Während die Welt sich um die letzten freilebenden Tiger in Asien sorgt, werden mitten in Europa Tiger als Handelsware ausgebeutet. Tigerbabys müssen für Touristen als süße Fotomotive herhalten und werden ihrer Mutter viel zu früh weggenommen. Sie enden in Käfigen in Privatwohnungen oder müssen ihr ganzes Leben im Zirkuswagen reisen. Doch oft verschwinden sie, wenn sie zu groß oder zu teuer werden. Europa ist ein Marktplatz für ein blutiges Geschäft.
Im Jahr 2016 lebten weltweit nur noch 3.900 Tiger in Freiheit. Zum Vergleich: 1947 waren es allein in Indien noch 40.000. Der Großteil der Tiger lebt heute in Gefangenschaft. Etwa 12.000 Tiger weltweit, davon etwa 7.000 in den USA.
Die Art Panthera tigris ist auf der Roten Liste der IUCN als stark gefährdet eingestuft. Die Hauptbedrohungen sind der Lebensraumverlust, die Zerstückelung der Habitate oder primär der illegale Handel mit Körperteilen und Produkten. Ein lebender Tiger wird für etwa 3.000 € bis 5.000 € verkauft. Ein toter Tiger hingegen kann durch die Verwertung zwischen 15.000 € und 20.000 € einbringen. Die Tigerprodukte dienen als Statussymbole, Dekoration, Talismane oder als Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dort werden den Knochen, Organen oder Augen Heilwirkungen zugeschrieben.
Europa als Handelsdrehkreuz
“Gefangenschaft zu kommerziellen Zwecken verstößt gegen die Empfehlungen des Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES), das die Europäische Union (EU) konsequent unterstützt. Dennoch ist die Zucht und der kommerzielle Handel mit Tigern in Gefangenschaft in der gesamten EU legal, und die Mitgliedstaaten importieren und exportieren auch weiterhin lebende Tiger und deren Körperteile, die unter dem CITES-Code für den kommerziellen Handel registriert sind.” (VIER PFOTEN (2020))
Tiger sind in CITES-Anhang I und Anhang A der EU-Verordnung gelistet, in welcher jene Arten geführt werden, die als streng geschützt und akut bedroht gelten, was ein grundsätzliches kommerzielles Handelsverbot impliziert. Das Problem dabei ist jedoch, dass in Gefangenschaft geborene Tiger oft rechtlich wie Anhang-II-Arten behandelt werden, was ihren kommerziellen Handel unter bestimmten Auflagen ermöglicht. Anhang-II-Arten entsprechen dabei Arten, die aktuell nur potenziell vom Aussterben bedroht sind, aber dennoch durch unkontrollierten Handel gefährdet werden könnten. Weiterhin existieren keine einheitlichen EU-Gesetze. Die Bestimmungen zur privaten Haltung oder Nutzung in Zirkussen variieren stark zwischen den Mitgliedstaaten. Zudem mangelt es an ordentlicher Registrierung. Von den damals 28 angefragten EU-Staaten konnten nur 13 konkrete Zahlen zu ihren Beständen nennen. Es fehlt an einem EU-weiten Zentralregister und an Mikrochips.
Europa fungiert als ein bedeutender Exporteur und Importeur. Zwischen 2014 und 2018 wurden trotz des Schutzstatus massive Genehmigungen erteilt. So wurden 181 lebende Tiger ausgeführt, 48 davon kommerziell. Eingeführt wurden 43. Bei den Tigerprodukten handelte es sich um 58 Ausfuhren, davon 46 kommerziell, und 81 Einfuhren. Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich gehören weltweit zu den Top-Akteuren. Zielländer sind unter anderem Thailand, Vietnam, China, Singapur, Russland und die Türkei. Es gab im Zeitraum von 2013 bis 2017 insgesamt 95 Beschlagnahmungen, davon waren 94 % Arzneimittel mit Tigerderivaten.
Italien gilt als ein Zentrum für Zucht und Handel. Offiziell sind nur 24 Tiger gemeldet. Expert*innen schätzen die Zahl jedoch auf mindestens 400. Zirkusse fungieren dabei als Produktionsstätten, die legal züchten und vermieten dürfen. Doch auch Deutschland zählt zu den Spitzenreitern beim Im- und Export lebender Tiger in der EU. Dabei herrscht jedoch eine hohe Intransparenz. 78 angefragte Behörden konnten keine genaue Auskunft über die Bestände geben.
Die Tschechische Republik deckte 2018 Netzwerke organisierter Kriminalität auf, die Tiger gezielt für den illegalen Export nach Asien züchteten. Auch aus Litauen kommen Vorfälle ans Licht. So bot ein Händler einen Tigerjungen für 6.000 € an und gab dabei auch Anleitungen zur Dokumentenfälschung. Auch in Malta gibt es explodierende Bestandszahlen. Dabei werden illegale Bauten für die Tiger oft nachträglich legalisiert. In Österreich wurde ein Tigerjunge in einer Badewanne in einer Privatwohnung gefunden.

Kommerzielle Ausbeutung
In Spanien, Frankreich und Malta werden die Tiger als Requisiten genutzt. So kostet in Frankreich der Kontakt mit Tigerbabys für 10 Minuten 50 €. Dabei werden die Jungtiere extrem früh ihren Müttern entzogen, um sie gefügig zu machen. Dadurch entsteht eine unnatürlich schnelle Empfängnisbereitschaft der Weibchen.
Neben der Ausbeutung in Zoos ist auch die private Haltung in einigen europäischen Ländern noch erlaubt. Es fehlen Protokolle für die Todesfälle. Dadurch können die Knochen unkontrolliert in den Schwarzmarkt abfließen.
Tierschutzorganisationen fordern ein sofortiges Verbot des kommerziellen Exports von Tigern und deren Teilen aus der EU. Der kommerzielle Handel innerhalb und außerhalb der EU muss komplett eingestellt werden. Zudem muss die Tigerhaltung in Zirkussen und durch Privatpersonen beendet werden. Der Handel sollte nur noch für anerkannte Erhaltungsprogramme oder zertifizierte Auffangstationen mit Zuchtverbot gestattet sein. Eine Einführung einer EU-weiten, obligatorischen Registrierung und Kennzeichnung muss durchgesetzt werden.
Die öffentliche Meinung steht auf der Seite der Tiger: 91 % der befragten EU-Bürger*innen befürworten ein Verbot des Tigerhandels. Die Politik muss endlich handeln und darf nicht länger die Augen davor verschließen, was mitten in Europa passiert. Wir müssen den kommerziellen Tigerhandel jetzt stoppen - nicht nur in Asien, sondern hier bei uns. Ein Tiger ist ein fühlendes Lebewesen und kein Produkt für den Profit des Menschen.
Quellen:
Musing, L. (2020) Falling through the system: The role of the European Union captive tiger population in the trade in tigers. A TRAFFIC and WWF report. Cambridge, UK.
VIER PFOTEN (2020): Europas Tiger Zweiter Klasse. Bericht über die außer Kontrolle geratene Zahl von Tigern in Gefangenschaft und den kommerziellen Handel mit den Tieren. Wien: VIER PFOTEN International
Weltweiter Tigerhandel auch in Deutschland (GFDK)