Die Zeit während des Auslandspraktikums in Istanbul würde ich als eine der besten während meines Studiums bezeichnen. In diesem Bericht möchte ich nun meine Erfahrungen teilen.

Da ich nach Abschluss meiner Ausbildung eine psychotherapeutische Tätigkeit anstrebe, habe ich nach einem Praktikumsplatz im klinischen Bereich gesucht. Letztendlich habe ich mich dabei für ein Auslandspraktikum entschieden, weil ich mir hierdurch mehr Vorteile versprochen habe. Bei einem Auslandspraktikum hat man schließlich die Möglichkeit, eine andere (Arbeits-) Kultur kennenzulernen, Fremdsprachen anzuwenden und zu verbessern, ein neues Land und neue Leute kennenzulernen und damit den persönlichen Horizont zu erweitern.

„Der Gewinn eines langen Aufenthaltes außerhalb unseres Landes liegt vielleicht weniger in dem, was wir über fremde Länder erfahren, sondern in dem, was wir dabei über uns selbst lernen.” R.Peyrefitte

Ich habe mir zunächst einmal überlegt, welches Land für mich überhaupt infrage käme. Da es schon lange ein Wunsch von mir war, mich für längere Zeit in der Türkei aufzuhalten, war die Entscheidung schnell getroffen. Trotz meiner türkischen Wurzeln, kannte ich die Türkei bis dahin eigentlich leider nur aus Urlaubsreisen. Dies sollte sich bald ändern. Meine Zuneigung zu dem Land und gute Türkischkenntnisse waren ebenfalls positive Argumente. Außerdem bewegten mich politische Gründe, wie der umstrittene Beitritt des Landes zur EU dazu, mir ein eigenes Bild vor Ort zu machen. Zudem war ich neugierig, inwiefern Ausnahmezustand und politische Konflikte ein Land und seine Einwohner beeinflussen. Am idealsten schien sich Istanbul zu eignen.

Formalitäten
Wenn man ein Praktikum im Ausland absolvieren möchte, sollte man frühzeitig anfangen, sich um einen Platz zu kümmern, schließlich muss man viel Planen, Organisieren und für die Finanzierung sorgen.

Bei der Praktikumssuche war es kein Problem wichtige Adressen und Kontakte aus dem Internet zu bekommen, eher war es ein Problem eine Stelle zu finden, wo überhaupt Praktikanten angenommen wurden. Meine Suche war zunächst auf Kliniken gerichtet und schließlich habe ich auch eine Klinik gefunden, die Praktikanten willkommen hieß und habe mich dort auch erfolgreich beworben. Bis dahin hatte sich mein Suchspektrum aber schon auf Privatpraxen erweitert und ich war bereits auf das „Therapia Garden Psychologie Zentrum“ gestoßen. Nach einer positiven, telefonischen Anfrage, ob die Möglichkeit eines Praktikums bestünde, bewarb ich mich schriftlich und hatte nach einem Vorstellungsgespräch über Skype meinen Praktikumsplatz sicher. Somit war die größte Hürde ziemlich problemlos genommen.

Von einer Kommilitonin erfuhr ich dann über das Erasmus+ – Programm. Ich informierte mich zunächst auf der Homepage der Uni Bremen etwas genauer darüber und bewarb mich anschließend über das International – Office. Man sollte den Antrag auf Förderung allerdings mindestens einen Monat vor Beginn des Praktikums beim International Office einreichen, damit man auch rechtzeitig davon profitieren kann. Die Bewerbungsunterlagen kann man sich einfach über das Internet herunterladen und auch sonst handelt es sich um ein recht simples und schnelles Verfahren. Über den DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) habe ich zudem einen Vertrag abgeschlossen und war damit gegen Krankheits-, Unfall- und Privathaftpflichtrisiken versichert. Die Auslandsversicherung hat 32,00€ pro Monat gekostet. Letztendlich ermöglichte mir die Förderung mit einem ERASMUS-Stipendium eine Teilfinanzierung des Praktikums und erleichterte mir damit den Auslandsaufenthalt.
Einen Sprachkurs brauchte ich nicht zu besuchen, da ich bereits über Türkischkenntnisse verfügte. Allen, die kein türkisch sprechen, würde ich aber ans Herz legen vorher einen Sprachkurs zu besuchen. Das Fremdsprachenzentrum der Uni Bremen bietet z.B. kostenlose türkisch – Kurse an. Es erleichtert sicherlich den Alltag, wenn man zumindest über sprachliche Grundkenntnisse verfügt.

Wer ohne die türkische Staatsangehörigkeit zu besitzen, über 90 Tage in der Türkei verbringen möchte, benötigt eine Aufenthaltsgenehmigung (Residence Permit). Für solche Angelegenheiten ist die türkische Ausländerbehörde bzw. bei längerfristigen Aufenthalten (über 9 Monate) die Ausländerpolizei zuständig. Die Gebühren liegen, sobald ich weiß, bei etwa 70€. Worauf man auch unbedingt achten sollte ist, wenn man mit einem Smartphone in der Türkei einreist und sich dort eine neue SIM – Karte kauft, um den hohen Kosten zu entgehen, die mit der weiteren Nutzung der deutschen SIM – Karte einhergehen würden, muss man damit rechnen, dass das Handy schon bald zur Nutzung in der Türkei gesperrt werden wird. Das liegt daran, dass die IMEI – Nummer des eigenen Handys bei der Türkei nicht registriert ist. Man sollte also nicht vergessen, sein Handy vor Ort kostenpflichtig (ca. 150tl bzw. 35€) registrieren zu lassen, um es weiterhin benutzen zu können.

Unterkunft
Nachdem ich eine Zusage von meiner Praktikumsstelle erhalten habe, habe ich online mit der Suche nach einer Unterkunft begonnen. Ein wichtiges Kriterium zur Auswahl war für mich die Nähe zur Praxis. Da die Stadt riesig ist, braucht man nämlich manchmal Stunden um von A nach B zu kommen. Der Straßenverkehr ist ziemlich chaotisch und oft gibt es Stau. Die Studentenwohnheime waren zu weit von der Praxis entfernt und deshalb für mich ausgeschlossen. Es war schwer eine Wohnung für nur drei Monate zu finden, denn die meisten Vermieter möchten mindestens einen halbjährigen Vertrag abschließen. Auf der Internetseite „sahibinden.com“ wurde ich aber dennoch fündig und habe bereits vor der Ankunft in Istanbul eine möblierte Wohnung mieten können. Ich habe in einem ruhigen Wohnviertel auf der asiatischen Seite gewohnt. Es war eine nagelneu eingerichtete 3 – Zimmer Neubauwohnung mit Einbauküche und kleinem Balkon. Die Mieten in Istanbul sind generell relativ hoch, insbesondere wenn man alleine wohnt, kann es sehr teuer werden. Ich habe für meine Wohnung monatlich 1.500 türkische Lira, also rund 385€ bezahlt. Hinzu kamen noch die Nebenkosten und das Internet, die ich selbst übernehmen musste. Die im voraus gezahlte Kaution habe ich am Ende wieder zurückbekommen. Man kann natürlich auch etwas bescheidener wohnen, auf jeden Fall sollte man sich aber vor der Wohnungssuche gut überlegen in welcher Gegend man gerne leben möchte (Studentenviertel, asiatische/europäische Seite, modern/konservativ, etc.). Von einigen Stadtteilen wie z.B. Bagcilar, Tarlabasi, Fatih, Eyüp und Sultanbeyli würde ich eher abraten, weil diese doch etwas unsicher sein können, gerade für „Fremde“. Empfehlen würde ich hingegen vor allem die Stadtteile Besiktas auf der europäischen und Kadiköy auf der asiatischen Seite. Beide liegen ziemlich zentral und werden überwiegend von jungen Leuten bewohnt. Die zahlreichen Cafes, Restaurants, Bars etc. machen diese Viertel zu einem attraktiven Wohnort gerade auch für Studenten.

Praktikum
Die psychotherapeutische Privatpraxis existiert seit 2014 und besteht an zwei eigenständigen Standorten in Istanbul. Die Leitung der Einrichtung obliegt Frau Dipl.-Psych. Lale Tuncel und ihrem Mann Dr. Erhan Tuncel. Weiterhin sind in den Praxen insgesamt 15 Psychologen, ein Sprechtherapeut und zwei Sekretärinnen tätig. Betreut wurde ich von Frau Dipl. – Psych. Lale Tuncel, durfte teilweise aber auch bei den anderen Psychologen hospitieren. Es werden Therapien für Einzelne-, Paare-, Kinder- und Jugendliche, sowie für Familien angeboten. Beide Praxisstandorte haben Montags bis Samstags von 9 – 21 Uhr geöffnet. Ich habe unter der Woche täglich etwa 8 – 9 Stunden gearbeitet und hatte an den Wochenenden frei.

Es war ein interessantes und abwechslungsreiches Praktikum, das mir wertvolle Erfahrungen für meine berufliche und persönliche Weiterentwicklung mitgegeben hat.

Ich hatte die Gelegenheit, im Studium erworbenes theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen, erlernte aber auch neue Behandlungsmethoden die mir bisher noch nicht bekannt waren. Erstvorstellungen, Einzelgespräche sowie Familien – und Paartherapien durfte ich begleiten und konnte unter Aufsicht Testverfahren an Patienten anwenden und später auswerten. Durch Supervisionen erfuhr ich, mit welchen Schwierigkeiten Therapeuten im beruflichen Leben konfrontiert werden können, wie sie damit umgehen und welche Lösungsstrategien gemeinsam entwickelt werden. Es wurden zudem regelmäßig Rollenspiele durchgeführt, sodass ich selber in die Rolle eines Psychologen geschlüpft bin und bestimmte Verhaltensweisen einüben und mir therapeutische Fähigkeiten aneignen konnte. In der Praxis herrschte ein angenehmes Arbeitsklima. Es wurde sehr viel Wert auf gute Beziehungen zwischen den Kollegen gelegt. Ich fühlte mich jederzeit gut aufgehoben.

Istanbul

„Wenn es auf der Welt nur ein Land gäbe, dann wäre die Hauptstadt Istanbul.“ (Napoleon)

Ich habe Istanbul während meines Aufenthalts kennen und lieben gelernt. Eins kann ich jedem versprechen: hier wird es garantiert nie langweilig. Die Stadt hat für jeden etwas zu bieten. Sowohl aus kultureller als auch aus wirtschaftlicher Sicht ist Istanbul die wichtigste und vielfältigste Stadt der Türkei. Sie ist die einzige Stadt der Welt, die sich über zwei Kontinente erstreckt. Mit etwa 15 Mio. Einwohnern (inoffiziell sind es sogar 20Mio.) zählt Istanbul zu den größten Städten der Welt. Die Koexistenz der verschiedensten Religionen, sowie die enormen sozialen Gegensätze gehören hier genauso zum Alltag, wie das Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne. In der Metropole am Bosporus mit einer eindrucksvollen Geschichte gibt es einfach in jeder Ecke etwas zu sehen und zu entdecken. Man sollte sich also ruhig Zeit nehmen, um die Stadt etwas erkunden zu können. Die bekanntesten Sehenswürdigkeiten befinden sich im Stadtviertel Sultanahmet auf der europäischen Seite: die blaue Moschee, die Hagia Sophia, der Topkapi – Palast und die Yerebatan Zisterne liegen hier alle auf einem Fleck. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich vor Ort eine Museumskarte ausstellen zu lassen, Studenten bekommen dabei eine Ermäßigung. Ansonsten sollte man auch den großen Basar, den Dolmabahce – Palast, den Gewürzbasar, den Leanderturm, die Miniatürk, den Galataturm und die Prinzelninseln besucht haben. Nicht zu vergessen sind natürlich der berühmt berüchtigte Taksim – Platz und die Istiklal caddesi, Istanbuls bekannteste Fußgängerzone mit der historischen Straßenbahn. Man kann sonst auch für 30€ an den Big – Bus Touren teilnehmen um sich einen Überblick und eine Orientierung über die Stadt und ihre Geschichte zu verschaffen. Mir persönlich macht es aber vielmehr Spass, mich in einer neuen Umgebung selbst zurechtzufinden und nach eigener Lust und Laune unterwegs zu sein. Ich habe das Gefühl, dass man auf diese Weise viel mehr von der Stadt und den Menschen mitbekommt als auf Stadtführungen für Touristen. Ein aufladbarer Fahrschein, die sog. Istanbul Card erleichtert übrigens die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, inklusive der Fähren. Zum Einkaufsbummel eignen sich am besten die Shoppingmeile Nisantasi und die Einkaufsstraßen Istiklal- und Bagdat Caddesi. Neben Kaufhäusern und Modegeschäften gibt es hier auch zahlreiche Restaurants, Cafés und Bars. Ausgehen kann man daneben auch sehr gut in Bebek oder Kadiköy. Man sollte meiner Meinung nach möglichst viel mit Einheimischen unternehmen, denn die kennen sich schließlich am besten aus. Die Leute in Istanbul sind meist sehr aufgeschlossen, temperamentvoll und unternehmenslustig. Man hat schnell das Gefühl einfach dazuzugehören. Sie sind zudem auch neugierig über das Leben in Europa. Ich wurde von Bekannten z.B. des Öfteren mit der Frage konfrontiert, ob es mir in Deutschland oder in der Türkei besser gefallen würde. Meist folgten dann tiefe Gespräche über Kultur, Politik und Gesellschaft.

Letztendlich scheint Istanbul wirklich nie zur Ruhe zu kommen. Die Größe der Stadt stellt zwar sicherlich einen Stressfaktor dar, aber wenn man eine Erholung braucht, kann man am Bosporus auch mal schön die Seele baumeln lassen. Der faszinierende Ausblick zieht einen regelrecht in den Bann: das blaue Meer, die vorbeiziehenden Schiffe, die Möwen, die riesigen Brücken, Türme, Moscheen und Paläste… Man kommt sich fast schon vor wie in einem Märchen aus 1001 Nacht…

Fazit
Rückblickend kann ich sagen, dass meine Erwartungen an das Praktikum weitaus erfüllt wurden. Ich hatte die Möglichkeit, in den Arbeitsalltag eines Psychologen hineinzuschnuppern und dadurch ein genaueres Bild von meinem zukünftigen Beruf zu bekommen. Die Auswahl des Praktikumsplatzes war meiner Ansicht nach ein Volltreffer. Ich habe eine hervorragende Betreuung seitens Frau. Tuncel genießen dürfen und die anderen Kollegen waren ebenso herzlich und hilfsbereit. Auch nach meinem Aufenthalt in Istanbul pflegen wir noch regelmäßig den Kontakt zueinander. Besonders gefallen hat mir an dem Praktikum, dass ich herausgefordert wurde und mich selbst ausprobieren durfte. Das Praktikum bestärkte meinen Wunsch später als Therapeutin tätig zu werden. Ich behalte es mir vor, bei jeder Gelegenheit weitere Praktika zu absolvieren, um mein theoretisches Wissen in der Praxis noch mehr zu erproben.

Generell kann man gar nicht oft genug betonen wie gastfreundlich und hilfsbereit die türkischen Leute sind. Zu Istanbul kann ich nur sagen, dass sie eine wunderschöne und aufregende Stadt ist, die man fast schon als eigenes Land betrachten müsste.

Insgesamt hat mir die Zeit als Praktikantin in der Türkei sehr viel Spass gemacht. Leider vergingen die drei Monate wie im Flug. Für mich persönlich habe ich aus dieser Zeit viele neue wichtige Kontakte, Erfahrungen und Einblicke in das türkische Alltags- und Berufsleben
mit nach Deutschland genommen. Alles in allem kann ich Interessenten ein Praktikum in Istanbul nur weiterempfehlen. Die Erfahrungen die ich dort gesammelt habe, kann mir niemand mehr nehmen.

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