Bald könnten alle deine Nachrichten, Bilder und Dateien, die du auf Messengerdiensten wie WhatsApp verschickst, ohne jegliche Einwilligung oder Verdacht gescannt werden und das alles im Namen des Kinderschutzes.
Doch können durch diese Maßnahme wirklich die Schwächsten geschützt werden oder öffnet sie die Tür zu einer noch nie da gewesenen Form der Massenüberwachung?

Die Europäische Union sieht seit einigen Jahren den Schutz von Kindern offline sowie online als eines ihrer wichtigsten politischen Ziele an. Vor diesem Hintergrund arbeitet die EU-Kommission seit etwas mehr als drei Jahren an einer Verordnung, welche zur Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs im Internet dient. Der Entwurf der Verordnung wurde in den letzten Jahren immer weiter ergänzt. Dabei hat sich klar herausgestellt, dass große Dienstanbieter stärker und direkt in Verantwortung gezogen werden sollen, um sexuellen Missbrauch auf ihren Plattformen sowie im Internet allgemein aufzudecken.
Die EU-Kommission begründet diesen Schritt mit unzureichenden freiwilligen Maßnahmen seitens der Dienstanbieter und einer Fragmentierung in den Ländern aufgrund von unterschiedlichen nationalen Gesetzen und Vorschriften. Daher gäbe es eine Notwendigkeit für einheitliche Vorschriften innerhalb der EU.
Besonders betroffen wären große Dienstanbieter von Hostingdiensten wie ICloud oder Google Drive sowie Kommunikationsdiensten wie WhatsApp oder Telegram, die dann bereits bekannte Materialien von Missbrauch entfernen müssten.
Im weiteren Sinne ganz aktuell ist das Vorhaben die Dienstanbieter zu verpflichten die Inhalte ihrer Nutzer zu durchsuchen. Durch eine Chatkontrolle sollen Chats der Nutzer auf potenzielle Straftaten gescannt werden, dabei sind auch "encrypted-chats" inbegriffen. Künftig sollen künstliche Intelligenz und Algorithmen eingesetzt werden, um private Nachrichten nach bestimmten Schlüsselwörtern zu durchsuchen. Dabei ist bereits heute bekannt, dass KI-Systeme Schwierigkeiten haben zwischen tatsächlichem Grooming, Ironie oder harmlosen Kontexten zu unterscheiden.

Wie bereits erwähnt, wird die Maßnahme seit Jahren kontrovers diskutiert und war bereits mehrfach Gegenstand von Abstimmungen. Nach aktuellem Stand sprechen sich zwölf Mitgliedstaaten für das Vorhaben aus, wobei nicht alle ausdrücklich die Chatkontrolle unterstützen, sondern eher den allgemeinen Ansatz stärkerer Kontrolle von Nutzern im Internet. Neun Mitgliedstaaten lehnen den Entwurf in seiner derzeitigen Form ab. Zu den stärksten Unterstützern der Chatkontrolle zählen Dänemark und Frankreich. Beide Länder sehen die derzeitigen Datenschutzanforderungen als ein großes Problem in der Aufklärung von sexuellem Missbrauch im Internet. Besonders Dänemark setzte das Thema mehrmals oben auf die Agenda und steht für striktere Kontrolle der Nutzer auf Messengerdiensten.
Von Deutschland wird die Chatkontrolle von Beginn an abgelehnt und stark kritisiert. Grundlegend lehnen alle Parteien des Bundestags die anlasslose und massenhafte Kontrolle privater Chats ab, ein solcher Eingriff sei in einem Rechtsstaat „tabu“, wie Bundesjustizministerin Stefanie Hubig betonte. Die CDU/CSU vergleicht das Vorhaben der EU-Kommission mit dem Öffnen jedes einzelnen Briefes und warnt, dass dadurch alle Bürger unter Generalverdacht gestellt würden.

Von Aktivisten im Bereich des Datenschutz sowie der Anonymität im Internet wird das Vorhaben ebenfalls stark kritisiert, da es in die Privatsphäre jedes Einzelnen eingreift. Ebenfalls wird der Kinderschutzaspekt kritisch gesehen, da es durch die KI-Systeme höchst wahrscheinlich zu sehr vielen Falschmeldungen kommen könnte und tatsächliche Täter wahrscheinlich einfach auf andere Dienste ausweichen würden, um sich der Kontrolle zu entziehen. Somit würde die Kontrolle eine Illusion von Sicherheit schaffen, aber tatsächlich zu einer massenhaften Überwachung führen.
Nach aktuellem Stand (November 2025) zeigen interne Dokumente, dass sich die EU-Mitgliedstaaten zunehmend von einer verpflichtenden Chatkontrolle abwenden. Stattdessen haben sich die Mitglieder auf eine „freiwillige“ Chatkontrolle geeinigt. Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass "freiwillig" nicht heißt, dass der Nutzer sich in einem Opt-In Verfahren dazu entscheiden kann, sondern den Dienstanbietern wird ermöglicht, freiwillige Kontrollen durchzuführen. Nun sollen noch die ständigen Vetreter der EU-Staaten sowie die Justizminister im Dezember 2025 tagen und dann soll der Gesetzesentwurf als Position des European Council beschlossen werden.

Ob die „freiwillige“ Chatkontrolle eventuell zu den gleichen Problemen führt wie eine verpflichtende Chatkontrolle, kann jetzt noch nicht gesagt werden. Aber es scheint so, als würde auch noch in den nächsten Jahren der Konflikt zwischen Kinderschutz und digitaler Privatsphäre bestehen bleiben. Insgesamt scheint es jedoch, als wären die Zeiten der Anonymität im Internet vorbei und die EU dies durch Maßnahmen wie die Chatkontrolle oder Pläne für eine verpflichtende Identifizierung im Netz weiter vorantreibt.

Quellen: