Weltweit gibt es schätzungsweise 500 Millionen Stadttauben. Anders als von vielen Menschen gedacht, sind Tauben keine Wildtiere. Sie sind auf uns angewiesene domestizierte Tiere, vergleichbar mit Straßenhunden. Der wilde Vorfahre ist die Felsentaube, heimisch an zerklüfteten Küsten Europas, Nordafrikas und Südwestasiens.
Die Geschichte der Tauben
Bereits 8000 v. Chr. gab es die erste Annäherung der Tauben an Ackerbauern. 5000 v. Chr. folgte dann die gezielte Haltung in Ägypten und Mesopotamien. Dabei hatten sie vielfältige Nutzungsformen. So dienten sie als Fleisch- und Eierlieferant oder aber auch für geschätzte Spender für hochwertigen Dünger. Um 1890 wurden alleine in Wien jährlich 750.000 Tauben verspeist. Unersetzlich waren sie auch als Nachrichtenübermittler vor der modernen Kommunikationstechnik. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Haltung von Tauben größtenteils aufgegeben und die Tiere waren auf sich allein gestellt. Die Ruinenlandschaften nach 1945 boten dabei ideale Brutplätze und die Überflussgesellschaft mit ihren Abfällen sicherte das Überleben. Das führte zu einem modernen Taubenboom.
Ursachen des “Stadttaubenproblems”
Die Stadttauben sind also Nachkommen entflogener Haustauben. Ihr Leben ist seit Jahrhunderten eng mit den Menschen verknüpft, wodurch sie sich gut an den urbanen Lebensraum angepasst haben. Durch die gezielte Züchtung von Tauben ist ein ganzjähriger Brutzwang entstanden. So gibt es eine genetisch fixierte Eierproduktion, unabhängig vom Futterangebot. Das führt dazu, dass Tauben unter Stadtbedingungen zwei bis acht Mal pro Jahr jeweils zwei Junge bekommen. Die Stadt fungiert für die ehemaligen Felsentauben als ein künstliches Gebirge. Bevorzugte Nistplätze sind dabei Hausüberstände, Brücken, Mauervorsprünge und Fenstersimse.
In Deutschland gibt es ca. 64.000 Züchter*innen, 8.000 Vereine und schätzungsweise 10 Millionen Tauben. Es kommt weiterer Zuwachs durch verirrte, dehydrierte oder erschöpfte Brieftauben von Wettflügen. Tauben werden für Wettflüge durch ganz Europa transportiert. Das Problem dabei: Die Halter*innen verweigern oft die Rücknahme verletzter oder schwacher Tiere. So führen auch “Hochzeitsauflässe” dazu, dass orientierungslose Tiere in Städten stranden. Aus Tierschutzsicht wird ein Verbot des Aussetzens gefordert, da die Verursacher*innen bisher weder politisch noch finanziell für die Folgen verantwortlich gemacht werden.
Keine "Ratten der Lüfte"
Gegen Tauben herrschen viele Vorurteile, geprägt von Ekel. Eine große Sorge: die Ansteckung mit Krankheiten. Dabei ist das Gesundheitsrisiko nicht höher als bei anderen Vögeln oder Haustieren. Oft werden sie als Schädlinge dargestellt. Die rechtliche Einordnung des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz ordnet die Tauben nach dem Bundesseuchengesetz jedoch nicht als Schädlinge ein (1998). Weiterhin ist laut der TU Darmstadt (2004) Taubenkot nicht materialschädigend - ein Image, das leider oft von Firmen zur Schürung von Ekel genutzt wird. Kranke oder unterernährte Tiere in der Stadt sind oft eine Folge von Fehlernährung, Schlafmangel und Dichtestress.
Leben und Sterben in der Stadt
Tauben sind intelligente Tiere. Sie erkennen menschliche Gesichter wieder und zeigen lebenslange Partnertreue. So gelten sie auch als Symbole für Liebe und Frieden. Leider müssen sie in der Stadt ein sehr prekäres Leben führten.
Der dünnflüssige Kot der Tauben ist zudem keine Krankheit, sondern ein Symptom falscher Nahrung. So stellt auch Brot eine lebensbedrohliche Gefahr für die Tiere dar und kann zu Immunschwächen führen. Konzentrierte Futterstellen führen außerdem dazu, dass starke Männchen die schwächeren Weibchen und Jungtiere verdrängen. Unregelmäßige Fütterungszeiten führen dazu, dass Eltern zu lange am Futterplatz warten und ihre Jungen im Nest vernachlässigen. In Idealbedingungen können Tauben bis zu zehn Jahre alt werden. In der Stadt liegt der Durchschnitt hingegen bei zwei bis drei Jahren. Die Sterblichkeit der Jungtiere liegt bei bis zu 90% im ersten Jahr.

Durch Gift, Spikes und Netze wollen Menschen die Tiere verscheuchen. Der gewünschte Effekt bleibt jedoch aus, da dies nur zu einer extremen Dichte der Tiere an den verbleibenden Orten führt. Spikes verlagern die Kotprobleme nur an die Nachbarn und unerfahrene Jungvögel verletzen sich schwer. Auch Fütterungsverbote zeigen sich als erfolglos. Die Tauben hören nicht auf zu brüten. Die Küken verhungern im Nest und die Eltern beginnen sofort eine neue Brut. Das ist tierschutzwidrig.
Betreute Schläge
Eine vielversprechende Lösung sind betreute Schläge. Taubenhäuser sind idealerweise 10 bis 20 Meter hoch und nicht in unmittelbarer Nähe von hohen Bäumen oder Senken platziert. Sie benötigen eine fachgerechte Reinigung, Fütterung und regelmäßige tierärztliche Kontrollen. Den Tieren wird ein sicherer Platz zum Brüten gegeben. Dann werden die Eier gegen Gips-Attrappen ausgetauscht. So wird die Population tiergerecht reduziert. Ein weiterer Vorteil ist, dass ein Großteil des Kotes im Schlag verbleibt. Artgerechtes Futter hält die Tiere von Brennpunkten fern und kranke Tiere können direkt vor Ort behandelt werden. So zeigen Augsburg, Erlangen und Berlin Bestandsreduktionen um ein Drittel in wenigen Jahren.
Ziel sollte eine Einrichtung betreuter Schläge in jeder Gemeinde sein und ein Verbot von Auflässen, wie zum Beispiel bei Wettflügen oder Hochzeiten. Tauben sind fühlende Lebewesen und dürfen nicht gequält, getreten oder verscheucht werden. Als domestizierte Tiere sind sie auf menschliche Hilfe angewiesen. Wenn ein verletztes Tier entdeckt wird, sollte man es erst in Ruhe beobachten und dann mit einem Tuch einfangen und in einem belüfteten Karton zu einem Tierarzt oder zum Tierschutz bringen. Dabei ist es sehr wichtig, den genauen Standort für die spätere Auswilderung zu notieren. Es ist wichtig, dass wir unser Umfeld über die falschen Vorurteile aufklären und den Tauben den nötigen Respekt erweisen.