Die 1946 gegründeten internationalen Filmfestspiele von Cannes gelten als eines der weltweit bedeutendsten Filmfestivals. Dort werden jährlich im Mai, dieses Jahr zum 79. Mal, im Palais des Festivals et des Congrès an der Côte d’Azur internationale Filme präsentiert und ausgezeichnet, wobei die Goldene Palme als Hauptpreis gilt. Daneben gibt es Preise für Regie, Darsteller und Drehbuch.
Geprägt wird das Festival aber auch durch zahlreiche Kontroversen, vor allem im Zusammenhang mit der französischen Me-Too-Debatte und dem Mangel an weiblicher Repräsentation in der Regie. Ein aktueller Fall ist die Verurteilung von Schauspiel-Legende Gérard Depardieu, dessen Inhaftierung den Beginn der Filmfestspiele 2025 überschattete. Wegen mutmaßlichen Übergriffen auf zwei Frauen am Set des Films „Les Volets Vert“ 2021 gab es erste Anschuldigungen gegen ihn, die später zu einem Urteil von 18 Monaten Haft führten. Zur Folge hatte dies einen großen Fortschritt der Me-Too-Bewegung, da er als erster großer Name in der Filmbranche galt, der für sexuelle Straftaten inhaftiert wurde.
Ein weiterer massiver Skandal im Zusammenhang mit Cannes war der Weinstein-Skandal: Regisseur Harvey Weinstein schien jahrelang das Festival de Cannes als „Beutejagd“ für sexuelle Übergriffe wie Nötigung und Vergewaltigung an Schauspielerinnen und Frauen aus der Filmbranche gesehen zu haben. Durch Drohungen, wie die Karriere zu ruinieren, brachte er seine Opfer über lange Zeit zum Schweigen. Unter anderem äußerten sich große Namen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow dazu. Trotz journalistischer Recherchen zu den Übergriffen schwiegen auch die Medien jahrelang und der Fall Weinstein wurde als „offenes Geheimnis“ behandelt.
Der Weinstein-Skandal gilt als „Tipping Point“ im Umgang mit sexuellen Übergriffen von Besuchern der Filmfestspiele, als Vorher und Nachher, da das gebrochene Schweigen zu einem neuen Umgang mit Sexualstraftätern in der Filmbranche führte.
Das Cannes Filmfestival bildet schon seit Jahrzehnten eine Bühne für Sexualstraftaten und Täter, gegen die noch immer nicht vorgegangen wurde, wogegen beispielsweise mit dort gezeigten Filmen versucht wird vorzugehen und das nötige Bewusstsein zu schaffen. Ein Beispiel dafür ist die Thematisierung der Me-Too-Bewegung durch Judith Godrèches präsentierten Kurzfilm „Moi Aussi“ (Mai 2024), in dem 1000 Opfer des sexuellen Missbrauchs mitwirkten. Godrèche gibt in ihrem Kurzfilm Opfern sexueller Übergriffe eine Stimme und thematisiert Missbrauch in der Kulturbranche.
Somit bildet Cannes eine große Plattform für die Me-Too-Debatte und Zugang zur Aufarbeitung sexueller Übergriffsskandale, vor allem in der französischen Filmbranche.
Eine weitere politische Thematik, zu der sich das Filmfestival Cannes klar positioniert, ist der Russland-Ukraine-Konflikt. Filme aus russischer Produktion dürfen nicht gezeigt werden, und Cannes solidarisiert sich klar und deutlich mit der Ukraine, zum Beispiel durch ein offizielles Statement:
„(…) Unless the war of assault ends in conditions that will satisfy the Ukrainian people, it has been decided that we will not welcome official Russian delegations nor accept the presence of anyone linked to the Russian government.“
(Official Press Release, 01.03.2022, Festival de Cannes Team)
Zudem positionierte sich das Festival de Cannes-Team gegen Faschismus und Unterdrückung und für den Frieden. Unterstützt wurde die Solidarität zur Ukraine durch eine Videobotschaft Selenskyjs 2022 bei der Cannes-Eröffnungszeremonie, in der er an die politische Bedeutung des Kinos erinnert.
Cannes 2022 war also deutlich politischer als in den Jahren zuvor und setzt so das Zeichen, dass Medien und Kunst Aufmerksamkeit und politischen Diskurs schaffen können.
https://www.zdfheute.de/panorama/cannes-2025-sexismus-metoo-depardieu-100.html
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/urteil-depardieu-102.html
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/weinstein-skandal-warum-haben-alle-geschwiegen-15245210.html