Abbildung 1:Die Strömberg Grundschule

Ich habe Anfang 2019 ein sehr interessantes, bereicherndes und lernreiches Praktikum an der Strömberg Grundschule in Helsinki absolviert. Ich habe an der Schule im Unterricht assistiert, Vertretungsunterricht übernommen, selbstständig (Teil-) Klassen betreut und unterrichtet und die Französisch-AG für die Zeit übernommen. Außerdem habe ich immer wieder hospitiert und beobachtet. Ich habe viele verschiedene Bereiche der Schule kurz kennengelernt und einige Bereiche (vor allem die Arbeit mit der 6. Klasse) intensiv. Durch die vielfältigen Erfahrungen habe ich persönlich viel gelernt und bin in meiner Professionalisierung weitergekommen. Ich habe aber auch viel über Schulsysteme nachgedacht und im Kontrast zu meinen bisherigen Erfahrungen viele Inspirationen bekommen.

Einige einleitende Erläuterungen vorweg, die meine Erfahrungen verständlicher machen:
In Finnland werden die Kinder erst mit 7 Jahren eingeschult – das bedeutet, dass die Kinder dort ein Jahr älter sind als Kinder in Deutschland in der gleichen Klassenstufe. Außerdem umfasst die Grundschule nicht nur die ersten vier, sondern die ersten sechs Schuljahre.

Ich habe die erste Hälfte des Praktikums die 6. Klasse, bzw. die Klassenlehrerin der 6. Klasse begleitet. Somit lernte ich im Englischunterricht, den die Lehrerin hielt, auch die 5. Klasse der Schule kennen. Da der Unterricht (bis auf den Fremdsprachenunterricht) auf Finnisch stattfand, verstand ich insbesondere zu Beginn meines Praktikums häufig nicht direkt, worum es gerade im Unterricht ging. Allerdings war das häufig kein Problem, da meine Zeit in der Klasse eine willkommene Gelegenheit für die Klassenlehrerin und den Musiklehrer der Klasse war, immer wieder auch den Regelunterricht auf Englisch oder teilweise auf Englisch abzuhalten. Außerdem konnte ich in individuellen oder Gruppenarbeitsphasen gut unterstützen, da ich beispielsweise im Mathe-, Musik- oder Sportunterricht einzelne Schüler*innen gut unterstützen konnte und mit ihnen Englisch sprach. Dabei ist zu bemerken, dass die Kinder und Kolleg*innen an der Schule deutlich besser Englisch sprachen und verstanden als in Deutschland.

In der zweiten Hälfte des Praktikums war ich weiterhin für zwei Tage pro Woche in der 6. Klasse als meiner „Stammklasse“, die anderen Tage besuchte ich aber andere Klassen, sodass ich die Arbeit der 1.-6. Klasse, sowie der sonderpädagogischen Klassen kennenlernte.

Abbildung 2: Der geteilte Klassenraum der 1. Klasse

Ich erlebte mehr unterschiedliche Lehrkräfte und Klassen, erlebte verschiedene Altersgruppen und Klassenkonstellationen. Besonders interessant war für mich beispielsweise die 1. Klasse: 28 Kinder werden von zwei Lehrkräften unterrichtet. Der Klassenraum ist in der Mitte durch Glasfenster und Glastüren getrennt, die beiden Lehrerinnen arbeiten jeweils mit 14 Kindern – nach einer Woche wechseln die Kinder dann in die andere Hälfte zur anderen Klassenlehrerin.

Solche spannenden Erfahrungen machte ich in verschiedenen Klassen auf verschiedene Art und Weise und nach und nach entwickelte ich einen Blick für die Arbeitsweise „an der gesamten Schule“ und für die Atmosphäre, die klassenübergreifend vorgefunden werden konnte.

Interessant war es auch, Ende Februar noch einen Tag in einer anderen Schule zu verbringen: Der Ehemann der Klassenlehrerin der 6. Klasse ist auch als Grundschullehrer tätig und so ergab sich mir die Möglichkeit auch ihn für einen Tag zu begleiten – diese Erfahrung schätze ich sehr, da sie mein Bild vom finnischen Schulsystem erweitert hat und ich so einen besseren Blick für Besonderes und „Normales“ an der Stömberg-Schule entwickeln konnte.

Doch was habe ich genau eigentlich inhaltlich mitnehmen können, was hat mich am meisten beeindruckt?
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Altersgruppe und Dauer der Grundschule in Finnland (s.o.). Ich habe es als angenehm und sinnvoll für die Schüler*innen wahrgenommen, dass ihnen mehr Zeit in der Grundschule gelassen wird. Ebenso, dass Kinder mit 10 Jahren nicht „die Großen“ sein müssen – es aber mit 12 oder 13, wenn sie ohnehin mehr Selbstbestimmung einfordern, sein können.

Ein weiterer Punkt war die sehr positive Stimmung und Atmosphäre in der Schule unter Schüler*innen und Mitarbeitenden. Zu einem großen Teil hängt das denke ich auch mit niedrigen Hierarchien zusammen – von der Erstklässlerin über den Praktikanten aus Deutschland bis zur Schulleiterin wurde sich geduzt und beim Vornamen genannt. Das ermöglichte eine gute Arbeitsatmosphäre, die alle ernst nimmt.

Auch habe ich es geschätzt, dass die technische Ausstattung mit Beamern/Whiteboards, Dokumentenkameras und Laptops sehr gut war und auch sinnvoll genutzt wurde. Nichtsdestotrotz wurde in der Schule mehr in Büchern aus Papier gelesen, als ich das bisher in Deutschland erlebt habe.

Auch Projekte und selbstbestimmtes Arbeiten waren ein wichtiger Bestandteil des Schullebens, das ich erleben konnte und so viele Inspirationen für meine eigene pädagogische Zukunft bekam.

Als letzten Punkt hier möchte ich noch den Fremdsprachenunterricht anführen: Vom Englischunterricht über Schwedischunterricht, Zweitsprachenunterricht für Finnischlernende und meine Französisch-AG erlebte ich Sprachenlernen in einem mir sprachfremden Umfeld auf vielfältige Art und Weise, erlebte viel guten Sprachunterricht und viel Spaß an Sprache – das war für mich auch motivational ein tolles Erlebnis für meine persönliche Zukunft als Englischlehrer.

Während des Praktikums konnte ich in kurzen Pausen immer wieder kurze, aber wichtige Reflexionsgespräche mit Kolleg*innen führen, zu Beginn, zur Hälfte und am Ende des Praktikums führte ich zusätzlich intensive Evaluationsgespräche mit der Klassenlehrerin der 6. Klasse. Das war für mich in Verbindung mit meiner persönlichen Reflexion ein sehr guter Rahmen. Insgesamt muss ich sagen, dass es ein sehr angenehmer Weg war, zu diesem Praktikum über den persönlichen Kontakt zu zwei Lehrerinnen zu kommen. So hatte ich klare Ansprechpersonen, die mich auch gerne unterstützten. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ich bei der Lehrerin der 5. Klasse zu Hause in einem Gästezimmer wohnen konnte. So erlebte ich finnischen Alltag nicht nur in der Schule, sondern auch nach Feierabend. Auch der Kontakt mit der Schulleiterin und anderen Kolleg*innen war sehr angenehm – ich war ein gern gesehener Gast und auch eine Unterstützung in dieser Zeit.

Finanziell habe ich gemerkt, dass es durchaus eine Herausforderung ist, den finnischen Alltag mit in Deutschland auskömmlichen Mitteln zu gestalten. Ich habe das stemmen können durch die kostengünstige Unterkunft bei einer Kollegin, durch das kostenlose Mittagessen in der Schule und dank der Unterstützung durch das ERASMUS-Programm und das Evangelische Studienwerk Villigst, bei dem ich Stipendiat bin.

 

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