Vor dem Praktikum
Da ich zwischen dem Abschluss meines Masters Of Education und vor dem Beginn meines Referendariats etwa 6 Monate frei hatte, entschloss ich mich, noch ein Praktikum im Ausland zu machen. Über die Internetseite erasmusintern.org habe ich das Angebot der Marks Gymnasieskola in Skene, in der Nähe von Göteborg gefunden. Die Deutschlehrerin an der Schule war auf der Suche nach Praktikanten mit pädagogischem Hintergrund und Deutsch als Muttersprache als Unterstützung für ihren Deutschunterricht. Das Angebot klang interessant und spannend für mich, da ich in Schweden bisher nur die Grundschule (Jahrgang 1-5) und die Mittelstufe (Jahrgang 6-9) kennen gelernt hatte und gerne erfahren wollte, wie das schwedische Gymnasium, das die Jahrgänge 10-12 umfasst, organisiert ist. Ich vereinbarte mit der Deutschlehrerin, meiner Mentorin, eine Praktikumsdauer von 3,5 Monaten damit ich danach noch Zeit zum Reisen hatte. Meine Mentorin unterstützte mich bei der Wohnungssuche und organisierte für mich ein Zimmer im Wohnheim der BasketballschülerInnen. Diese SchülerInnen kommen aus ganz Schweden an die Schule, um gleichzeitig ihren Schulabschluss und eine professionelle Basketballausbildung zu machen und wohnen deswegen im Wohnheim neben der Schule. Da ich bereits vorher an der Universität Schwedisch gelernt und nach dem Bachelor bereits ein Jahr ein Erasmus+-Praktikum an einer Grundschule in Nordschweden absolviert hatte, waren vor diesem Praktikum nicht so viele Vorbereitungen notwendig und ich wusste auch schon ungefähr, was mich in Bezug auf Sprache und kulturelle Gegebenheiten erwartet.

Während des Praktikums
Das Gymnasium in Mark umfasst die 10.-12. Klasse, die zum schwedischen „Abitur“ führen und es gab sowohl hochschulvorbereitende („theoretische“) als auch einer schulischen Ausbildung ähnelnde („praktische“) Profile sowie einen Förderschulzweig. Insgesamt unterrichten an der Schule ungefähr 120 Lehrkräfte etwa 1000 SchülerInnen.

Mein Praktikum startete Anfang Februar und dauert bis Ende Mai 2019. Meine Hauptaufgabe war die Unterstützung meiner Mentorin in Vorbereitung, Planung, Durchführung und Reflexion der Deutschstunden für die SchülerInnen der theoretischen Profile. Den Deutschunterricht für die beiden Schülerinnen der 12. Klasse plante ich überwiegend selbstständig und führte ihn alleine durch, da er zeitgleich zum Unterricht der 11. Klasse lag. Gemeinsam mit den beiden Schülerinnen arbeitete ich mit einem deutschsprachigen Jugendroman und diskutierte darauf aufbauend Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden sowie die Vor- und Nachteile bzw. Chancen und Probleme der aktuellen Situation in unterschiedlichen Bereichen in beiden Ländern. Die beiden verfügten über sehr gute Deutschkenntnisse und waren sehr motiviert und haben deshalb in vielen Punkten den Unterricht auch aktiv mitgestaltet. In den Diskussionen und im Unterricht habe auch ich sehr viel gelernt. Da beispielsweise Deutsch keines meiner studierten Fächer ist, habe ich mich erneut mit den Eigenheiten der deutschen Grammatik auseinandersetzen müssen und durch die Diskussionen habe ich einen intensiven und umfassenden Einblick in die Gegebenheiten in Schweden erhalten. Neben der Arbeit im Deutschunterricht erhielt ich auch einen Einblick in die Arbeit der Lehrkräfte und den Unterricht in Klassen für geflüchtete Jugendliche und junge Erwachsene, da meine Mentorin in diesen Klassen den Schwedischunterricht übernahm.

Zusätzlich habe ich auch jede Woche an zwei Tagen auch im Förderschulzweig der Schule hospitiert, wo SchülerInnen mit Förderbedarf und SchülerInnen ohne „Grundschulabschluss“ (9. Klasse) eine Art theoriereduzierte Berufsausbildung absolvierten. An der Schule gab es drei verschiedene Bereiche, auf die sich die 18 SchülerInnen aufteilten: „Bau und Handwerk“, „Handel und Administration“ und „Restaurant und Service“. Zusätzlich zu praktischen Anteilen hatten die SchülerInnen auch Unterricht in den Kernfächern Mathematik, Schwedisch und Englisch sowie den Nebenfächern Religionslehre, Hauswirtschaft und Sport. Die Besonderheit an dieser „Förderschule“ war, dass die SonderpädagogInnen und Assistenzkräfte enorm darum bemüht waren, die Ausbildung besonders praxis- und realitätsnah zu gestalten, damit die SchülerInnen möglichst gut auf das Berufsleben vorbereitet werden. Aus diesem Grund hatten die drei Programme auch eine gemeinsame SchülerInnen-Firma, die sowohl Produkte (selbstgebackenes Brot und Kekse, selbstgebaute Sitzbänke aus Holz, uvm.) als auch Dienstleistungen (z.B. Autoreinigung) anboten und zusätzlich ein eigenes Restaurant hatten, dass an etwa 10 Terminen pro Schuljahr Mittagessen für 25-30 Personen zubereitete. Die SchülerInnen in den verschiedenen Ausbildungsbereichen unternahmen dabei verschiedene Teilaufgaben und arbeiteten zusammen und möglichst eigenständig und eigenverantwortlich mit Unterstützung durch die Lehrkräfte und Assistenzkräfte. So wurde Buchführung und Verwaltung z.B. von den SchülerInnen der Ausbildung „Handel und Administration“ übernommen. Ich habe montags immer in den verschiedenen praktischen Unterrichtsstunden hospitiert und dienstags überwiegend in den Kernfächern. Zusätzlich habe ich an zwei Projekttagen des Bereiches „Restaurant und Service“ und einer JungunternehmerInnen-Messe an der Schule teilgenommen und so einen umfassenden Einblick in die Arbeit der Lehrkräfte im Förderschulzweig erhalten.

Im Gegensatz zu Deutschland sind in Schweden die Lehrkräfte stärker in Teams organisiert. Am Marks Gymnasium gab es Fächerteams und Arbeitsteams, die sich regelmäßig zu fest im Stundenplan verankerten Zeiten für Besprechungen und Konferenzen trafen (Fächerteams 1h monatlich, Arbeitsteams 1h wöchentlich). Aber auch unter der Woche gab es sehr viel Zusammenarbeit, da die Lehrkräfte eines Arbeitsteams ihren Arbeitsbereich (Schreibtisch und Regal für Material) für die Vorbereitungen in einem gemeinsamen Raum hatten. Ich hatte im Arbeitsraum meiner Mentorin auch meinen eigenen Schreibtisch inklusive Arbeitslaptop auf dem ich Unterrichtsentwürfe und -materialen erstellt habe.

Leben neben dem Praktikum
Da ich kurz nach dem Abschluss meiner Masterarbeit ins Praktikum startete und die Schultage relativ lang waren (meist 8/9-15/16h), war ich am Anfang abends oft ziemlich erschöpft und müde und habe mich anfangs eher ausgeruht, noch etwas gekocht oder mich noch ein bisschen mit den Schülerinnen, die in meinem Korridor wohnten unterhalten. Ansonsten habe ich relativ viel Sport gemacht (Laufen und Yoga). In der Stadt Skene bzw. im Hauptort Kinna, zwischen denen die Schule liegt, gab es ein paar Geschäfte (überwiegend Kleidung, Dekoration und Baumärkte) und auch Friseure, Optiker und Apotheken. Ansonsten war die Stadt mit ihren ca. 15.000 Einwohnern eher klein und ruhig, was für mich für die 3,5 Monate aber gut gepasst hat. Die Natur um die beiden Orte war mit Wäldern, Seen und kleineren Bergen auch sehr gut für Spaziergänge und Laufrunden geeignet. Ab und zu habe ich auch Ausflüge nach Göteborg unternommen, was mit dem Regionalbus eine Stunde entfernt lag.

Nach dem Praktikum
Ich bin sehr froh, ein zweites Praktikum in Schweden gemacht zu haben. Es hat mir ermöglicht, meine Sprachkenntnisse aufzufrischen, noch einmal eine ganz andere Region Schwedens mit ihrer eigenen Kultur und ihren Gegebenheiten sowie einen anderen Teil des schwedischen Schulsystems kennen zu lernen. So habe ich jetzt einen ziemlich umfassenden Überblick darüber, wie Schule in Schweden funktioniert und habe in vier verschiedenen Bereichen (Vorschule, Primarstufe, Mittelstufe und Abschlussstufe) hospitiert. Dadurch konnte ich auch herausfinden, wie sich Entscheidungen in der Primar- und Mittelstufe letztlich auf die Schul- und Lernkultur und die SchülerInnen am Ende der Schulzeit auswirken. Außerdem konnte ich die Gegebenheiten in den beiden Städten bzw. Regionen in Bezug auf verschiedene Aspekte vergleichen und so einige meiner früheren Beobachtungen noch besser einordnen, bestätigen oder relativieren.

Insgesamt kann ich wirklich jedem nur empfehlen, während des Studiums ein Praktikum (oder mehrere Praktika) im Ausland zu absolvieren. Man erhält dadurch nochmal eine ganz andere Perspektive auf sein eigenes privates und berufliches Leben, kann sich selbst und seine Fähigkeiten weiterentwickeln und internationale Kontakte knüpfen. Außerdem kann man auch im Praktikumsland über sein Heimatland informieren und andere Menschen motivieren, die vielfältigen Möglichkeiten, die die Europäische Union durch Erasmus+ bietet, zu nutzen.

Im Anschluss an das Praktikum habe ich noch eine InterRail-Reise durch Norwegen und Schweden mit dem Zug unternommen, um noch mehr von Skandinavien zu sehen und vor allem die verschiedenen Landschaftsformen und einige weitere Städte kennen zu lernen. Göteborg war dafür ein sehr guter Ausgangspunkt.

 

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