Die bürgerliche und sozialistische Frauenbewegung um den 1. Weltkrieg:

Die bürgerliche Frauenbewegung entstand aus einem Wunsch nach Bildung, sozialer Reform und Selbstentfaltung. Die sozialistische Frauenbewegung aus der wirtschaftlichen Notlage der arbeitenden Frauen und ihrer Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit und hinreichendem Arbeiterinnenschutz, also in heutiger Terminologie: nach Menschenwürde und Gleichberechtigung. Sie gewann besonders 1914-1918 an Bedeutung.

Im Jahr 1914 übernahm der 1894 gegründete Bund deutscher Frauenvereine eine zentrale Rolle in der Kriegs- und Sozialhilfe. Er setzte sich aus über 50 großen Regional- und Fachverbänden zusammen und war mit Millionen Mitgliedern zu seiner Zeit die größte weiblich begründete Organisation.

Frauenarbeit nach Kriegsausbruch 1914:

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Frauen nicht berufstätig oder wurden in Nähwerkstätten oder zur Kinderpflege beschäftigt. 

In Berufsfeldern, in denen Frauen früher abgelehnt wurden, brauchte man sie nun dringender denn je. Die führenden Frauenverbände, so auch der Bund deutscher Frauenvereine, mussten nun politische und soziale Berufe übernehmen. Diese Umstellung auf weibliche Mitarbeiterinnen erschwerte sich allerdings durch fehlende Berufserfahrung und geringes fachliches Können, da es ihnen vor dem Krieg nicht ermöglicht wurde, nötiges Vorwissen zu sammeln. 

Über die Hälfte der Industriearbeiterinnen des Jahres 1914 waren ungelernt, weswegen man sie zu Zeiten des Kriegsausbruchs überspitzt als die „Gastarbeiter ihrer Zeit“ bezeichnete. 

Doch wie wurde die Frauenarbeit während des Krieges eingeleitet?: 

Durch Aufkommen wirtschaftlicher und sozialer Notlagen zu Beginn des Krieges entstand die Notwendigkeit, dagegen zu handeln: Gertrud Bäumer, die Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine und der bürgerlichen Frauenbewegung, forderte einen nationalen Frauendienst, der die Untersuchung ökonomischer Notlagen und die Vermittlung von Hilfe an Bedürftige übernehmen sollte. 

Zuvor entstandene Frauenhilfsorganisationen schlossen sich kommunalen Unterstützungskommissionen an. Sie sorgten für die Organisation und Gliederung in Zuständigkeitsgruppen für Kinderfürsorge, die Lösung der Ernährungsfrage, Unterkunftsvermittlung sowie Pressedienst und einiges mehr. Somit wurde die Frauenbewegung am Anfang des Krieges zum Motor der Lösung vieler Probleme. 

Durch die Notsituation wurden vor allem bereits berufstätige Frauen besonders unter Druck gesetzt. Am 31. Juli 1914 erinnerte der sozialdemokratische Parteivorstand daran, sich an Moral und Ideale zu halten, um besonders in der Zeit des Krieges nicht die Hoffnung zu verlieren: 

„Die Frauen insbesondere, auf welche die Schwere der Ereignisse doppelt und dreifach lastend fällt, haben in diesen ernsten Zeiten die Aufgabe, im Geiste des Sozialismus für die hohen Ideale der Menschlichkeit zu wirken, auf daß die Wiederholung dieses namenlosen Unglücks verhütet werde und dieser Krieg der letzte ist“ (Luise Zietz, Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstands) 

Am 07. August 1914 wurde die organisierte Arbeiterschaft von der Generalkommission und dem Parteivorstand in den Dienst zur Kriegshilfe berufen. Die Mitarbeit der Frauen wurde nun ausdrücklich gefordert. Genossinen und politische Vertreterinnen sollten wertvolle wirtschaftliche sowie politische Beziehungen aufrecht erhalten, die Kriegsbeteiligten unterstützen und sich um das Wohl der Kinder kümmern. Vor allem die Hilfe für Bedürftige war den politischen Vertreterinnen wichtig: Sie waren der Meinung, dass es sich dabei nicht um Wohltaten oder Almosen handelt, sondern um ein soziales Recht, also im heutigen Sinne ein Menschenrecht. 

Bemerkenswert war die erstaunlich ruhige wirtschaftliche Entwicklung nach Kriegsausbruch, obwohl viele berufstätige Frauen zuvor keinerlei Erfahrung in technischer und wirtschaftlicher Arbeit sammeln konnten. Zusätzlich fehlte es ihnen durch mangelnde Berufserfahrung an Arbeitsdisziplin, weswegen von den Anfangs 70.000 Frauen, die dem Roten Kreuz ihre Unterstützung anboten, am Ende nur ca. 1.400 zuverlässige Mitarbeiterinnen blieben. Dadurch, dass Frauen nicht auf die Arbeit im Kriegsfall vorbereitet oder überhaupt eingeplant waren, unterlag die Frauenarbeit in den ersten zwei Kriegsjahren keiner klaren Struktur. 

Außerdem problematisch für bereits berufstätige Frauen war die sich plötzlich ändernde Bedarfslage. Berufszweige wie Textilindustrie oder Nahrungs- und Genussmittelindustrie wurden gefährdet, da sie nicht Teil der Rüstungsindustrie waren, was dazu führte, dass viele Frauen ihre Stelle verloren. 

Hier sah der nationale Frauendienst seine Aufgabe darin, Arbeit für entstandene Arbeitslose zu finden. Ihnen wurden Arbeitsplätze in besonderen Näh- und Stickstuben verschafft, in denen z.B. Kriegsuniformen repariert werden sollten. Das Ankommen gegen Arbeitslosigkeit wurde aber besonders dadurch erschwert, dass zu den bereits vor dem Krieg berufstätig gewesenen Frauen, viele davor untätige Freiwillige hinzukamen. Diese arbeiteten vorübergehend ehrenamtlich und patriotisch auf dem Gebiet der Kranken- und Verwundetenpflege. 

Im November 1916 machte die politische und militärische Führung die allgemeine Erkenntnis, dass für den Sieg genügend Ersatz auf dem Arbeitsmarkt genauso wichtig wäre, wie militärische Rüstung, weswegen möglichst viele industriell einsetzbare weibliche Arbeitskräfte gefordert wurden. Jedoch entsprach die Zahl der einsetzbaren Mitarbeiterinnen schon längst nicht mehr den kriegsbedingten Bedürfnissen. Es gab zu wenig fachkundige weibliche Arbeitskräfte, worüber sich die Betriebe beschwerten. Allerdings kamen sie wegen des verblassten Bildes eines „kurzen Krieges“ auch nicht auf die Idee, ihre weiblichen Mitarbeiter auszubilden, um sie fachlich einsetzbar zu machen. 

Dadurch kam es zur Mobilisierung der Frauen durch Frauen, einer Aktion, bei der die Frauenarbeit durch bereits erfahrene Frauen geleitet wurde und wodurch sich im weiteren Verlauf des Krieges immer positiver über Frauenarbeit geäußert wurde. Durch eine bessere Unterteilung der Arbeitsgänge und das Anlernen der Frauen wurden sie allmählich zu fachkundigen Mitarbeiterinnen. 

Nach Rückkehr der männlichen Bevölkerung aus dem Krieg wurden Frauen jedoch schnell aus vorher männlich dominierten Berufsfeldern zurückgedrängt, obwohl sie gleichermaßen ausgebildet waren. 

War Frauenarbeit im Krieg Emanzipation oder nur eine Notlösung?: 

Trotzdem verzeichnete man nach Kriegsende, dank dem weiblichen Verdienst in der Notlage, vor allem in der politischen Rolle der Frau deutliche Fortschritte: Dank einer Reform des Wahlrechts 1918 errangen Frauen eine volle politische Gleichberechtigung und das passive und aktive Wahlrecht. Die weibliche Wahlbeteiligung bei der Weimarer Nationalversammlung war sehr hoch, 9,6% der Abgeordneten waren weiblich und in alle Ausschüsse wurden Frauen gewählt. Gertrud Bäumer z.B. war Kandidatin der linksliberalen Partei DDP und Spitzenkandidatin in zwei Wahlkreisen. Die eigentlich als Notlösung gedachte Frauenarbeit im 1. Weltkrieg zog also auch positive Konsequenzen für die weibliche Bevölkerung mit sich.