Lebt man in Schleswig, einer deutschen Stadt nah an der Grenze zu Dänemark, sind die dänische Kultur und der Austausch zwischen deutsch- und dänischsprachigen Menschen Normalität. Junge Menschen wie ich erleben das vor allem durch Freundschaften. Mindestens 8 meiner Freund:innen oder Bekannten besuchen eine dänische Schule in Schleswig oder Flensburg, haben dänischsprachige Elternteile oder arbeiten in dänischen Supermärkten, Buchhandlungen oder Kindergärten.
Die dänische Sprache wird wie selbstverständlich in den Alltag eingebaut, zum Beispiel in Restaurants, in Form einer dänischen Speisekarte und dem fast täglichen Bedienen dänischer Gäste, falls man, wie ich, einem Kellnerjob nachgeht oder nachgegangen ist.
Auch im schulischen Kontext stehen deutsch-dänische Schüleraustausche jährlich auf dem Programm und die Stipendienvergabe an deutsche oder dänische Schüler:innen für ein Studium oder Auslandsjahr im jeweils anderen Land ist keine Seltenheit. Ein jährlicher Urlaub in Dänemark oder Deutschland ist für die in den Grenzgebieten lebenden Menschen außerdem Tradition von Kind auf.
Mit einem großen Teil dänischer Tradition bin ich zur Zeit meines Abiturs und kurz danach besonders in Berührung gekommen. Die sogenannte „Hue Uge“ (wörtlich übersetzt: Mützenwoche) ist eine dänische Tradition, bei der dänische Abiturient:innen eine bis zwei Wochen nach ihrem Abitur durchgängig eine matrosenähnliche Kappe tragen, die „Studenterhue“ und Aufgaben oder Mutproben antreten. Je mehr dieser Aufgaben geschafft wurden, desto mehr Symbole finden sich eingestickt in im Inneren der Mütze. Beispiele für solche Aufgaben sind nackt baden oder eine ganze Nacht durchfeiern, dabei handelt es sich aber noch um die einfachsten.
Häufig trifft man dänische Abiturient:innen, Mütze tragend, beim Ausgehen an und darf in der Mütze unterschreiben, die für jede:n Abiturient:in einzeln gefertigt wurde. Jeder besitzt also ein einzigartiges kulturelles Symbol, das an die Schulzeit erinnern soll. Zusätzlich geht man zu „Hue Uge“ zelten und zieht von Haus zu Haus, woran oft auch Freunde von deutschen Schulen teilnehmen.
Die Mütze hat zudem einen einzigartigen Wiedererkennungswert. Sobald man sie trägt, wissen alle Außenstehenden, dass dein dänisches Abitur erfolgreich abgeschlossen wurde.
Durch den ständigen Kulturaustausch fühlt man sich bei Besuchen in Dänemark beinahe wie zu Hause. Man kennt die Bräuche und Traditionen, soziale Normen und vielleicht sogar die Sprache.
Eine große Rolle bei der Integration und Organisation deutsch-dänischer Zusammenarbeit spielt das Minderheitenmodell, welches mit politischer Zusammenarbeit und Organisation von Aktivitäten durch deutsche und dänische Vereine mehr Kulturaustausch schafft.
Doch dieser friedliche Austausch existierte nicht schon immer. Lang stritten Deutschland und Dänemark um die Landesgrenze und die Interessen der Minderheiten im jeweiligen Land. Gesichert wurde der Frieden und die Unterstützung der dänischen Minderheit in Deutschland und der deutschen Minderheit in Dänemark durch die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen 1955. Die Erklärungen sorgten für eine Berücksichtigung der Interessen der Minderheiten sowohl auf politischer als auch kultureller Ebene. Das Erfolgsmodell gilt bis heute als Anregung und Vorbild für andere Länder und seine Wirkungskraft macht sich, zumindest für mich, positiv bemerkbar.