1. Von der Idee zur Bewerbung
Ich bin im Januar 2018 durch eine Praktikumsausschreibung auf das „Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ (im Original „European Network Remembrance & Solidarity“, im Folgenden ENRS) aufmerksam geworden. Die Ausschreibung hat mich angesprochen, da sie meine wesentlichen Wünsche an einen Praktikumsplatz erfüllt hat: Ich wollte gerne für ein paar Monate in Polen leben und ich interessiere mich für die praktische Anwendung von Geschichte, insbesondere der Erinnerungskultur. Es interessiert mich, wie die neueste Geschichte Europas derzeit von verschiedensten Akteuren genutzt wird, um politische Ansprüche zu begründen (man denke zum Beispiel an Putins „historisch begründete“ Ansprüche auf die Krim-Halbinsel). Die gemeinsame Geschichte Europas sorgt noch immer für Spaltungen zwischen Nationen, politischen Lagern etc. Ich wollte herausfinden, wie diese Geschichte stattdessen dienen kann, um Menschen zu vereinen – also konstruktiv statt destruktiv genutzt werden kann.

Das ENRS vertritt genau diesen Anspruch, Menschen verschiedener europäischer Nationen zusammenzubringen und den Dialog über Geschichte des 20. Jahrhunderts zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, organisiert das ENRS internationale Konferenzen, Ausstellungen, Begegnungs- und Bildungsprojekte und publiziert wissenschaftliche Literatur. Also beschloss ich, mich dort für ein Praktikum zu bewerben.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich mich entgegen der vorgeschriebenen acht Wochen für ganze sechs Monate beworben habe. Ich war hauptsächlich an der Projektorganisation interessiert und habe angenommen, dass internationale Projekte nicht in acht Wochen organisiert werden und daher der Lerneffekt für mich sehr gering sein würde, sollte ich mich an die offiziellen Vorgaben halten. Ich wollte gerne einen echten Einblick in die Arbeitsweise einer solchen Organisation bekommen und das ist meiner Meinung nach in einer so kurzen Zeit nicht möglich. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Leben im Ausland Zeit braucht und ich mehr als zwei Monate benötige, um mich auf fremde Länder und Städte einzulassen. Daher also die Entscheidung, gleich ein ganzes Semester für das Praktikum zu „opfern“.

Nach meiner Bewerbung im Januar ging alles sehr schnell: Bereits eine Woche später hatte ich ein Skype-Bewerbungsgespräch mit einer meiner späteren Koordinatorinnen, wenige Tage später dann die Zusage – allerdings nur für vier Monate, mehr konnte mir das ENRS aus strukturellen Gründen nicht zusagen. Dann gab es nur noch ein paar organisatorische Dinge zu regeln. Ich musste Verträge unterschreiben, mich für eine Erasmus-Förderung bewerben und mich um die Anerkennung des Praktikums durch meinen Studiengang kümmern. Alles in allem war das sehr unkompliziert und verglichen mit den „praktischen“ Herausforderungen wie der Wohnungssuche in Warschau überhaupt kein Aufwand.

2. Das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität
Das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität wurde 2004 ins Leben gerufen, um den nationenübergreifenden Dialog über die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu fördern. Offizielle Gespräche über die Etablierung eines Netzwerks wurden von Polen, Deutschland, Österreich, der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakei geführt. Schließlich wurde 2005 eine Gründungserklärung von Polen, Deutschland, Ungarn und der Slowakei unterschrieben. 2014 trat Rumänien bei, die tschechische Republik, Österreich, Lettland und Albanien sind in den Ausschüssen vertreten. Seit 2008 ist das ENRS mit Sitz in Warschau in der Organisation von Workshops, Konferenzen, Ausstellungen, Begegnungs- und Bildungsprojekten sowie Publikationen aktiv.

Beispielhaft möchte ich einige Projekte skizzieren, die das ENRS regelmäßig organisiert:

  • – European Remembrance Symposium: Dieses jährlich organisierte Forum dient dem Austausch von Historikern und Vertretern europäischer Institutionen, die sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. Diskutiert wird die Frage, ob es eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur gibt oder geben kann.
  • – Sound in the Silence: Gruppen von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern treffen sich für eine Woche mit Künstlern an einem Gedenkort (z.B. ehemaliges KZ) und arbeiten gemeinsam daran, ihre Gedanken und Gefühle zu diesem Ort und dessen Geschichte kreativ auszudrücken. Jugendliche sollen erfahren, wie sie Geschichte erleben können und wie diese ihr eigenes Leben und Handeln beeinflussen kann.
  • – In Between: Ebenfalls ein Projekt für Jugendliche, die gemeinsam europäische Grenzregionen besuchen (z.B. Karpaten) und mithilfe von Oral History das Leben an der Grenze erfahren und dokumentieren.
  • – History lessons: Eine interaktive Website, die Lehrer*innen aus Ostmitteleuropa kostenloses Material für den Geschichtsunterricht zur Verfügung stellt. Dieses Material behandelt die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und soll den Blick von der nationalen Perspektive auf Geschichte, die in Schulbüchern dominiert, wegleiten und stattdessen den Fokus auf gemeinsame oder sich widersprechende Geschichtsnarrative in Europa lenken.

Diese Beispiele lassen erkennen, dass der Themenbereich und die Art der Projekte vielfältig sind. Allen liegt aber das gleiche Bestreben zugrunde: Grenzen (auf der Landkarte sowie in den Köpfen) zu überschreiten und gemeinsame Lösungen für die europäische Erinnerungskultur zu finden.

3. ENRS konkret. Mein Praktikum – Aufgaben, Herausforderungen, Erfahrungen
Anfang Dezember 2018 zog ich dann schließlich nach Warschau und begann mein Praktikum beim ENRS. Ich bekam zwei Koordinatorinnen zugeteilt, eine war für organisatorische Dinge zuständig – mit ihr hatte ich damals mein Bewerbungsgespräch geführt – und die andere kümmerte sich um die Inhalte meines Praktikums. Sie wurde für mich zur wichtigsten Bezugsperson, da sie meine Aufgaben koordinierte. Ich wurde meinem Wunsch entsprechend der Abteilung „Projekte“ zugeteilt, arbeitete teilweise aber auch für die Abteilungen „Strategie und Entwicklung“ sowie „Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“. Die Projektabteilung ist bei weitem die größte, von 29 Mitarbeiter*innen sind 14 in diesem Bereich tätig.

Da meine inhaltliche Koordinatorin hauptsächlich an dem Projekt History lessons (s.o.) arbeitete, wurde dies auch mein Hauptarbeitsbereich. Ich begann damit, Texte und deren Übersetzungen Korrektur zu lesen, da die zur Verfügung gestellten Materialien jeweils auf Polnisch, Deutsch, Englisch, Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch und Rumänisch übersetzt werden. Außerdem begann ich, selbst Kurzdarstellungen auf Deutsch und Englisch zu schreiben, Texte vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen und nach Quellenmaterial zu suchen. Ich habe viel gelernt, sowohl über das Übersetzen von akademischen Texten als auch die Inhalte der Texte. Da die Website noch im Entstehen ist, konnte ich aktiv an ihrer Gestaltung mitarbeiten, was mir gut gefallen hat.

Mit der Zeit habe ich dann die Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten im ENRS besser kennengelernt und auch Aufgaben aus anderen Bereichen bzw. Projekten übernommen. Die Aufgaben waren sehr breit gefächert – von der Websitenadministration über das Verfassen von wissenschaftlichen Kurzartikeln bis zur Organisation von Konferenzen war alles dabei. Diese Vielfalt hat mir gut gefallen, da immer wieder neue Herausforderungen zu meistern waren.

Das Highlight des Praktikums war für mich die internationale Konferenz „Jak upadał komunizm. Rok 1989 w Europie Środkowo-Wschodniej“ (engl: „On the downfall of communism. 1989 in Central and Eastern Europe“), die kurz vor Ende meines Praktikums in Warschau stattfand. Da die Vorbereitungen erst anderthalb Monate vorher begannen, konnte ich die gesamte Phase der Organisierung miterleben. Für mich war das sehr spannend, denn es gibt so viele Arbeitsschritte, die ich nicht erwartet hätte – auch wenn sie mir im Nachhinein logisch erscheinen. Der größte Teil der Arbeit, den ich mitbekam, war das Recherchieren und Einladen von Podiumsteilnehmern. Insgesamt fanden sechs Podien statt, die jeweils thematisch unterschiedliche Sichtweisen auf 1989 abbildeten. Auf diesen Podien saßen jeweils 4-5 Menschen plus Moderator*in. Diese mussten natürlich thematisch passen, sollten aber auch möglichst auf international gemischt sein (auf jedem Podium möglichst pro Land nur ein*e Teilnehmer*in) und – vielleicht das größte Problem für uns – der Anteil an Männern und Frauen sollte möglichst ausgeglichen sein.

Tatsächlich stellte uns der Gender-Aspekt vor große Herausforderungen: Da die Konferenz unter Schirmherrschaft des Präsidenten stattfand, sollten möglichst bekannte und renommierte Menschen eingeladen werden. Gerade in der Geschichtswissenschaft, die den größten Anteil der Teilnehmer*innen stellte, gilt aber leider, dass renommierte Menschen alt sind (denn sie müssen ja genug Zeit gehabt haben, den guten Ruf zu schaffen) und dass alte Wissenschaftler meist männlich sind (da der Anteil der Frauen in der Geschichtswissenschaft und ihre Chance, Karriere zu machen, damals sehr beschränkt waren). Hinzu kam noch, dass aufgrund der kurzfristigen Einladungen viele Absagen kamen. Schließlich saßen auf jedem Podium genug Leute, die Genderbalance war jedoch katastrophal. Auf jedem Podium saß, wenn überhaupt, eine Frau.

Später mussten dann Einladungen verschickt werden, auch daran hatte ich keinen Gedanken verschwendet: Überhaupt erstmal eine Liste der wichtigen Personen zu erstellen, die eingeladen werden sollten, ist natürlich immenser Aufwand. Für die geladenen Gäste musste Verpflegung und Übernachtung sowie Reise gebucht werden, Pressevertreter*innen benachrichtigt usw usw. Am überraschendsten war für mich die Anfrage, ob ich bitte die VIP-Gäste googlen und ein Dokument mit deren Namen sowie Fotos erstellen könnte, denn schließlich kommt es gut an, hohe Persönlichkeiten (z.B. Botschafter*innen, Minister*innen) auch begrüßen zu können, ohne erst nach ihrem Namen fragen zu müssen.

Am Tag der Konferenz selbst war dann natürlich viel zu tun. Gäste mussten versorgt und ihren Plätzen zugewiesen werden, für einen reibungslosen Ablauf gesorgt, Namensschilder und Kopfhörer für die Simultanübersetzung verteilt werden.

Von der Konferenz selbst bekamen die wenigsten von uns etwas mit. Langer Rede, kurzer Sinn: Warum schreibe ich das alles so detailliert? Weil für mich die vielleicht größte Erkenntnis meines Praktikums war, dass Arbeit mit Erinnerungskultur und Geschichte selten etwas mit Erinnerungskultur und Geschichte zu tun hat. Alle Mitarbeiter*innen des ENRS, je nach Abteilung mehr oder weniger, müssen sich mit bürokratischen Arbeiten auseinandersetzen. Auch als Historikern werde ich Verträge entwerfen, Teilnehmerlisten erstellen und Einladungen schreiben müssen. Das Schöne ist, dass der Zusammenhang zum studierten Fach eben doch besteht und man in einem Team arbeitet, dass hochkompetent ist und man den Menschen am Ende die europäische Geschichte etwas näher gebracht hat. Alles in allem hat mir das Praktikum sehr gut gefallen, ich habe viel gelernt und mich weiterentwickelt. Meine Einschätzung des Arbeitsmarktes ist realistischer geworden und ich kann meine eigenen Fähigkeiten und Wünsche besser bestimmen und artikulieren.

Das ENRS empfehle ich wärmstens: Die Betreuung war fantastisch, das Kollegium herzlich und die Arbeit interessant. Wichtig für alle Bewerber*innen: Die Arbeitssprache ist offiziell Englisch, allerdings sind die meisten Mitarbeiter*innen polnisch und verständigen sich auch hauptsächlich auf Polnisch. Sprachkenntnisse des Polnischen sind nicht notwendig, aber durchaus nützlich, um den allgemeinen Unterhaltungen und Geschehnissen folgen zu können.

 

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