Der gegenwärtige Krieg in der Ukraine wird vom Einfluss vieler globaler Mächte geprägt. Auf der einen Seite stehen die europäischen Staaten und die USA, die die Ukraine finanziell und militärisch unterstützen. Auf der anderen Seite gehören China, Nordkorea und der Iran zu den Verbündeten Russlands, die aufgrund anhaltender wirtschaftlicher Beziehungen, den Effekt der westlichen Sanktionen gegen Russland verringern.
Während die Beteiligung dieser Akteure zur Verlängerung des Krieges beiträgt, gibt es einen Staat, der seit Kriegsausbruch stets den Willen für diplomatische Verhandlungen äußert, nämlich die Türkei. Zahlreiche bilaterale Verhandlungsrunden fanden unter der Führung von Präsident Erdogan in der Türkei statt. Dabei gelang der bislang größte diplomatische Erfolg im Sommer 2022 mit der Verabschiedung eines Getreideabkommens zwischen Russland und der Ukraine, das bis zum Austritt Russlands im Juni 2023 den Export ukrainischen Getreides über das Schwarze Meer ermöglichte.
Mit der Positionierung als Vermittler nimmt die Türkei eine Doppelrolle im Ukraine-Krieg ein, da sie die Gesprächskanäle sowohl zur Ukraine als auch zu Russland gleichermaßen offenhält. Wie die Türkei Einfluss auf beide Kriegsparteien nimmt, soll im Folgenden erörtert werden.
Türkei als NATO-Mitglied
Formell scheint die türkische Position im Ukraine-Krieg ziemlich klar zu sein, denn schließlich gehört das Land seit 1952 zur NATO. Innerhalb der NATO gilt die Türkei als Wächter der südlichen Flanke, da das Land mit den Dardanellen und dem Bosporus zwei entscheidende Meerengen zum Schwarzen Meer hin kontrolliert. Darüber hinaus stellt die Türkei hinter den USA die zweitgrößte Armee unter den NATO-Staaten. Mit rund 880.000 Soldat*innen, darunter ca. 350.000 Aktiven, nimmt die Türkei eine wichtige Position im Militärbündnis ein.
Als NATO-Mitglied beteiligt sich die Türkei an den Waffenlieferungen für die Ukraine und ist vor allem in der Lieferung von Drohnen ein wichtiger Partner. Die russische Vollinvasion im Februar 2022 verurteilte die Türkei ebenso wie die westlichen Staaten als völkerrechtswidrig, jedoch beteiligte sich die Türkei infolge nicht an den (wirtschaftlichen) Sanktionen gegen Russland.
Zudem stellte sich das Land mit der Verzögerung eines NATO-Beitritts von Finnland und Schweden gegen die mehrheitliche Position unter den NATO-Staaten. So zog sich die Ratifizierung der Beitritte beider Staaten über mehrere Monate hinweg, ehe die Türkei im März 2023 schließlich ihre Blockadehaltung aufgab.
Türkei als Partner Russlands
Im Gegensatz zu anderen NATO-Staaten, pflegt die Türkei auch weiterhin noch eine wirtschaftliche Beziehung zu Russland. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Wladimir Putin mehrfach als „geschätzten Freund“, während Russland den diplomatischen Kurs der Türkei öffentlich lobt. Der Hintergrund für die anhaltenden Beziehungen beider Staaten sind wirtschaftliche Abhängigkeiten. So stammt ca. 41% des türkischen Gashaushalts aus Russland. Dazu ist die Türkei nach wie vor einer der größten Importeure russischer Getreideprodukte wie z.B. Weizen. Dadurch, dass die Türkei die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht mitträgt, hat sich das Land zu einem Zufluchtsort für russische Oligarchen entwickelt. Anders als in den restlichen europäischen Staaten müssen die Oligarchen keine Einfrierung ihres Vermögens befürchten, weshalb sie verstärkt in türkische Immobilien investieren. Zusätzlich hält die Türkei ihren Luftraum für russische Flugzeuge weiterhin offen. Auch diese Maßnahme ist als Produkt der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Türkei von Russland zu verstehen, schließlich verbringen jedes Jahr schätzungsweise fünf Millionen Russinnen und Russen ihren Urlaub in der Türkei, wodurch Russland einen großen Einfluss auf den Tourismussektor nimmt. Zum Ärger der EU-Staaten nutzen viele russische Tourist*innen vor allem den Flughafen in Istanbul als Drehkreuz, um nach (West-)europa einzureisen, trotz verschärfter Visabestimmungen seitens der EU. Auch auf diplomatischer Ebene laufen die türkisch-russischen Beziehungen unverändert ab. Während nahezu alle westlichen Politiker*innen sich von Putin distanzierten und auf gemeinsame Treffen verzichteten, fanden seit Februar 2022 bereits neun persönliche Staatsbesuche zwischen Erdogan und Putin statt. Im Zuge der bilateralen Treffen betont Erdogan schon seit einiger Zeit, dass Putin an einem schnellen Kriegsende interessiert sei. Im Oktober 2024 nahm die Türkei als Gastland am Gipfel der BRICS-Staaten im russischen Kasan teil und signalisierte anschließend Interesse, sich dem antiwestlich ausgerichteten Staatenbund anschließen zu wollen.
Ziele der Türkei mit der Doppelstrategie
Wie bereits erwähnt, ist die wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber Russland ein wichtiger Faktor für die Doppelrolle der Türkei. Ein Bruch mit Russland hätte fatale Folgen für die türkische Wirtschaft, weshalb das Land aus Gründen der wirtschaftlichen Stabilität weiterhin mit Russland handelt.
Des Weiteren schwingt in der Positionierung der Türkei als Vermittler eine gehörige Portion Inszenierung mit. Präsident Erdogan will die Türkei als zentrale diplomatische Brücke zwischen den Konfliktparteien etablieren, um zu demonstrieren, dass globale Probleme ohne einen türkischen Einfluss nicht lösbar seien. Es ist allerdings fraglich, ob die Türkei in Verhandlungen über ein mögliches Kriegsende, tatsächlich eine entscheidende Rolle übernehmen würde. Denn seit dem Amtsantritt von Donald Trump 2025 verfolgt die USA ebenso eine stärker auf Verhandlungen ausgerichtete Rolle im Ukraine-Krieg. Dabei machten die USA deutlich, dass in den Verhandlungsrunden, kein Platz für europäische Mächte ist. Auch die Türkei war bislang kein Teil der von den USA initiierten Verhandlungsrunden.
Schließlich verfolgt die Türkei mit ihrer Doppelstrategie auch ein geopolitisches Ziel. Die Türkei betrachtet das Schwarze Meer als ihre Einflusszone und möchte ihren Einfluss auf diese Zone ausbauen. Sowohl die Ukraine als auch Russland grenzen an das Schwarze Meer und sind einerseits wichtige Handelspartner der Türkei, weshalb es ein zentrales Anliegen der Türkei ist, den Krieg vom Schwarzen Meer fernzuhalten, um die Stabilität in der Region zu bewahren.
Anderseits verfolgen die Ukraine und allen voran Russland eigene geopolitische Interessen rund ums Schwarze Meer. Daher ist es im Interesse der Türkei, dass keine der beiden Kriegsparteien, gestärkt aus dem Krieg hervorgehen. Insbesondere ein gestärktes Russland könnte eine größere Rolle in der Region einnehmen und den Anspruch der Türkei als Kontrolleur des Schwarzen Meers gefährden. Dass diese Region für Russland von zentraler Bedeutung ist, wird durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014 verdeutlicht. Somit hält sich die Türkei mit einer direkten Unterstützung Russland in Form von Waffen, Munition etc. zurück.
Fazit
Die Türkei nimmt unter allen globalen Akteuren, die sich am Ukraine-Krieg beteiligen, eine Sonderstellung ein. Als NATO-Mitglied und Handelspartner Russlands, betreffen die Handlungen und Entscheidungen der Türkei, beide Seiten des Konfliktes. Dabei zielt die Türkei stets darauf ab, weder Russland noch die Ukraine zum eigenen Gegner zu machen, um eine Eskalation am Schwarzen Meer zu vermeiden. Zudem will die Türkei durch die Rolle als neutraler Vermittler sich als internationaler Friedensstifter inszenieren.
Jedoch trägt die Türkei durch die Waffenlieferungen an die Ukraine und das Füllen der russischen (Kriegs-)Wirtschaft vielmehr zu einem Fortlaufen als zu einem schnellen Ende des Krieges bei.
Quellen
Vermittlung im Ukraine-Krieg – Warum Erdogan eine Schlüsselrolle hat (tagesschau)
Die Rolle der Türkei im Ukraine-Krieg (ZDF)
NATO Schweden und Ukraine – Näher dran aber noch nicht drin (tagesschau)
Türkei: Balanceakt zwischen Russland und der Ukraine (bpb)
Zwischen Westen und Moskau – Erdogans Hochseilakt im Ukraine-Krieg (ORF)
Türkei: Verbündet mit dem Westen, befreundet mit Russland (Deutsche Welle)