Squad Prosfygika (griechisch: „Flüchtlingsbauten“) im Stadtteil Ambelokipi in Athen, 1,4 Hektar groß, direkt gegenüber vom Stadion Panathinaiko Athen. Und die Häuser stehen leer. Alte Gemäuer, abblätternder Putz und ein Zusammenkommen von über 400 Menschen, die den Baukomplex besetzen, um gegen eine Räumung und Gentrifizierung des Staats vorzugehen. Das Viertel wurde ursprünglich für Geflüchtete des griechisch-türkischen Kriegs (1919-1922) in den 1930er-Jahren errichtet, wurde aber zu einem Ort des Widerstands für antifaschistische Widerstandskämpfer:innen. Im Jahr 1944 nutzten die antifaschistischen Partisanen Prosfygika als Unterschlupf gegen die griechische und britische Staatsarmee. Der Ort befindet sich symbolhaft zwischen dem Obersten Gerichtshof Athens und der Generaldirektion der Athener Polizei.
Der Komplex sollte anlässlich der Olympischen Spiele 2004 aufgekauft und abgerissen werden, um unschöne, unsanierte Stadtteile, die von marginalisierten Gruppen bewohnt werden, vor den internationalen Gästen zu verbergen. Dies konnte aber durch den Widerstand von Prosfygikas Bewohner:innen verhindert werden, woraufhin der Komplex unter Denkmalschutz gesetzt wurde.
Heute leben die meisten Bewohner:innen des Stadtteils ohne Mietvertrag in Prosfygika. Die Besetzung bildet ihre eigene Gemeinde mit Frauenhäusern, Kindergärten, Sozialapotheken und Unterkünften für Patient:innen neben dem Krebskrankenhaus Agios Savvas. Die Bewohner:innen sind teils internationale Aktivist:innen, die das Projekt für begrenzte Zeit unterstützen, bevor sie weiterreisen, Kinder, ältere Menschen, sozial benachteiligte Personen, Geflüchtete und Athener Anarchist:innen. Sie renovieren die Gebäude gemeinsam und schaffen kostenlosen Wohnraum für Bedürftige.
In Prosfygika treffen diverse Interessen und politische Pluralität aufeinander, was für die Bewohner:innen kein Hindernis darstellt. Wöchentlich versammeln sie sich, um das Zusammenleben zu koordinieren, Aufgaben zu verteilen und alle Interessen zu berücksichtigen. Alle zwei Jahre werden „politische Mitglieder“ für die autonome Verwaltung gewählt, die für die Wahrung der politischen Grundstruktur verantwortlich sind, die sich am kommunalen Konföderalismus orientiert und eine freie, solidarische Gesellschaft sichern soll.
Der kurdische Freiheitskampf und die Anwesenheit kurdischer Gruppen in Prosfygika unterstützt die politische Vorstellung der Besetzung und inspiriert den Umgang mit lokalen Verhältnissen durch Erfahrungen aus anderen Freiheitskämpfen. Ein wichtiger Unterschied zwischen Rojava und Athen ist allerdings die anarchistische Einstellung Athener Aktivist:innen und die starke Ablehnung von Demokratie in Athen.
Prosfygika befindet sich aktiv im Kampf gegen den Staat, welcher den Stadtteil aufwerten möchte, um die Immobilien teuer vermietbar zu machen, zum Beispiel in Form von Airbnbs. Die Bewohner:innen Prosfygikas und dem benachbarten Stadtteil Exarchia kämpfen gegen diese Aufwertung. In Exarchia kam es in den letzten Jahren ebenfalls vermehrt zu Wohnraumaufwertungen, Gentrifizierung und Airbnb-Geschäften, die es unmöglich machten, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Prosfygika verfolgt nun eine andere Strategie, um gegen eine Räumung vorzugehen. In den ersten beiden Blocks, die rechtlich der Stadt gehören, und noch unter Denkmalschutz stehen, soll ein Migrations-Museum entstehen, die restlichen Blocks, die teils Privateigentum sind, sollen Wohnraum für Geflüchtete und sozial benachteiligte Gruppen bieten. Die Bewohner:innen sind trotzdem überzeugt, dass eine Räumung stattfinden wird, bereiten sich aber so gut wie möglich vor, um es der Polizei nicht leicht zu machen.
Die Besetzung dient nicht als Selbstzweck, sondern als Kampf gegen den Verdrängungsversuch des Staats und dessen Gentrifizierung. Kollektiver Widerstand ist keine Entscheidung, sondern ein Überlebenskampf für die Bewohner:innen von Prosfygika.
https://www.stern.de/panorama/verbrechen/prozess-um-tod-eines-15-jaehrigen--sie-kehrten-nicht-zurueck--um-nach-ihm-zu-sehen--3335488.html
https://www.akweb.de/bewegung/groesste-besetzung-griechenlands-squad-prosfygika-athen/
https://taz.de/Widerstand-gegen-Raeumung-in-Griechenland/!6152891/