In jedem europäischen Land gibt es jedes Jahr einen Tag, an dem sich die Nation selbst feiert, den Nationalfeiertag. Zumeist gehören offizielle Zeremonien von Regierungs- und Staatsoberhäuptern und in manchen Ländern auch eine Militärparade zu den Programmpunkten, die dabei von einem Meer aus wehenden Nationalflaggen begleitet werden. In Deutschland ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, der nationale Feiertag und bezieht sich auf das Datum, an dem im Jahr 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands vertraglich vollzogen wurde. Welche Ursprünge hinter den Nationalfeiertagen in anderen europäischen Staaten liegen, soll im Folgenden thematisiert werden. Bei Betrachtung dieser lassen sich vier häufig wiederkehrende historische Wurzeln der jeweiligen heutigen Nationalfeiertage erkennen: die Befreiung bzw. Unabhängigkeit, die Verfassung, ein monarchisches Jubiläum und einzelne historische Ereignisse.

Der Befreiungs- bzw. Unabhängigkeitstag als Nationalfeiertag

In der jüngeren europäischen Geschichte gibt es zwei zentrale historische Ereignisse, aus denen eine Welle neuer unabhängiger Staaten in Europa entstand. Zum einen der Erste Weltkrieg, dessen Folgen die Unabhängigkeit elf neuer europäischer Staaten begründete und zum anderen der Zerfall der Sowjetunion, aus dem zahlreiche eigenständige Staaten in Osteuropa hervorgingen. Daher ist es naheliegend, dass einige Länder ihren Nationalfeiertag der Erlangung der Unabhängigkeit widmen.

So erinnert der polnische Nationalfeiertag am 11. November an die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens nach dem Ersten Weltkrieg. Zuvor war Polen 123 Jahre lang von der Landkarte verschwunden und in einen preußischen, einen habsburgischen und einen russischen Teil gegliedert. Die offizielle Unabhängigkeitserklärung wurde schon am 7. Oktober 1918 unterzeichnet, jedoch gilt die Rückkehr des Nationalhelden Józef Piłsudski am 11. November 1918 als symbolischer Start der Zweiten Polnischen Republik. Traditionell ist das Hissen der polnischen Flagge am Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau der wichtigste offizielle Staatsakt am Nationalfeiertag. Dazu erfreuen sich Unabhängigkeitsmärsche und Läufe an Beliebtheit innerhalb der polnischen Gesellschaft. Ebenso wie Polen gedenkt auch Finnland am Nationalfeiertag an die eigene Unabhängigkeit zurück. Diese geht auf den 6. Dezember 1917 zurück, nachdem die Oktoberrevolution im russischen Zarenreich der finnischen Unabhängigkeitsbewegung Schwung verlieh. Neben einer Militärparade gilt vor allem der Empfang im Präsidentenpalast als Höhepunkt der Zeremonien, der Jahr für Jahr zu den meistgesehenen TV-Events Finnlands gehört.

Auch die Nationalfeiertage der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen fundieren auf dem Datum der jeweiligen Unterzeichnung der eigenen Unabhängigkeit. Dabei gibt es in allen drei Staaten gleich zwei nationale Feiertage, die sich der Erlangung der Unabhängigkeit widmen, denn auch die baltischen Staaten erlangten infolge des Ersten Weltkrieges ihre Eigenständigkeit. Als ein Resultat des Hitler-Stalin-Paktes 1939 verloren die baltischen Staaten ihre Souveränität und standen infolge der sowjetischen Besetzung und anschließenden Eingliederung in die Sowjetunion über fünf Jahrzehnte unter sowjetischer Herrschaft. In allen drei Staaten gibt heute daher zwei separate Feiertage, wenngleich der Feiertag, der der erstmaligen Erlangung der Unabhängigkeit 1918 gewidmet ist, im gesamten Baltikum als der ranghöchste Feiertag gilt. An diesem Tag (24.02. in Estland, 18.11. in Lettland, 16.02. in Litauen) finden in allen drei Ländern Militärparaden, Fackelzüge, Konzerte sowie Licht- und Feuerwerksshows statt.

Der Verfassungstag als Nationalfeiertag

Eine weitere historische Wurzel der europäischen Nationalfeiertage ist der Jahrestag der jeweiligen Verfassung. Auch in Deutschland wurde zeitweise der Tag der Verfassung zum Nationalfeiertag erklärt, nämlich während der Weimarer Republik. Jedoch hatte der am 11. August begangene Verfassungstag innerhalb der Bevölkerung einen schweren Stand, was auch daran geschuldet war, dass die Weimarer Republik den 11. August als arbeitsfreien Tag erklärte. Generell wird im Hinblick auf die Ernennung von Verfassungstagen zum höchsten nationalen Feiertag mitunter kritisiert, dass die Unterzeichnung einer Verfassung keine wirkliche emotionale Bindung hinterlässt und sich so nur schwer ein echter Gründungsmythos erschaffen lässt.

Tatsächlich hat sich in zwei europäischen Staaten der Verfassungstag als Nationalfeiertag durchgesetzt, und zwar in Norwegen und in Dänemark. Dabei unterscheiden sich die beiden Nationalfeiertage in extremem Maße hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. So gilt der norwegische Nationalfeiertag, der jährlich am 17. Mai stattfindet, als Beispiel für einen euphorisch gefeierten Tag, der sich hoher gesellschaftlicher Bindung und Teilnahme erfreut. Denn im Gegensatz zu anderen Nationalfeiertagen in Europa ist der norwegische Nationalfeiertag weitaus familiärer gestaltet. Statt einer Militärparade sind in Norwegen Kinderparaden mit bis zu 60.000 Teilnehmenden ein traditionelles Element am Nationalfeiertag. Zusätzlich werden jedes Jahr zahlreiche Familienfeste organisiert, bei denen das ungeschriebene Gesetz gilt, Kinder mit Unmengen an Süßigkeiten zu beschenken.

Dagegen fällt die Feier des dänischen Nationalfeiertags am 5. Juni deutlich gediegener aus. Große öffentliche Veranstaltungen und gesellschaftliche Versammlungen sind eher Fehlanzeige, einzig einzelne politische Kundgebungen sind zu beobachten. Überhaupt ist der 5. Juni in Dänemark noch nicht mal ein offizieller gesetzlicher Feiertag im Land und wird gleichzeitig auch als dänischer Vatertag gefeiert, was sinnbildlich für die geringe gesellschaftliche Relevanz des Verfassungstags steht.

Monarchische Jubiläen als Nationalfeiertag

In einigen europäischen Monarchien wird der Nationalfeiertag zu Ehren des königlichen Herrscherhauses gefeiert. Das prominenteste Beispiel sind die Niederlande, die den sogenannten Koningsdag stets am Geburtstag ihres Königs bzw. ihrer Königin feiern. Aktuell fällt der Nationalfeiertag auf den 27. April, da König Willem-Alexander an diesem Tag auf die Welt gekommen ist. Der Koningsdag gilt allgemein als einer der am euphorischsten gefeierten Nationalfeiertage in Europa. Festivals, Live-Konzerte und Straßenflohmärkte verwandeln den Feiertag Jahr für Jahr in ein großes Volksfest, bei dem nahezu alle Niederländer in der Nationalfarbe Orange erscheinen. Mit dem Wort Oranjegekte, was auf Deutsch etwa so viel wie „orangenes Fieber“ bedeutet, gibt es in der niederländischen Sprache einen eigenen Begriff, der das Lebensgefühl am Nationalfeiertag beschreibt.

Abseits der Niederlande sind in den kleineren Monarchien Luxemburg, Liechtenstein und Monaco die Nationalfeiertage an ein monarchisches Jubiläum gekoppelt. In Luxemburg gab es bis Anfang des 21. Jahrhunderts ebenfalls die Tradition, dass der Nationalfeiertag auf den Geburtstag des amtierenden Monarchen fällt. Als jedoch Großherzogin Charlotte 1919 den Thron bestieg, wurde der Nationalfeiertag aus klimatischen Gründen vom 23. Januar (ihrem Geburtstag) auf den 23. Juni verlegt, woraus eine bis heute anhaltende Tradition entstand und sich der 23. Juni als Datum des Nationalfeiertags etabliert hat. In Liechtenstein wurde der Nationalfeiertag auf den 15. August gelegt, um die Bedeutung des am gleichen Tag stattfindenden katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt zu unterstreichen, während der Nationalfeiertag Monacos am 19. November an die Thronbesteigung von Fürst Albert II. im Jahr 2005 erinnert.

Andere europäische Monarchien wie Belgien, Spanien und Schweden haben zwar auch historische Gedenktage zu Ehren ihrer Königshäuser, die jedoch nicht als ranghöchster Nationalfeiertag fungieren.

Der Nationalfeiertag zu Ehren einzelner historischer Ereignisse

Die letzte Kategorie von Nationalfeiertagen hat ihre Wurzeln in einzelnen historischen Ereignissen, die symbolisch für den Gründungsmythos des Landes stehen. Anders als das bürokratische Unterzeichnen von Verträgen, gelingt es konkreten historischen Ereignissen schneller, sich ins kollektive Gedächtnis festzusetzen und erwecken dabei eine gewisse Emotionalität.

Am deutlichsten zeigt sich dies im europäischen Vergleich am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Am 14. Juli 1789 ereignete sich in Paris der Sturm auf die Bastille, der den symbolischen Beginn der Französischen Revolution markiert. Ein Jahr später fand am gleichen Datum das Föderationsfest im Zeichen der nationalen Einheit und Versöhnung statt, bei dem König Ludwig XIV. einen feierlichen Eid auf die Nation ablegte. Zum Nationalfeiertag ernannt wurde der 14. Juli während der Dritten Französischen Republik 1880. Der besondere Kniff im Zuge dieser Wahl war, dass das entsprechende Gesetz absichtlich das genaue Jahr verschwieg. So konnten sich sowohl die linken Republikaner, die den Tag als Symbol des Volksaufstandes von 1789 sahen als auch die Konservativen, die eher das staatstragende Einheitsfest von 1790 feierten, sich mit dem 14. Juli als Nationalfeiertag anfreunden. Heutzutage gehört die prunkvolle Militärparade auf dem Champs-Élysées sowie das Feuerwerk über den Arc de Triomphe zu den Feierlichkeiten des französischen Nationalfeiertags.

Ein weiteres Beispiel für einen emotionalen Gründungsmythos als historische Wurzel des Nationalfeiertages ist in Griechenland zu finden. Dort erinnert der 25. März als Nationalfeiertag an den Beginn des griechischen Unabhängigkeitskriegs 1821 gegen das Osmanische Reich. Dem historischen Narrativ zufolge soll Erzbischof Germanos von Patros an diesem Tag im Kloster Agia Lavra die Kämpfer gesegnet haben und die Revolution ausgerufen haben. Nach einem elfjährigen Krieg erreichten die Griechen 1832 ihre formelle Unabhängigkeit und die Geburt der modernen Nation.

Im Zuge der heutigen Feierlichkeiten am 25. März in Griechenland darf neben einer Militärparade auch eine Schülerparade nicht fehlen, bei der die Kinder in traditioneller griechischer Volkskleidung über die Straßen marschieren. Dazu hängt an nahezu jeder Behörde und vielen privaten Haushalten die griechische Nationalflagge.

Fazit

Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt: Die historischen Wurzeln der Nationalfeiertage europäische Staaten sind ziemlich divers. Ob der feierliche Befreiungs- bzw. Unabhängigkeitstag, der nüchterne Verfassungstag, ein prunkvolles monarchisches Jubiläum oder die Erinnerung an ein einzelnes historisches Ereignis – die Palette der Gründungsmythen könnte kaum abwechslungsreicher sein. Nationalfeiertage erinnern damit nicht nur an historische Ereignisse, sondern erzählen zugleich etwas darüber, welche Ereignisse ein Land als identitätsstiftend betrachtet.

Quellen: