Das Beispiel von 1936 zeigt eindrücklich, dass Olympia nie unpolitisch war. Diese politische Einflussnahme setzte sich auch in den folgenden Jahrzehnten fort, besonders deutlich während der sogenannten Olympischen Krisenspiele 1980 und 1984.

Historischer Hintergrund
Die Olympischen Sommerspiele 1980 fanden in Moskau statt, doch nur wenige Monate zuvor spitzte sich die weltpolitische Lage zu. Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, um die dortige Regierung zu stürzen und eine stärkere US-Einflussnahme zu verhindern. Die USA reagierten darauf mit Symbolpolitik: Sie kündigten an, die Olympischen Spiele in Moskau, gegen den Willen vieler Athletinnen und Athleten, zu boykottieren. Zahlreiche Staaten schlossen sich dem Vorhaben an, unter anderem die Bundesrepublik Deutschland, Japan, Kanada oder Norwegen. Insgesamt treten nur 81 von den 146 Nationen bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau an. Unter anderem Großbritannien, Australien, Portugal und schließlich auch Afghanistan. Großbritannien und Australien waren nämlich eigentlich für den Boykott, lassen im Endeffekt aber die heimischen Athleten entscheiden, und nehmen schließlich teil. Einen Boykott in so einem Ausmaß hat es vorher noch nicht gegeben.
Auch 1980 nutzte die sowjetische Führung die Spiele als propagandistisches Schaufenster. Ziel war es, die sozialistische Gesellschaftsordnung möglichst positiv darzustellen. Die sowjetische Öffentlichkeit empfand die Spiele als großen Erfolg: Die UdSSR gewann 195 Medaillen, die DDR folgte mit 126.
Der Boykott traf jedoch vor allem jene, die von diesem gar nicht überzeugt waren: die Athletinnen und Athleten. Viele fragten verzweifelt: „Warum sollen wir opfern, wofür wir leben und arbeiten?“ Für zahlreiche Sportler*innen platzte abrupt ein Lebenstraum, ohne zu wissen, ob es vier Jahre später eine zweite Chance geben würde.
Vier Jahre später, 1984, fanden die Sommerspiele in Los Angeles statt. Dieses Mal folgte die „Antwort“ der Ostblockstaaten: Die Sowjetunion boykottierte die Spiele, zusammen mit 15 weiteren Ländern, darunter auch die DDR. Das Ganze fand erneut gegen den Willen vieler Athlet*innen statt. Als offizieller Grund wurden ‚Sicherheitsbedenken‘ aufgeführt, doch die USA werteten den Boykott eindeutig als politische Revanche für 1980.
Insgesamt kam es also acht Jahre nicht zu den Olympischen Spielen, die sich die Teilnehmenden ihr Leben lang wünschten. Für zahlreiche Sportler*innen bedeuteten die beiden Boykotte massive Einschnitte in ihre Karriere und ein Gefühl tiefer Machtlosigkeit gegenüber politischen Entscheidungen. Willi Daume, damaliger Präsident des NOK, bezeichnete den Boykott später als „eines der widersinnigsten, überflüssigsten und politisch wie sportlich schädlichsten Ereignisse“
Es kam also zu viel Widerstand bei allen Sportfreunden und warf die Frage hoch, ob Sportler*innern wirklich für solch politische Zwecke instrumentalisiert werden sollten?
Die Krisenspiele des Kalten Krieges zeigten, wie sehr Europa und die weltpolitische Lage den Sport beeinflussen können. Außerdem öffnen sie zugleich die Frage eines aktuellen Themas: Können solche Boykotte auch heute wieder passieren? Der diplomatische Boykott der Winterspiele 2022 in Peking zeigt, dass die Diskussion aktueller ist denn je und wir auch heute nicht vor einer Instrumentalisierung immun sind.
Quellen:
https://www.sportschau.de/olympia/rueckblick-olympia-moskau-1980-100.html