Für viele begeisterte Wintersportler*innen ist Südtirol ein Inbegriff eines alpinen Wintertraums. Die Region besticht durch zwölf Skigebiete mit kumuliert etwa 1.200 Pistenkilometern bei atemberaubendem Alpenpanorama. Hotspots wie das Pustertal sowie der Kalterer See sorgen dafür, dass Südtirol jährlich rund neun Millionen Tourist*innen anzieht. Vor allem bei deutschen Urlauber*innen ist die Region sehr beliebt: Knapp 40% der gesamten Übernachtungen ausländischer Gäste gehen auf deutsche Tourist*innen zurück.
Was sich bis hierhin wie eine Beschreibung über eine typische Region in Österreich anhört, bezieht sich in Wahrheit auf eine Provinz in Italien. Denn Südtirol gehört seit etwas mehr als 100 Jahren zu Italien und zählt zu den wirtschaftlich stärksten Regionen des Landes. Nichtsdestotrotz ist die Bevölkerung Südtirols bis heute stark deutsch geprägt. Regionale Ortsnamen haben deutsch klingende Namen und die reichweitenstärksten Medien berichten auf Deutsch. Rund 70% der Südtiroler*innen geben an, Deutsch als Muttersprache zu sprechen. Dazu gibt es neben der italienisch sprechenden Bevölkerung eine ladinischsprachige Minderheit, die etwa 4,5% der Bevölkerung ausmacht. Diese heterogene Bevölkerung macht Südtirol zu einer besonderen Region inmitten verschiedener Identitäten.
Warum Südtirol überhaupt zu Italien gehört, welche Sonderstellung die Region genießt und wie die Einheimischen die Frage nach der Identität für sich beantworten, soll im Folgenden behandelt werden.
Warum Südtirol zu Italien gehört
Die Eingliederung Südtirols als italienisches Staatsgebiet erfolgte durch den Vertrag von Saint-Germain 1919. Zuvor stand Südtirol über Jahrhunderte lang unter österreichischer Herrschaft, zunächst als Teil des Habsburgerreiches und später – im Zuge der Neuordnung Europas – als Teil des Kaiserreiches Österreich bzw. Österreich-Ungarn.
Während des Ersten Weltkriegs lieferten sich die einstigen Verbündeten Österreich und Italien zwischen 1915 und 1918 den sogenannten Gebirgskrieg. Infolge des von Karl I. (Kaiser von Österreich-Ungarn) initiierten Waffenstillstands von Villa Giusti, nutzte die italienische Armee einen Kommunikationsfehler seitens der österreichischen Heeresleitung aus und verzeichnete kampflose Geländegewinne in Südtirol. Bereits im Londoner Geheimvertrag von 1915, der entscheidend für den italienischen Kriegseintritt an der Seite der Entente-Mächten Frankreich, Großbritannien und Russland war, wurde Italien eine Verschiebung der Nordgrenze entlang des Brenners versprochen, was das Gebiet des heutigen Südtirols umfasste.
Durch die offizielle Abtretung Südtirols an Italien im Zuge des Vertrags von Saint-Germain, wurde die zu 90% deutschsprachige Bevölkerung Südtirols zu einer nationalen Minderheit in einem fremden Staat. Die Entscheidung fiel ohne jegliches Votum seitens der Bevölkerung und stand im Gegensatz zum vom damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson propagierten 14-Punkte-Programm. Unter dem neunten Punkt hieß es wörtlich: „Eine Berichtigung der Grenzen Italiens sollte nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität durchgeführt werden“. Dass Wilson die italienische Übernahme doch zuließ, hatte strategische Gründe, denn Italien wurden im Londoner Geheimvertrag auch Regionen am Balkan zugesprochen, was die USA jedoch verhindern wollten, um Jugoslawien zu schützen. Als Kompromiss gab Wilson stattdessen in der Frage nach der Zugehörigkeit Südtirols nach und überließ es den Italienern. Der nördliche Teil Tirols wurde dagegen weiterhin Österreich zugesprochen und bildet heute Österreichs drittgrößtes Bundesland Tirol.
Der Sonderstatus Südtirols als autonome Provinz
Die erste Zeit unter italienischer Herrschaft war für die Bevölkerung Südtirols von staatlicher Repression geprägt. Infolge der Machtübernahme Mussolinis 1922 und des einsetzenden Faschismus wurde die Region zwangsitalienisiert. So setzte Mussolini ein Verbot der deutschen Sprache in Schulen und Behörden durch und ließ deutsche Ortsnamen umbenennen. Dazu wurden in Bozen, der größten Stadt Südtirols, Zehntausende Italiener angesiedelt, um die Stadt von ihren deutschen Wurzeln zu „befreien“.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vereinbarten Österreich und Italien im Gruber-De-Gasperi-Abkommen, dass Südtirol weiterhin zu Italien gehört, Österreich jedoch umfassende Schutzrechte erhält. 1961 gründeten Vertreter Italiens und Österreichs die Neunzehnerkommission, um eine diplomatische Lösung über den Status Südtirols zu erzielen. Anlass dafür waren versuchte Bombenattentate von einer Separatistenbewegung, die eine Loslösung Südtirols von Italien erzwingen wollte und eine Gefahr für den Ausbruch eines Bürgerkrieges darstellte. Die Kommission einigte sich schließlich im Jahr 1972 auf einen Autonomiestatus Südtirols, wobei die tatsächliche Umsetzung erst 1992 erfolgte.
Der Autonomiestatus Südtirols gewährt der Region eine Selbstverwaltung und sichert den Schutz der sprachlichen Minderheiten ab. Dazu besitzt die Region in vielen Bereichen die primäre Gesetzbefugnis, womit sie Gesetze verabschieden kann, ohne sich an Vorgaben der italienischen Nationalregierung in Rom halten zu müssen. Zu diesen Bereich gehören unter anderem: Kultur, Bildung, Tourismus, Landwirtschaft, Raumordnung und lokales Finanzwesen. Gerade im Finanzwesen agiert Südtirol komplett unabhängig von der Nationalregierung. So ist rechtlich regelt, dass die Region 90% ihrer Steuereinnahmen behalten darf. Mit diesem Geld muss Südtirol seinen Kompetenzbereich eigenständig finanzieren, braucht allerdings nicht in den Süd-Fonds (vergleichbar mit dem Länderfinanzausgleich in Deutschland) einzuzahlen. Lediglich zur Tilgung der Staatsschulden muss Südtirol durch die Zahlung eines jährlichen dreistelligen Millionenbetrags beitragen.
Um dem rechtlich zugesicherten Schutz der sprachlichen Minderheiten Rechnung zu tragen, gilt der sogenannte ethnische Proporz. Dieser besagt, dass alle Ausgaben öffentlicher Gelder, jegliche soziale Güter sowie die Vergabe von Arbeitsstellen im öffentlichen Dienst streng nach dem prozentualen Anteil der drei Sprachgruppen (deutsch, italienisch, ladinisch) verteilt werden müssen. Dafür findet alle zehn Jahre eine Sprachgruppenzählung statt, deren Gesamtergebnis die Grundlage für den Proporz bildet.
Obwohl der Proporz das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Sprachgruppen regelt, steht er zunehmend in der Kritik. So wird allen voran das starre Festhalten an den Ergebnissen für einen Zeitraum von zehn Jahren bemängelt, weil auf soziale Probleme, wie beispielsweise den Fachkräftemangel, nicht flexibel reagiert werden könne, da qualifizierte Bewerber*innen nicht über das „richtige“ Sprachzertifikat verfügen. Insbesondere die Integration von Migrant*innen in den Arbeitsmarkt wird durch den Proporz erschwert. Dennoch zeigen aktuelle Umfrageergebnisse aus 2025, dass die Südtiroler*innen den Proporz weiterhin befürworten. So stimmen 73% der ladinischen, 72% der deutschsprachigen und 53% der italienischsprachigen Bevölkerung dem Beibehalten des aktuellen Proporzsystem zu.
Die Frage nach der Identität
In der Frage nach ihrer Identität dominiert bei den Südtiroler*innen eindeutig die regionale Verbindung. Viele Südtiroler*innen, vor allem in der deutschsprachigen Bevölkerung, beschreiben ihren Status als österreichische Minderheit, die einen italienischen Pass hat, fühlen sich jedoch weder als Österreicher*innen noch als Italiener*innen, sondern eben als Südtiroler.*innen. Sinnbildlich dafür steht folgende Aussage von Bergsteiger Reinhold Messner, der zu den berühmtesten Südtirolern gehört: „Ich bin kein Deutscher, kein Österreicher, kein Italiener – sondern ich bin Südtiroler. Eventuell noch Tiroler“. Besonders die ältere Generation nutzt die lokale Identität bewusst als Abgrenzung zu Italien, da in dieser Generation noch häufig die historischen Traumata durchklingen. Etwas anders verhält es sich dagegen bei der italienischsprachigen Bevölkerung Südtirols, die sich entsprechend ihrer Nation identifiziert, wenngleich sie eine gewisse Distanz zum Rest Italiens empfindet.
Allgemein genießen viele Südtiroler*innen den aktuellen Status quo Südtirols als autonome Region in Italien und schätzen die Vorzüge beider - der deutschen und der italienischen - Lebenswelten.
Quellen
Die Geschichte Südtirols oder warum gehört Südtirol nicht zu Österreich (Suedtirol.de)
Die Abtrennung Südtirols - Italienisch wider Willen (Deutschlandfunk Kultur)
November 1918: Italien schafft mit Südtirol-Einmarsch Fakten (ORF)
50 Jahre Proporz und was sich verändert hat (ORF)
Kompetenzen und Finanzierung der Autonomie ( Homepage der Autonomen Provinz Bozen -Südtirol)
Autonomes Südtirol - "Die verstehen nicht, dass wir keine Italiener sind" (Welt)
Sprachbarometer 2025 zeigt Wandel in Südtirol (Südtirol News)