Können solche Boykotte auch heute wieder passieren? Der diplomatische Boykott der Winterspiele 2022 in Peking zeigt, dass die Diskussion aktueller ist denn je und wir auch heute nicht immun gegen eine Instrumentalisierung sind.

Immer wieder hat die Politik auch in jüngster Vergangenheit versucht, Einfluss auf die Olympischen Spiele zu nehmen. Dabei veränderte sich zunehmend die Form, in der dies stattfand. Boykotte wie jene von 1936 oder während des Kalten Krieges erscheinen heute kaum noch vorstellbar. Trotzdem kommt es verhäuft zu sogenannten diplomatischen Boykotten. Ein diplomatischer Boykott bedeutet, das Staaten zwar ihre Athlet*innen teilnehmen lassen, jedoch auf eine offizielle politische Vertretung verzichten. Damit versuchen Staaten, politische Kritik zu äußern, ohne den sportlichen Wettbewerb vollständig zu unterbrechen. Diese Form gilt daher als eine Art Kompromiss zwischen politischem Protest und sportlicher Teilnahme.

Ein besonders aktuelles Beispiel sind hier die Winterspiele 2022 in Peking, die von mehreren westlichen Staaten diplomatisch boykottiert wurden. Länder, die an diesem Boykott teilnahmen, waren zum Beispiel die USA, Kanada oder Großbritannien.

Anders als 1980 oder 1984 richtete sich dieser Boykott nicht gegen die Teilnahme der Athlet*innen, sondern gegen die politische Repräsentation vor Ort. Offizielle Regierungsvertreter*innen sind in der Regel bei früheren Olympischen Spielen vor Ort dabei, um die Athlet*innen, welche ihr Land bei den Spielen repräsentieren zu unterstützen. Bei den Winterspielen in Peking nahmen diese nicht teil. Hintergrund dieser Entscheidung waren vor allem Vorwürfe gegen China in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegenüber der Uigurischen Minderheit.

Athlet*innen der boykottierenden Länder konnten also trotzdem an den Spielen teilnehmen, was von vielen positiv als Versuch gewertet wurde, die Karrieren der Sportler*innen nicht zu beeinträchtigen. Trotzdem blieb die Veranstaltungen für viele Athlet*innen ambivalent: erneut fühlten sie sich instrumentalisiert und zwischen Politik und Sport gefangen.EInige Sportler*innen berichten, es sei schade, nicht die Hand geschüttelt zu bekommen, sollte man eine Medaille gewinnen. Irgendwas fehle, berichteten Sportler*innen. Gerade dieser Zwiespalt zeigt, dass selbst abgeschwächte Boykottformen die Trennung von Sport und Politik kaum ermöglichen.

Ebenso kritisiert wurde die tatsächliche Wirksamkeit eines solchen „halben Boykotts“. Gibt es so etwas wie eine tatsächliche Wirksamkeit oder ist der Boykott eher symbolischer Natur? Diese Frage wird auch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert und verdeutlicht, wie unterschiedlich die Erwartungen an den Sport als politische Bühne sind.

Die Kritik wurde besonders laut, da die Gastgeberländer sich nicht vom Boykott irritieren ließen und die Sportveranstaltungen, wie 1936 oder 1980 auch weiterhin gezielt zur Selbstdarstellung auf der internationalen Bühne nutzten. 

Die Situation setzt internationale Sportorganisationen wie das IOC zunehmend unter Druck, sich klar zu politischen und ethischen Fragen zu positionieren. Das IOC betont zwar stets die politische Neutralität der Spiele, gerät jedoch zunehmend in die Kritik, dieser Rolle nicht gerecht zu werden.

Insgesamt zeigt sich also, dass Boykotte im Sport auch heute noch ein politisches Mittel darstellen, wenn auch in veränderter Form. Eine direkte Nichtteilnahme ganzer Nationen ist seltener geworden, symbolische Maßnahmen hingegen nehmen stark zu.

Die Zentrale Frage, ob es überhaupt unpolitische Olympische Spiele geben kann, oder sie zwangsläufig Teil globaler Macht seien, bleibt also auch heute noch unbeantwortet. Die Entwicklung der letzten Jahre legt nahe, dass der Anspruch eines unpolitischen Sports wohl eher eine Idealvorstellung, als Realität ist.

Quellen:

https://www.bpb.de/themen/asien/china/345240/chinas-olympische-winterspiele-2022/

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/31079/olympische-spiele-und-politik/ 

https://www.tagesschau.de/ausland/usa-boykott-spiele-peking-china-101.html 

https://www.welt.de/sport/article235534526/Peking-2022-Auch-Grossbritannien-erklaert-diplomatischen-Olympia-Boykott.html

https://www.deutschlandfunk.de/olympia-winter-peking-thomas-bach-rueckblick-100.html