1) Vorbereitung:
Bevor ich mein Praktikum in der Türkei beginnen konnte, hieß es erst reichlich an Informationen zu sammeln. Ich begann damit zunächst über die jeweiligen Städte zu recherchieren und entschied mich für Istanbul als Arbeitsort. Hinzu kommt, dass ich die zuständige Praktikumsbeauftragte an meiner Universität für die Türkei kontaktiert habe und diese mir bei meinem nächsten Vorgehen half bzw. an weitere Personen weiterleitete. Anschließend erfolgte die Suche nach geeigneten Praktikumsstellen. In diesem Zusammenhang interessierten mich insbesondere Krankenhäuser, psychologische Praxisstellen, Menschenrechtsorganisationen mit einem klinischen Anteil und generell internationale Institutionen mit einem klinischen Anteil.

Nach der Recherchearbeit erfolgte die Kontaktaufnahme, meist durch einen Anruf und selten durch E-mail. In Anbetracht der Tatsache, dass nur ein geringer Anteil der Bevölkerung in der Türkei wirklich gut Englisch spricht und E-mails aus diesem Grund sehr verspätet beantwortet werden, sollte ein kurzer Anruf in Erwägung gezogen werden. Nach den zahlreichen Anrufen entfielen jegliche Krankenhäuser als Praktikumsstellen, da Praktika in Krankenhäusern von den Universitäten geregelt werden und in der Regel nicht an Privatpersonen vergeben werden. Die Gespräche klärten mich darüber auf, dass ein englischer Lebenslauf und Motivationsschreiben nicht ausreichend sind und diese in türkischer Sprache angefertigt werden sollten. Darüber hinaus ist es überaus hilfreich und stark empfehlenswert vor einem Aufenthalt in der Türkei einen Sprachkurs zu belegen, da English in der Türkei nicht sehr verbreitet ist, wie auch nur sehr wenige oder gar keine eurer Kollegen englisch sprechen werden.

Durch die Vermittlung bzw. Hilfe der Praktikumsbeauftragten wurde mir bei dem Verfassen der nötigen Unterlagen geholfen und weiterer Kontakt an potentielle Arbeitgeber vermittelt. Anschließend übersendete ich diese an die unterschiedlichen Stellen und erhielt kurz darauf bereits die ersten Rückmeldungen und entschied mich für die Menschenrechtsorganisation “Änsan HaklarÄ DerneÄi” als Arbeitsort, welche durch eine schriftliche Vereinbarung festgehalten wurde.

Nach der erfolgten Zusage war eine wichtige Aufgabe eine geeignete Unterkunft in Istanbul zu finden. In Istanbul gibt es neben der Möglichkeit sich eine eigene Wohnung oder WG zu suchen, die Möglichkeit in ein Studentenwohnheim zu ziehen. In der Regel sind diese nach Geschlechtern getrennt und richten sich nach bestimmten Regelungen, wie beispielsweise der Einhaltung einer Sperrstunde. Darüber hinaus werden größtenteils nur Mehrbettzimmer mit gemeinsamer Bad- und Küchennutzung angeboten und keine Besucher über Nacht erlaubt. Andererseits bieten die meisten Studentenwohnheime einen Reinigungsdienst an und ein bis drei Mahlzeiten pro Tag. Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Studentenwohnheimen, zum einen gibt es die privaten Anbieter und die Wohnheime, die zur Universität gehören. Die Preise für ein Zimmer in einem privaten Studentenwohnheim, welches man sich mit 2-5 Leuten teilt fangen bei 250 € an, während die Wohnheime der Universität bereits bei 40-50 € anfangen. Eine andere Alternative wäre sich über Airbnb ein Zimmer zu suchen oder auf den zahlreichen Facebook Gruppen nachzuschauen.

Jedoch sind die privaten Studentenwohnheime deshalb teilweise deutlich teurer als ein Zimmer in einer WG. Ein Zimmer in einer WG mit guter Lage kann man bereits für 170- 350 Euro finden. In diesem Zusammenhang ist es überaus wichtig und empfehlenswert sich vorher die Lage bzw. Verkehrsmittel der Stadt und der Arbeitsstelle genauer anzuschauen. Ebenfalls ist es hier vorteilhafter anzurufen, da viele auf Emails nur vereinzelt oder sehr verzögert antworten. Am besten man fragt Jemanden mit sehr guten Türkischkenntnissen, da viele Anbieter leider bei schlechten Sprachkenntnissen bzw. bei Englischsprachigen die Preise höher setzen.

Es gibt viele unterschiedliche Versicherungsangebote für Praktika im Ausland. Ich entschied mich für das Angebot des DAAD. Dieser bietet für Praktikanten im Ausland im Rahmen eines Erasmus-Programms, die Möglichkeit einer kombinierten Kranken-, (Pflege-*), Unfall- und Haftpflichtversicherung für ca. 32 Euro pro Monat an. Da ich mich nur für zwei Monate in der Türkei aufhielt, musste ich kein Visum beantragen. Als deutsche/r Staatsbürger darf man man sich bis zu 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen in der Türkei aufhalten, falls man länger als 90 Tage bleiben möchte, muss ein Visum beantragt werden.

2) Formalitäten vor Ort
Bereits kurz nach der Anreise durch den Flug, hieß es die ersten Formalitäten vor Ort anzugehen. Durch den Einzug in eine WG hatte ich bereits den Vorteil eines Internetanschlusses. Ebenfalls musste ich dank meiner Kreditkarte kein Konto vor Ort eröffnen. Da es viele unterschiedliche Angebote für Kreditkarten gibt, sollte man spätestens 2-3 Monate vor dem Aufenthalt die Anbieter durchgehen und sich für einen entscheiden. In meinem Fall nahm ich bereits das Angebot der MasterCard X-TENSION der Sparkasse wahr, welches zusätzlich eine Auslandsreise- Krankenversicherung für 24 Euro im Jahr anbot. Ein anderer guter Anbieter ist Number 26.

Eine überaus wichtige Formalität vor Ort ist die Anschaffung einer Sim-Karte. Es gibt zahlreiche Anbieter, deshalb sollte man sich vor Ort einige Stunden nehmen und möglichst mit einer einheimischen Person nach den Angeboten fragen, um nicht betrogen zu werden.

3) Die Stadt Istanbul
Mit einer Einwohneranzahl von knapp 15 Millionen und der einzigen Metropole zwischen zwei Kontinenten (Asien und Europa) hat sie viel einzigartiges und interessantes zu bieten. Durch den täglichen Stau sollte man möglichst Busse vermeiden und auf die Metro, den Metrobüs (Schnellbus -> eigene Spur) und andere Bahnen ausweichen. Aufgrund dieser Gegebenheit und der großen Fläche kann eine Fahrt innerhalb der Stadt auch 1,5 bis 3 Stunden dauern. Deshalb sollte man sich möglichst zentral oder in der Nähe der Arbeitsstelle eine Unterkunft suchen. Zu den sichersten und zentralsten Stadtteilen mit guter Anbindung gehören Kadiköy, Şişli, Besiktas und Beyoglu (Cihangir, Galata, Gümüssuyu). Insbesondere der Stadtteil Kadiköy ist zum wohnen ideal, da er mit seinem bemerkenswerten Charme und lebendigem Charakter Sehenswürdigkeiten, Promenaden am Wasser, einen Fährhafen, zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten und günstige Cafés bzw. Restaurants in sich vereint.

Überdies gibt es zahlreiche Ausgehmöglichkeiten. Cafes und Restaurants findet man in jedem Stadtteil, während Bars und Clubs vorwiegend in Besiktas, Kadiköy und Beyoglu (besonders Taksim, Karaköy und Galata) zu finden sind.

In diesem Kontext wäre es empfehlenswert Plattformen wie Couchsurfing oder Facebook Gruppen bzw. die offizielle Erasmus Gruppe zu nutzen, um weitere Kontakte zu knüpfen und sich einen sozialen Kreis aufzubauen.

4) das eigentliche Praktikum und die Praktikumsstelle
Der Menschenrechtsverein Insan HaklarÄ Dernegi (IHD) ist eine Organisation mit dem primären Ziel der Durchsetzung und Verwirklichung der Menschenrechte in der Türkei (IHD, o. J.). Gegründet im Jahr 1986, agiert die Organisation unabhängig von jeglichen politischen Parteien bzw. Regierungen und widmet sich insbesondere der Arbeit gegen Folter, der Todesstrafe und Faschismus (IHD, o. J.).

Mit zahlreichen Niederlassung in unterschiedlichen Städten der Türkei und dem Hauptsitz in der türkischen Hauptstadt Ankara ist die IHD die größte Menschenrechtsorganisation in der Türkei (Duncker, 2009). Die Niederlassung in Istanbul bzw. die Zweigstelle, in der ich tätig war, hatte unterschiedliche Abteilungen. Es gab insgesamt vier Abteilungen innerhalb dieser Zweigstelle, welche jedoch nicht vollständig voneinander unabhängig sind. Unter anderem beschäftigt sich eine Abteilung mit administrativen Aufgaben, wie beispielsweise der Annahme und Weiterleitung von Anträgen der Menschen mit Misshandlungs- und Diskriminierungserfahrungen, während ein anderer Bereich sich der rechtlichen und juristischen Unterstützung der antragstellenden Personen widmet. Ein weiterer Arbeitsbereich widmet sich der Forschung und arbeitet an der Akkumulation von Vorfällen und der Anfertigung bzw. dem Verfassen von Berichten, welche auf unterschiedliche Art die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei beleuchten. Ein vierter Bereich beschäftigt sich mit Kampagnenarbeit und der Organisation von Tagungen, Konferenzen und Demonstrationen.

Zu meinen Aufgaben gehörte unter anderem die Analyse und zeitliche Strukturierung von Akten, Anträgen auf Menschenrechtsverletzungen, der Ergebnisse der Prozesse und generelle Hilfeleistung bei Recherchearbeit, wie auch die Hilfestellung bei Aufnahmeanträgen, wenn neue Fälle eingereicht wurden. Diese wurden häufig eingereicht, weil die antragstellenden Personen häufig grundlos von der Polizei, sei es auf der Straße oder in Polizeipräsidien diskriminiert und misshandelt wurden oder auf ihrer Arbeitsstelle vom Arbeitgeber ungerecht behandelt wurden. Einer der zentralen Vorteile war in diesem Zusammenhang, dass mir viel Entscheidungsfreiheit in der Aufgabengestaltung gelassen wurde. Ich durfte mir selbst aussuchen, an welchen Projekten, Veranstaltungen, Tagen und Uhrzeiten ich anwesend sein sollte. Nach zahlreichen Gesprächen mit anderen Praktikanten stellte ich fest, dass diese Entscheidungsfreiheit häufig bei Praktika in der Türkei gegeben ist.

5) Fazit
Zusammenfassend war die Situation in der Türkei sehr angespannt, da beispielsweise bereits an meinem dritten Arbeitstag im Rahmen von zahlreichen Verhaftungen, einige meiner Kollegen und meine Vorgesetzte, aufgrund der Beteiligung an einer Demonstration verhaftet wurden. Dennoch hat mir das Praktikum und der Aufenthalt in der Türkei unglaublich gut gefallen. Die täglichen Unternehmungen mit den verschiedensten Leuten, das gute Wetter und die wunderbar herzliche Atmosphäre auf den den Straßen, wo sich täglich unendlich viele Menschen tummeln, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Darüber hinaus haben mir meine Kollegen und die Praktikumsstelle sehr gefallen. Hinzu kommt, dass meine Erwartungen erfüllt wurden und ich die türkische Kultur und Arbeitsstrukturen von unterschiedlichen Blickwinkeln erleben konnte, was mich menschlich und auf individueller Ebene stark bereichert hat. Überdies konnte ich meine Türkischkenntnisse verbessern und ein tieferes Verständnis für die politische Lage und von den Menschen vor Ort entwickeln.

Angefangen mit den wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte bis hin zu der Tatsache, wie einfach es ist sich sozial zu integrieren, war es eine einzigartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte.