Etwa ein Jahr vor Beginn meines Praktikums hat sich ergeben, dass ich nach Australien fliegen würde, also fing ich an zu überlegen, was mich in diesem Land im Hinblick auf mein Studium interessieren könnte und wo ich wohlmöglich ein Praktikumsplatz bekommen könnte. Ich erkannte relativ schnell, dass ich gerne im Bereich des „Indigenous Sector“ arbeitet möchte und fand The Aurora Project (http://auroraproject.com.au/), ein Koordinationsorganisation, die PraktikantInnen und Arbeitssuchenden half, einen Praktikums- oder Arbeitsplatz zu bekommen. Das Bewerbungsverfahren bestand aus zwei Stufen: Als erstes musste ich mich als möglicher Kandidat bewerben, wo entschieden wurde, ob ich als Praktikant angemessen wäre. In diesem ersten Schritt hatte ich viele Bewerbungsunterlagen auszufüllen; unter anderem sollte ich ein Motivationsschreiben entwerfen, mich als Person vorstellen und Empfehlungsschreiben von meinen ProfessorInnen anfragen. Ungefähr einen Monat vor Antritt meiner Reise bekam ich die Zusage und wurde somit in die zweite Runde des Verfahrens geleitet, wo ich fünf Organisationen angab, bei denen ich ein Praktikum machen würde. Da ich vor meinem Praktikum im Nord-Osten Queenslands bleiben würde, suchte ich vorwiegend Organisationen in dieser Region. Etwa zwei Wochen vor Abflug, bekam ich den Bescheid, dass ich in Cairns bei der North Queensland Land Council mein Praktikum absolvieren würde. Der NQLC ist eine Organisation, die durch anthropologische und juristische Arbeit, Native Title (Landrecht) der Aboriginal und Torres Strait Islander people sichert. In der Zeit der Kolonisierung Australiens wurden den Aboriginal und Torres Strait Islander people das Land enteignet und gestohlen, ohne Rücksicht auf deren Beziehung zum Land und der Ungerechtigkeit, die ihnen dabei angetan wurde. Native Title arbeitet darauf hin, diesen Vorgang, so weit es geht, rückgängig zu machen.

Da ich die australische Staatsbürgerschaft besitze, musste ich kaum Auslandsunterlagen erledigen. Ich besuchte die australische Botschaft in Berlin, um dort meinen Pass zu erneuern und konnte ohne Probleme in das Land einreisen.
Durch die finanzielle Unterstützung von PROMOS und des Bremer Studien Fonds war es mir möglich mein Praktikum zu absolvieren, doch ohne diese, wäre die Zeit in Australien sehr viel schwieriger abgelaufen. Als ausländisches Bankkonto benutzte ich meine DKB Visa Card, diese wird fast überall angenommen, aber man muss dazu sagen, dass DKB jedes Mal 1,75 % des abgehobenen Geldsatzes mit abzieht und die Automaten selbst oft eine eigene Benutzergebühr einfordern.

Der NQLC war in den 6 Wochen meine Arbeitsstelle und auch mein Kontaktpunkt zu Leuten aus der Region. Mein Arbeitstag begann um 8.30 Uhr und endete um 17 Uhr. Das Gebäude bestand aus zwei Stockwerken; unten saß die juristische Abteilung der „Future Acts“, die sich vor allem um die Prozesse nach der Landrechtsgewinnung kümmerten. Mit dieser Gruppe von MitarbeiterInnen hatte ich nicht so viel zu tun, dennoch traf man sich ab und zu im Gebäude um ein wenig zu plaudern. Das obere Stockwerk bestand aus der Research Unit, in der ich auch arbeitete, der finanziellen Organisation und dem Chef der Organisation. Die Research Unit wurde sowohl von AnthropologInnen als auch JuristInnen geleitet und bestand aus ca. 20 Leuten. Das anthropologische Team bestand aus der leitenden Anthropologin, Louise Allwood, zwei weiteren AnthropologInnen, einer Administratorin und mir, dem Praktikanten. Zusammen mit dem juristischen Team wurde an den Prozessen der Native Title Bestimmungen gearbeitet und durch qualitative Methodik Material erhoben.
Ein solcher Prozess des Native Titles kann in etwa wie folgt aussehen:
Eine indigene Gruppe kommt durch ihre RepräsentantInnen auf den NQLC zu und fragt eine tiefgründige Untersuchung ihrer Gruppe in Verbindung mit dem dazugehörigen Land an. Diese Untersuchung wird durch JuristInnen und AnthropologInnen durchgeführt und beinhaltet z.B. genealogische Arbeit (um die kontinuierliche Verbindung zur Region festzustellen), Interviews mit lebenden Angehörigen, zahlreiche Treffen mit den RepräsentantInnen und der gemeinsamen Organisation einer offiziellen und rechtlich anerkannten Repräsentation vor Gericht. Dieser Prozess kann bei manchen über acht Jahre dauern, bei anderen wiederum nur drei. Dies hängt meistens davon ab, wie gut die Gruppe sich untereinander versteht (diese Gruppen bestehen oft aus vielen Familien), wie gut die AnthropologInnen und JuristInnen arbeiten, in wie fern die Regierung Queenslands mitarbeitet und auch wie viele andere Parteien an dem spezifischen Land interessiert sind (z.B. Bergbaufirmen). Wenn alles glatt läuft, dann kommt es am Ende des Prozesses zur Determination, also zum Beschluss. Diese Veranstaltung markiert für viele Beteiligten das Ende eines langwierigen und schwierigen Prozesses und es kommen dementsprechende Emotionen zum Vorschein.

Ich hatte sehr viel Glück und das Privileg, bei einer solchen Determination dabei zu sein, ungefähr in meiner zweiten Woche. Die Girramay people aus der Cardwell Region hatten es endlich geschafft, ihr rechtmäßiges Eigentum von der Regierung anerkannt zu bekommen und alle beteiligten trafen sich in der „community hall“ um den offiziellen Bescheid der Regierung (vertreten durch Anwältinnen und einem Richter) zu hören und danach gemeinsam zu feiern. Es war ein unglaubliches Gefühl dabei zu sein und zu sehen wie voller Stolz und Freude die Menschen waren, ihr Land wieder zu haben. Solche und andere Momente haben mir einen wirklich tiefen Einblick in das Leben vieler Menschen in Australien gegeben.

Die Arbeitsatmosphäre beim NQLC war meist eine angenehme Mischung aus Professionalität und persönlicher Begegnungen, wodurch es mir erstaunlich leicht viel, meinen Arbeitsrhythmus zu finden. Ich saß zwar auch viel vor einem Bildschirm, doch die lustigen Gespräche zwischen durch und der allgemein freundliche Umgang mit den KollegInnen erleichterte meine Zeit dort ungemein.

Aurora Project hatte einige Unterkunftsmöglichkeiten angegeben, diese waren jedoch meistens große Backpacker WGs und ich hatte eher vor, lokale Menschen kennenzulernen. Deshalb suchte ich auf Flatshare.com.au und Roommate.com.au nach kleineren WGs und zog dann Anfang Juli bei Charlie ein. Die Miete in Australien ist um einiges höher als in Deutschland, weshalb ich die 150 Dollar pro Woche dankend annahm. Sein Haus war sehr zentral und ich konnte von ihm aus, alle Lokalitäten besuchen. Ich lieh mir außerdem ein Fahrrad, womit ich zur Arbeit fuhr und abends durch die Straßen zog, auf der Suche nach Unterhaltung.

Ich würde allen zukünftigen Studierenden und PraktikantInnen in Australien empfehlen sich ebenfalls eine WG zu suchen. Auf den oben genannten Seiten und auf GumTree findet man eigentlich immer etwas und es ist weitaus billiger, als in einem Hostel zu bleiben und meistens interessanter, als die ganze Zeit mit Backpackern zusammen zu sein. Ich fand es sehr erfrischend Leute aus der Stadt kennenzulernen, da sie einem einen besseren Einblick in den Ort und die Kultur geben können.

Auch wenn es in Australien heiß werden kann, lohnt es sich immer, sich ein Fahrrad irgendwo zu leihen.
Mich interessierte in meiner Freizeit vor allem, was für Live-Musik in der Stadt zu hören war. Ich klapperte eine Kneipe nach der anderen ab, um am Wochenende nicht nur zu Hause zu sein und suchte so auch den Kontakt zu anderen. Ich spielte selbst viel Gitarre und schrieb einige Songs, die von Begegnungen im Alltag vor Ort inspiriert wurden. Da die Sonne in den 6 Wochen geradezu brannte, ging ich am Wochenende an den Strand, besuchte die Stadt, beobachtete Menschen und das Leben um mich herum und suchte mir sonstige Dinge um mich bei Laune zu halten. Natürlich ist es wichtig, sich beim Praktikum auf seine Arbeit und die damit verbundenen Dinge zu konzentrieren, jedoch darf man nicht die eigene Freizeit vergessen. Man ist ja auch in einem anderen Land, um neues kennenzulernen und andere Menschen zu treffen.

Vor allem in der Arbeit mit Aboriginal und Torres Strait Islander peoples, ist der sensible und respektvoller Umgang mit anderen Traditionen ein Muss. So wie in vielen kolonisierten Ländern ist die weiße Bevölkerung nach wie vor in vielerlei Hinsicht im Vorteil, sei es politisch, finanziell, gesellschaftlich oder gesundheitlich. Man muss sich als weißer Ausländer auch dessen bewusst sein, dass man auch als solcher gesehen wird. Es gibt nichts schlimmeres als eine/n PraktikantIn der/die so tut als wüssten sie schon alles, bzw. alles besser. Es ist unbedingt nötig, dass man zuhört, lernt und versteht, anstatt Hinweise und Tipps zu geben, wo sie vielleicht nicht angebracht sind. Dies trifft sowohl auf meinen Arbeitsbereich als auch auf viele andere zu.

Wenn ich wieder nach Deutschland komme und das nächste Semester beginnt, muss ich mich darum kümmern, mein Praktikum anerkannt zu bekommen und meine Praktikumsbericht anzufertigen. Dieses Praktikum kann ich als Teil meines Modul 10 anrechnen lassen, womit ich meinen praktischen Teil und einen Auslandsaufenthalt berücksichtigt habe. Dieses Modul wird dann mit der Abgabe meines Praktikumsberichtes abgeschlossen.

Oft störte mich bei meinem bisherigen Studium, dass es zu theoretisch und abstrakt war. Ich las einen Text nach dem anderen und in den Seminaren diskutierte man über ferne Theorien, die Gesellschaftsmodelle erklärten und politische Systeme herunterbrachen. Jetzt wo ich mein Praktikum abgeschlossen habe, freue ich mich sagen zu können, dass es mehr als nur Theorien in diesem Feld gibt. Die Arbeit beim NQLC hat mir andere Gebiete und Arbeitsfelder der Anthropologie gezeigt und mir vor allem eine Idee davon gegeben, was mit nach einem Studium in Kulturwissenschaften überhaupt in der Arbeitswelt machen kann.

Mir hat vor allem der menschenbezogene Alltag gefallen, in dem kulturwissenschaftlich arbeite, aber trotzdem ins „Feld“ ging um mit Menschen zu reden und nicht nur alles als ein weiteres Dokument betrachtete. Ich war bei diversen sehr emotionalen Interviews dabei, die mir sehr die Augen öffneten und ich hoffe bestimmte Interviewtechniken beibehalten zu können oder in zukünftigen Interviewsituationen auf meine Alltagserfahrungen zurückgreifen zu können.

Ich hatte in den bisherigen Semestern auch schon einen Fokus für border studies und Arbeit mit Geflüchteten entwickelt und konnte einiges aus meinem Praktikum dafür ziehen. Ich könnte mir z.B. vorstellen für eine Organisation zu arbeiten, die in der Asylpolitik forscht und mit Geflüchteten arbeitet. Dies könnte auch auf einen Job zurückführen, der auf den Umgang mit Menschen konzentriert ist und weniger ein „Erforschen aus der Ferne“ bedeutet. Ich kann immer noch nicht zu hundert Prozent sagen, was genau nach meinem Studium für mich bevorsteht, aber durch mein Praktikum habe ich schon mal eine bessere Idee bekommen, was für eine Art Kulturwissenschaftler ich werden möchte. Ich bin mir sicher, dass das Praktikum Auswirkungen auf mein zukünftigen Studienverlauf und womöglich auch meine Karrierewahl haben wird.

 

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