Wer in einer europäischen Großstadt lebt oder leben möchte, kommt nicht daran vorbei, mit den hohen Mietpreisen konfrontiert zu werden. In Berlin zahlt man durchschnittlich 17,20 Euro, in Paris 31,30 Euro und in London sogar 33,80 Euro pro Quadratmeter. Nicht jedoch in Wien: In Österreichs Hauptstadt liegt ein Quadratmeter im Schnitt bei 10,50 Euro. Wie kommt es zu solchen massiven Unterschieden zwischen Wien und anderen europäischen Hauptstädten?
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Wien eine extreme Wohnungsnot. Um dem entgegenzuwirken, plante die sozialdemokratische Regierung Wiens kommunale Mietshäuser. Der Finanzstadtrat Hugo Breitner errichtete zur Finanzierung dieses Projekts eine Wohnsteuer, die auf die obersten 20 % der Mieten erhoben wurde. Nach dem Grundsatz, dass finanzierbare Wohnungen in hoher Qualität für eine breite Bevölkerungsschicht gebaut werden sollen, wurden in der Zwischenkriegszeit insgesamt über 66 000 Wohnungen bezugsbereit gemacht.
Heutzutage lebt etwa jede:r vierte Wiener:in in einer der 220 000 Gemeindewohnungen. Da die Gemeindewohnungen der Stadt gehören, dienen sie nicht der Gewinnerzielung, sondern rein der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum, was die niedrigen Mieten erklärt. Dazu kommen noch 200 000 geförderte Wohnungen. Das bedeutet, dass insgesamt circa 60 % der Einwohner:innen in einer kommunalen oder geförderten Wohnung leben.
Um an eine Wohnung zu kommen, braucht man ein Wiener Wohn-Ticket mit begründetem Wohnbedarf. Dafür muss man einige Voraussetzungen erfüllen. Antragstellende müssen mindestens 18 Jahre alt sein, einen zweijährigen, durchgehenden Wohnsitz in Wien haben und eine österreichische oder gleichgestellte Staatsbürgerschaft haben. Außerdem spielt auch das jährliche Gehalt eine Rolle. Als allein wohnende Person, darf das netto Jahreseinkommen nicht über 57 600 Euro sein, als Zweipersonenhaushalt nicht 85 830 Euro und als Dreipersonenhaushalt nicht 97 130 Euro überschreiten. Die Stadt setzt hier die Gehaltsgrenzen so hoch, damit auch Menschen aus der Mittelschicht in Gemeindebauten wohnen können, was zur sozialen Durchmischung beitragen soll.
Bewohner:innen loben die hohen Standards und das In-Schuss-Halten der Wohnungen. Die meisten Gemeindebauten haben grüne Innenhöfe und Gemeinschaftsräume, teilweise sogar Saunen. Außerdem müssen sie keine Angst vor Kündigung wegen Eigenbedarfs haben, denn die Mietverträge sind unbefristet.
Die Stadt plant aktuell eine Reform des Vergabesystems durch ein Punktesystem. Durch Pluspunkte hat man Vorteile bei der Wohnungsvergabe. Diese bekommt man zum Beispiel, wenn man sich in einer Aus- oder Weiterbildung befindet, man eine wachsende Familie ist oder den Wunsch nach einer kleineren Wohnung hat. Nachteile hat man hingegen, wenn man sich in einer Gemeindewohnung unleidlich verhalten hat, also zum Beispiel die Wohnung untervermietet hat oder offene Mietschulden hat.
Insgesamt zeigt Wien, dass bezahlbarer Wohnraum in einer europäischen Großstadt möglich ist, wenn die Stadt langfristig und konsequent eine soziale Wohnungspolitik verfolgt. Inwieweit Wien jedoch als Vorbild für andere europäische Großstädte dienen kann, ist fraglich. Jede Stadt hat ihre eigene Stadtentwicklung und Kultur des Wohnbaus. Um ein Modell wie in Wien zu etablieren, müsste man die Stadtplanung und -entwicklung grundlegend verändern, was schwierig ist. Jedoch sollte das keine Ausrede sein, darüber zu sprechen, wie man Wohnungspolitik sozial gestalten kann. Speziell in Deutschland müssen Bund, Länder und Gemeinden eingreifen, denn das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass Grund und Boden keine beliebige Handelsware sind. Dazu kommt, dass das Wiener Modell ungefähr seit einem Jahrhundert besteht und deswegen schwer nachzuahmen ist. Trotzdem sollten langfristig Sozialwohnungen die Lösung sein, um Wohnen in europäischen Metropolen wieder bezahlbar zu machen.