Der Plattenbau als serielle Bauweise, bei der mehrgeschossige Wohnhäuser aus vorgefertigten Tafeln zusammengesetzt werden, ist aus Europas Großstädten nicht wegzudenken. Populär wurde die Großtafelbauweise vorwiegend durch den steigenden Bedarf nach Wohnraum in Folge des Zweiten Weltkrieges. Heutzutage wird die so genannte „Platte“ noch immer stark mit dem europäischen Sozialismus des 20. Jahrhunderts und der Teilung von Ost- und Westdeutschland in Verbindung gebracht. Bezeichnend ist dabei auch ihr negatives Image, so die gängige Vorstellung von niemals enden wollenden, trostlos grauen Sozialbauten. Trotz der mitunter harten Lebensrealität vom gemeinschaftlichen Zusammenleben auf engstem Raum im Inneren der „Platte“ erkennt manch einer sie dennoch als identitätsstiftendes Sinnbild für die eigene Herkunft an. Auch Kunst- und Kulturschaffenden dient dieser Architekturstil immer wieder als Inspiration und Ausgangspunkt ihrer Werke. Zwei Beispiele für Formen einer kulturellen Auseinandersetzung mit dem Thema Plattenbau möchte ich in diesem Beitrag vorstellen.
1. Musik: Molchat Doma 💿
Eine musikalische Interpretation bietet etwa die Band Молчат Дома / Molchat Doma (ausgesprochen: Maltschát Damá), deren Namen sich mit „Die Häuser schweigen“ übersetzen lässt. Das Musiktrio, bestehend aus Egor Shkutk, Roman Komogortsev und Pavel Kozlov stammt ursprünglich aus der belarussischen Hauptstadt Minsk. Dort gehören massive Plattenbauten im Stil des sowjetischen Modernismus bis heute zum Stadtbild. Die Synth-lastige und düster klingende Musik der Band ist von den totalitären Ästhetiken der belarussischen Sowjet-Zeit durchzogen. Eine Ära, die die Bandmitglieder selbst nie erlebten, deren bauliches Erbe ihren Sound und ihre Musikvideos dennoch klar beeinflusst. Hervorzuheben sind dabei vor allen Dingen ihre wirkungsmächtigen Albumcover, auf denen verschiedene sozialistische Bauwerke abgebildet sind. Die Musiker lebten nach Aussagen ihres Sängers selbst einst in Plattenbauten, in denen sie auch die Liedtexte ihrer frühen Werke verfassten. Gesungen werden die Songs in russischer Sprache, allerdings gibt es aufgrund ihrer Beliebtheit mittlerweile auch eine Vielzahl an englischen Übersetzungen. Nachdem die Band 2022 Kritik an dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine äußerte, verlagerten die Mitglieder ihren Schaffensstandort nach Los Angeles in die USA. Von dort aus trägt Molchat Doma nun das postsowjetische Lebensgefühl in die ganze Welt und lässt so auch ihre internationale Zuhörerschaft daran teilhaben.
Offizielles Lyric-Video zu dem Song "волны"(Volny) von Molchat Doma. Gezeigt wird die ukrainische Geisterstadt Pripyat.
2. Stadtmuseum Dresden, Austellung: "PLATTE OST/WEST" 🏢
Die deutsche Hochphase der Plattenbau-Architektur, zwischen den 1960er und 1980er Jahren, wird aktuell im Stadtmuseum Dresden aufgearbeitet. In der verlängerten Ausstellung PLATTE OST / WEST wird noch bis Ende Februar 2027 zu sehen sein, wie sich die Großtafelbauweise in der DDR und der westdeutschen Bundesrepublik simultan entwickelte. Gezeigt wird, welche Besonderheiten die „Platte“, das Leben und die sozialen Dynamiken darin ausmachen und wie es um die Zukunftsaussichten dieser modularen Bauart steht. Speziell vor dem Hintergrund des aktuell erneut akuten Bedarfs nach bezahlbarem Wohnraum in deutschen Großstädten wird sich hier die Frage gestellt, welche Chancen die Großtafelbauweise bieten kann. Neben der Integration von interaktiven Elementen wurde die Ausstellung für ihren nüchternen Blick auf das Thema und den damit einhergehenden Verzicht auf die generelle Abwertung von Sozialbauten gelobt. Positiv wurde hervorgehoben, dass das Museum auch die Bewohner:innen der „Platte“ selbst zu Wort kommen lässt und die Inhalte der Ausstellung auch für Kinder verständlich gemacht werden.
Dass Plattenbauten trotz ihrer vermeintlichen Schmucklosigkeit immer wieder zum Gegenstand von Kunst und Kultur werden, sei es wie hier musikalisch oder museal, zeigt, dass sie auch weiterhin relevant für unser urbanes Umfeld und den gesellschaftlichen Umgang mit städtebaulicher Architektur bleiben werden. Mit anderen Worten: Kulturelle Neubauten stürzen nicht ein!
Quellen
Abschnitt 1: Molchat Doma
Molchat Doma im Interview mit Dirk Schneider, Deutschlandfunk Kultur
Abschnitt 2: Platte OST/WEST
Programm der Austellung PLATTE OST/WEST im Stadtmuseum Dresden
Bericht über die Austellung PLATTE OST/WEST von der Süddeutschenzeitung am 26.02.2026
Bild
© Christin Neumann (2025): Клетка/Zelle. Fotografie. Verwendung mit Erlaubnis der Erstellerin.