Foto: Tanzbär in Bulgarien (ca. 1970) von Bin im Garten, lizenziert unter CC BY-SA 3.0.
Ob als Kuscheltier oder majestätisches Wappentier - der Bär nimmt in der europäischen Kultur einen Ehrenplatz ein. Hinter dieser Fassade steckt jedoch eine jahrtausendealte Geschichte der Unterdrückung. Was einst im Mittelalter als Statussymbol von wohlhabenden Menschen an Höfen begann, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem grausamen Geschäftsmodell.
Die dunkle Geschichte der Show-Bären
Die Tradition der Tanzbären reicht vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, indem Tanzbären sogar Einzug in die Kunstmusik und Operetten fanden. Der sogenannte Tanz ist aber eine Illusion. Es handelt sich dabei nicht um eine kulturelle Leistung des Tieres. Das Tier reagiert, ähnlich wie bei Schlangenbeschwörern, nicht auf die Musik, sondern auf das Training. Die Bären werden auf erhitzte Böden oder glühende Scheite gezwungen, während die Musik spielt. Dadurch werden sie gezwungen, ihre Pfoten zu heben. Die Tiere entwickeln dabei so starke Angst, dass schon das Abspielen der Musik reicht, damit sie sich so bewegen.
Um an die Jungtiere für die Dressur zu gelangen, werden die Muttertiere in der Wildnis meist getötet. Die Bären werden oft markiert. Dabei werden die Nase, Oberlippen oder Gaumenknochen durchbohrt, um Ketten zur Kontrolle zu befestigen. Weiterhin werden die Tiere außerhalb der Auftritte angekettet, einseitig ernährt und mangelhaft versorgt. Dabei leben sie oft in winzigen Verschlägen. Berichte aus zum Beispiel Niederbayern beschreiben zudem Bären, die teilweise mit Alkohol gefügig gemacht wurden und durch Trommelschläge am Absetzen der Pfoten gehindert wurden.
Während echte Bären gequält wurden, hielt der “Tanzbär” als niedliches Spielzeug, zum Beispiel als Aufziehfiguren oder als Playmobil, Einzug in die Kinderzimmer.
Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Tanzbären noch auf Volksfesten weit verbreitet. Um die Jahrtausendwende wurden sie jedoch sukzessive verboten. VIER PFOTEN und die “Gewerkschaft für Tiere” kämpfen durch Verhandlungen und Freikäufe für die Tiere. Seit 1990 ist die private Bärenhaltung in Deutschland verboten und in der EU offiziell untersagt - dennoch existieren sie weiterhin illegal oder in Grauzonen in Osteuropa oder Südostasien.
Seit 1998 hat VIER PFOTEN über 150 Bären in Europa aus schlechten Bedingungen gerettet. Die Arbeit kombiniert Lobbyarbeit für Gesetzesänderungen mit dem Bau von Schutzzentren (Bärenwäldern), um Behörden die Beschlagnahmung illegal gehaltener Tiere zu ermöglichen.
Das Konzept hinter den Schutzzentren

Foto: Die Bären Ben und Felix im BÄRENWALD Müritz von Georgavauka, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.
Trotz gesetzlicher Verbote existiert die Tradition der Tanzbären in Südeuropa weiter. Doch auch Show-Bären aus Frankreich, die in winzigen Käfigen durch das Land transportiert werden, um unnatürliche Kunststücke vorzuführen, finden ihren Weg in die Zentren. So auch Gallenbären aus Asien. In China oder Vietnam werden Bären in extrem engen Käfigen gehalten, um ihnen unter großen Schmerzen und oft ohne Narkose Gallensaft für die traditionelle Medizin zu entnehmen. Weiterhin leiden auch immer noch viele Bären in europäischen Zoos, die die gesetzlichen Mindeststandards nicht erfüllen können.
Der 5-Stufen-Plan zur Heilung
Die Organisation VIER PFOTEN leitet mehrere Schutzzentren. Es gibt Stationen in Österreich, im Kosovo, in der Ukraine, in Bulgarien und auch in Vietnam. Der Bärenwald in Müritz ist das größte Schutzzentrum Westeuropas. Er unterscheidet sich von Zoos dadurch, dass es keine Sichtungsgarantie für die Besucher*innen gibt. Die Bären können sich jederzeit in den tiefen Wald zurückziehen.
Für die geretteten Bären gibt es einen strukturierten Plan, um die traumatisierten Tiere zu resozialisieren. Der Fokus liegt darauf, die tief sitzenden psychischen Schäden, die durch jahrelange Gefangenschaft entstanden sind, durch gezielte Reize abzumildern. Der Bärenwald will dabei ein Konzept nutzen, das die Bedingungen der freien Wildbahn simuliert.
Der erste Schritt ist dabei die medizinische Erstversorgung. Es findet eine umfassende Untersuchung und Kastration statt. Es soll in den Schutzzentren keine Zucht stattfinden, da der Fokus auf der Rettung und nicht auf der Vermehrung liegt. Besonderes Augenmerk liegt bei dem Rundum-Check auch auf den Zähnen, da viele Bären an den Gittern gekaut haben.
In der zweiten Phase kommt der Bär zunächst alleine in ein Freigehege. Er muss lernen, mit der neuen Bewegungsfreiheit umzugehen, ohne überfordert zu werden. Dabei ist das individuelle Tempo sehr wichtig. Während manche Bären mutig sind, brauchen andere mehrere Tage, um sich in den Außenbereich zu trauen.
Im dritten Schritt animieren nun die Pfleger*innen die Tiere durch verstecktes Futter oder Spielzeug dazu, aktiv zu werden und ihre Sinne, wie zum Beispiel Klettern, Schwimmen oder Suchen zu trainieren. Das ist der Kern der täglichen Arbeit. Die Bären sollen nicht einfach nur gefüttert werden. In der Natur verbringt ein Bär den Großteil des Tages mit der Nahrungssuche. Dieses Verhalten wird künstlich wiederbelebt.
Nun kommt die Vergesellschaftung. Obwohl Bären Einzelgänger sind, werden sie im Bärenwald in Gruppen gehalten. Dies hilft den Artgenossen bei der psychischen Heilung. Artgenossen dienen als Partner für Interaktion und Spiel, was zum Beispiel dabei hilft, zwanghafte Verhaltensweisen wie das Hin-und-Her-Wippen abzulegen.
Im letzten Schritt entscheiden die Bären selbst über ihren Tagesablauf, halten Winterschlaf und leben ohne menschlichen Leistungsdruck. Die Winterruhe ist dabei ein entscheidender Qualitätsindikator. Wenn ein Bär instinktiv beginnt, sich selbst eine Höhle zu graben und den Winter über schläft, gilt die Rehabilitation als erfolgreich.
Wichtig zu erwähnen dabei ist jedoch, dass die Bären niemals “frei” im Sinne von “wild” sein können. Sie bleiben ihr Leben lang abhängig vom Menschen. Der BÄRENWALD ist daher kein Zoo, aber auch keine Wildnis. Es soll eine lebensnotwendige Alternative sein, um den Tieren ihre Würde zurückzugeben. Der Lebensraum der Bären ist dabei so gestaltet, dass die Bären nicht nur existieren, sondern auch agieren. Es gibt Wasserelemente zur Abkühlung und Fellpflege, viele Rückzugsmöglichkeiten und die kognitive Herausforderung durch die Tierpfleger*innen. Dabei hat jeder Bär ungefähr 5000m² Platz zur Verfügung, weit mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen vorschreiben.

Foto: Bär Michal im BÄRENWALD Müritz von Georgavauka, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.
Zu den Standards der Zentren gehört der Grundsatz, dass keine Zurschaustellung der Bären stattfindet. Der Kontakt zu den Menschen wird auf das Minimum reduziert. So ist ein weiterer wichtiger Punkt die vertragliche Absicherung. Ehemalige Besitzer*innen müssen sich dazu verpflichten, nie wieder Bären zu halten. Dadurch will VIER PFOTEN die Ursache bekämpfen. Weiterhin ist die Kastration ein wichtiger Grundsatz, damit keine neuen Tiere in eine Gefangenschaft hineingeboren werden.
Wie Schutzzentren langfristig überleben
Die Zentren sind auf externe Hilfe angewiesen, da die Versorgung (Futter, Medizin, Personal) sehr kostspielig ist. Unterstützt werden kann durch das Besuchen der Zentren, da die Eintrittsgelder direkt in den Erhalt fließen. Weiterhin helfen Patenschaften und Spenden über Organisationen wie den Deutschen Tierschutzbund oder VIER PFOTEN. Aber auch der Kauf von Artikeln in den Online-Shops der Parks.
Quellen:
Betreuung geretteter Bären. Schritt für Schritt zur richtigen Eingewöhnung (Bärenwald Müritz)
Bärenwald: Das steckt hinter dem Tierschutzprojekt (Utopia)
Europas größtes Schutzzentrum: Bären im Märchenwald (Spiegel)
Erfolge für in Gefangenschaft lebende Braunbären in Europa (VIER PFOTEN)
Bären als Sklaven (KULTURHEIMAT)
Altersheim für Tanzbären (WELT)
»Da steppt der Bär!« Tanzbären zwischen Tierquälerei, Tradition und Folklore (Zwiefach)