehr katholisches und konservatives Land. Aufgrund dieser Werte und dem mit ihnen einhergehenden patriarchalen Frauenbild, erhielten Mädchen keine bzw. schlechte Bildung, wodurch sich für lange Zeit keine Frauenbewegung bildete. Ein weiterer Faktor, der die Männer vermutlich zu ihrer Wahlentscheidung brachte, war die Ausländer:innen-Feindlichkeit. Die Männer befürchteten, dass eingeheiratete Ausländerinnen zu viel Entscheidungsmacht bekämen.

1973 folgte die zweite Volksabstimmung, die eindeutiger ausging als die erste. Diesmal stimmten 55,9% der Männer gegen die Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts. Nach dieser Niederlage änderten die Frauenrechter:innen ihre Strategie und versuchte sich erstmal an der Gleichberechtigung auf regionaler Ebene. 1976 wurde die Verfassung so geändert, dass die elf Gemeinden des Landes selbstständig über das Frauenstimmrecht abstimmen konnten, um es auf Gemeindeebene einzuführen. Nach zehn Jahren war in allen Gemeinden das Frauenstimmrecht durchgesetzt.

1984 kam es dann endlich zum Erfolg. Am 11. April wurde vom Landtag ein Verfassungsgesetz zur Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts verabschiedet, worauf am 29. Juni und 1. Juli die dritte und letztendlich entscheidende Abstimmung der Männer folgte. Mit knappen 51,3% wurde schließlich die politische Gleichberechtigung auf Landesebene eingeführt.

Zwar erhielten die Frauen damit schon erhebliche Rechte, jedoch wurde erst 1992 explizit in der Verfassung festgeschrieben, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. Übrigens im gleichen Jahr, in dem das erste Smartphone auf den Markt kam. Gerade noch so vor der Jahrtausendwende – 1999 – wurde dann schließlich ein Gleichstellungsgesetz erlassen.

Und wie ist die Situation heute? Laut der „Situationsanalyse Gender 2018“ des Vereins für Menschenrechte in Liechtenstein „sind Männer in höheren Positionen übervertreten und weisen daher im Mittelwert höhere Löhne als die Frauen auf“ (Situationsanalyse zur Gleichstellung von Frau und Mann, 08.01.2018). Außerdem wurde festgestellt, dass Frauen weniger politische Führungspositionen einnehmen und in Gremien sowie öffentlicher Wahrnehmung unterrepräsentiert sind. Wir schließen aber mit einer positiven Botschaft, die auf eine gute Entwicklung hoffen lässt: Seit 2025 ist Brigitte Haas (auf dem Foto zu sehen) Liechtensteins Regierungschefin und damit die erste Frau, die dieses Amt je ausführte.

Quellen:

Foto: https://regierung.li/medienportal-medium/16183/233524/0/detail

https://www.deutschlandfunk.de/frauen-im-fuerstentum-der-lange-kampf-um-

frauenrechte-in-liechtenstein-100.htmlhttps://www.menschenrechte.li/menschenrechte/frau-und-mann

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/als-letztes-land-in-europa-das-weib-

schweige-liechtensteins-spaetes-frauenstimmrecht