Kurz vorweg
Im Folgenden werde ich von einigen meiner Erfahrungen berichten, die ich auf meinem Abenteuer „Lyon – 4 Monate Frankreich ohne Französisch“ gesammelt habe. Ich studiere im Master Biochemistry and Molecular Biology an der Universität Bremen (Stand 2018) und habe vor diesem Praktikum keinerlei Auslandserfahrungen gehabt. Das musste sich endlich ändern. Ich habe privat recherchiert, welches Labor mich interessieren könnte und habe mich mit einer Professorin meines Vertrauens beraten. So kam ich auf das Laboratoire de reproduction et devéloppement des plantes (RDP) in Lyon.

Die letzten Tage vor meiner Abreise habe ich mich für diesen Ausbruch von Wagemut verflucht, hatte Heimweh im Voraus und habe überlegt, einfach nicht zu fahren. Dafür schäme ich mich nicht, ich glaube, vielen geht es „vor dem ersten Mal“ genauso. Vielleicht ist es auch später noch so. Jetzt im Nachhinein bin ich mehr als froh, doch in den Zug gestiegen zu sein. Ich habe mich weiterentwickelt, fachlich immens viel Neues gelernt, Erfahrungen gesammelt und, noch wichtiger, neue Freunde gefunden. Tatsächlich hat sich meine Welt erweitert, „weit weg gehen“, Ausland, beides hat seinen anfänglichen Schrecken verloren und bald geht es für mich schon zurück nach Frankreich, neue Freunde besuchen.

Ich hoffe, dass einige Punkte anderen helfen können, sich für einen Auslandsaufenthalt (in Frankreich, Lyon?) zu entscheiden. Besonders hervorzuheben ist hier die Rolle von ERASMUS+, ohne dessen finanzielle Förderung mir das Unterfangen zu unsicher gewesen wäre und ich eine großartige Zeit verpasst hätte. Zwar ist der bürokratische Teil (kaum zu glauben, dass Franzosen Papierkram sogar noch lieber haben als wir Deutsche) manchmal zum Verrücktwerden gewesen, die Beratung und Betreuung in Bremen (danke, Herr Bücken!) war jedoch immer hilfsbereit und konnte alle Schwierigkeiten erklären und lösen. Dank ERASMUS+ ist „kann ich es mir überhaupt leisten?“ nicht die Frage die sich stellt, es bleibt nur zu klären „Wann geht es (endlich) los?“

Wohnung
Die Wohnungsfrage bereitete mir direkt ab Zusage aus Frankreich einige Sorgen. Immerhin galt es, mein eigenes Zimmer unterzuvermieten und, ohne Französischkenntnisse, ein Zimmer (eine Wohnung, eine Abstellkammer, einen Campingplatz, irgendetwas…) in Lyon zu ergattern. Einen Untermieter fand ich über ein schnell erstelltes Inserat bei https://www.wg-gesucht.de/, Mustervertrag aus dem Netz gesucht, abgehakt. Leider ergaben sich einige Schwierigkeiten mit meinem Untermieter, wodurch ich sehr! Lange auf meine Miete warten musste. Hier retteten mich die 70% der Erasmusförderung, die nach Praktikumsbeginn ausgezahlt wurden.

Die Wohnungssuche in Frankreich war zunächst deprimierend, die Zimmer Schuhkartons und die Preise gesalzen, wie ich natürlich erst übersetzen musste. Empfehlen kann ich https://www.leboncoin.fr/ , gefunden habe ich mein Zimmer über https://erasmusu.com/de , allerdings gefällt mir das Verfahren zum Anmieten eines Zimmers nicht und es gab viel Spam. Ich muss gestehen, dass ich mit dem Zimmer sehr viel Glück hatte, gleich die erste Anfrage wurde schnell beantwortet und war erfolgreich. Witzigerweise war besagte Mail auf Französisch, obwohl ich natürlich auf Englisch geschrieben und angemerkt hatte, dass ich kein Französisch spreche. Das anschließende Telefonat war dementsprechend gehaltvoll, aber ich hatte ein Zimmer. Ziemlich kurz vor Beginn meines Aufenthalts wurde sich von Seite des Instituts erkundigt, ob ich schon eine Unterkunft hätte, oder ob sie mir ein Zimmer im Wohnheim organisieren sollten, ich hätte es also einfacher haben können. Fragt auf jeden Fall bei eurem Praktikumsgeber nach! Ich hatte mit diesem Luxus nicht gerechnet und habe daraus gelernt.

Blick ins Wohnzimmer, vom Eingang aus

Ich wohnte zusammen mit meinem Vermieter, zeitweise mit seiner 10 jährigen Tochter und ihrem Kaninchen. Bis auf das Kaninchen waren alle, auch Freunde und Verwandte, sehr freundlich, hilfsbereit und sprachlich improvisationsfreudig. Mein Vermieter konnte sein Englisch aufbessern und ich habe essentielle Französischvokabeln gelernt (canelle heißt Zimt). Das Zimmer war sauber und lag in einer separaten Etage, auf der sich auch das eigene WC befand. Etwas gewöhnungsbedürftig war die Trennung von WC und Dusche (und Waschbecken!) in separaten Räumen, dies ist in Frankreich wohl sehr verbreitet. Die Lage war (zufällig) perfekt, von Haus- zu Bürotür brauchte ich nur 20 Minuten, es war ruhig und durch die Nähe zum Verkehrsknoten Perrache allgemein gut angebunden.

Praktikum
Das viermonatige Praktikum habe ich am Laboratoire de reproduction et devéloppement des plantes (RDP) absolviert. Das Institut ist sehr renommiert und beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit verschiedenen Aspekten der Reproduktion und der Entwicklung von Pflanzen. Die Größe des Instituts ist beeindruckend, ebenso die Vielseitigkeit der Forschungsgruppen, die Modernität der verfügbaren Technik und die ausgezeichnete interne und internationale Vernetzung. Für jeden, der sich für das Feld interessiert (oder für Computer Modellierungen, Biophysik,…) eine sehr empfehlenswerte Adresse. Trotz der recht elitären Stellung reichte eine initiative Bewerbung aus, um den Praktikumsplatz zu sichern, also, einfach versuchen!

Die Betreuung war sehr gut, die Einführung in Labor und Theorie ausgiebig. Mit Geräte- und Technikeinweisungen wurde nicht gegeizt, ich habe über meine eigenen Versuche hinaus viel Praktisches gelernt. Als Masterstudent wurde man nicht gegängelt, Selbstständigkeit wurde unterstützt, bei Fragen, Unsicherheiten oder Diskussionsbedarf fanden sich immer offene Ohren. Ausnahmslos alle Kollegen waren freundlich, hilfsbereit, außerordentlich kompetent und schon nach meinem kurzen Praktikum sehe ich viele als Freunde, mit denen ich auch jetzt (und hoffentlich in Zukunft) viel Kontakt habe. Es war großartig, dass ich als Praktikant mit auf das vom Labor organisierte Ski-Wochenende durfte. Das, die vielen tollen Leute und neu gelernte Techniken trösten gut darüber hinweg, dass mein Experiment leider nicht funktioniert hat.

März, Wanderung nahe Sixt Fer â Cheval

Stadtleben
Lyon, bei Asterix-Fans auch als Lugdunum bekannt, ist eine historisch bedeutsame Stadt am Zusammenfluss von Saône und Rhône, im mittleren Osten Frankreichs. Ich werde hier auf eine allgemeine Beschreibung von Lyon, seinen Sehenswürdigkeiten und der Historie verzichten und mich auf meine persönlichen Highlights beschränken, um Reiseführern ihre Existenzberechtigung zu lassen. Den Zusammenfluss von Saône und Rhône muss man sich meiner Meinung nach ansehen, wie oft sieht man so etwas schon?

Die Altstadt von Lyon ist sehr malerisch, allerdings sehr auf Tourismus eingestellt. Dort sollte man trotzdem auf jeden Fall einige Spaziergänge unternehmen, sich die Traboules (Reiseführer!) und Seidenmanufakturen anschauen. Am besten geht man unter der Woche um wogende Menschenmassen zu vermeiden. Unabhängig vom Glauben ist die Kathedrale Saint-Jean ein besichtigungswürdiges Bauwerk, besonders an einem sonnigen Morgen leuchten die bunten Glasfenster sehr eindrucksvoll. Ein gutes Training ist der Aufstieg auf den Fourvière, für den schnellen Ausflug empfiehlt sich die Seilbahn. Oben findet man das römische Amphitheater (mit Museum), die Basilica Notre-Dame de Fourvière und einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Bei gutem (klarem!) Wetter kann man von dort sogar den Mont Blanc sehen. Haben sie mir jedenfalls gesagt, mein Wetter war wohl zu schlecht, gelohnt hat es sich trotzdem jedes Mal.

Ich als Dorfkind hatte bereits Bremen als Stadt empfunden, doch Lyon im Januar war ein grauer Schock. Mit dem Frühling wurde es etwas besser, doch die Innenstadt bleibt sehr häuserdominiert, Vorgärten gehören nicht zum Baustil. Daher hatte ich mich auf Besuche im Parc de la Tête d’Or gefreut, der mit Wiesen, botanischem und zoologischem Garten und Grünanlagen lockt. Der Park an sich ist schön, allerdings denkt sich das bei akzeptablem Wetter offenbar jeder in Lyon, sodass man vom Grün doch nichts sieht.

Die weltberühmte Cuisine ist nichts für Vegetarier und Veganer werden in Lyon eine schwere Zeit haben. Obwohl ich selbst durchaus tierische Produkte esse war mir die dortige „Fleischkultur“ zu extrem und ich kann keine Restaurantempfehlungen aussprechen. Crêpes und Raclette bei Freunden müssen aber natürlich sein!

Sehr empfehlen kann ich das Angebot der Oui Busse. Mit Freunden haben wir einen Sonntag bei Grenoble verbracht, was ich von der Stadt gesehen habe ist sehr schön (kleiner als Lyon und etwas grüner) und in der Umgebung kann man gut wandern.

Die öffentlichen Verkehrsmittel in Lyon waren sehr zuverlässig und das Netz gut ausgebaut. Wer für längere Zeit in Lyon ist sollte über eine Tecely Card nachdenken, als Student kann man damit für 32€ (+ 5€ für die Karte) den kompletten Nahverkehr für einen Monat nutzen (Metro, Bus, Straßen- und Seilbahn). Sehr attraktiv ist in Lyon das Mietfahrrad-System Velo-V, schade, dass es das hier nicht in dem Umfang gibt! Allerdings muss man gut planen, um noch Fahrrad bzw einen freien Abstellplatz zu Stoßzeiten zu ergattern.

Wer keine Kreditkarte besitzt wird in Lyon eine vermissen. Zwar kommt man auch mit der normalen EC Karte zurecht (V-Pay funktioniert, auch wenn das Symbol an den Kassen nicht angebracht ist), Kreditkarte/kontaktloses Bezahlen ist dort jedoch üblicher.

In allen Städten wird explizit vor Taschendiebstahl etc gewarnt, als gutgläubiger Mensch habe ich mir darum (oder um meine eigene Sicherheit) eher wenig Sorgen gemacht. Tatsächlich wurde jedoch versucht, mir während ich abends unterwegs war, das Handy zu klauen. Während ich damit am Telefonieren war („Lass uns lieber telefonieren, dann spricht dich niemand doof an“ hatte es geheißen). Passiert ist nichts, mein Handy habe ich noch, allerdings hat es mich zum Nachdenken gebracht (und in einen Selbstverteidigungs-Crashkurs). Also, Vorsicht ist geboten. Das gilt selbstverständlich nicht explizit für Lyon sondern allgemein! Für Lyon würde ich allerdings empfehlen, wenn möglich abends und nachts nicht (erst recht nicht allein) in der Nähe von Bahnhöfen herumzulaufen.

Reise
Viele Wege führen (von Bremen) nach Lyon. Beim Fliegen sollte man berücksichtigen, dass der Lyoner Flughafen Saint-Exupery außerhalb von Lyon liegt und man von dort einen Transfer benötigt, was nochmal ein Kostenfaktor ist und seine Zeit dauert. Da ich jedoch einiges an Gepäck mit mir geschleppt habe, war mir ein Flug ehrlich gesagt zu teuer. Nach einigen Problemen mit der Buchung habe ich eine ungünstige Verbindung bekommen und bin mit dem Zug 15 Stunden von Bremen bis nach Lyon gefahren. Don’t. Zurück, ebenfalls mit der Bahn, allerdings tagsüber und nur 10 Stunden war in Ordnung und auf jeden Fall preisgünstiger als ein Flug mit Gepäck.

Sprache
Während meiner Zeit in Lyon habe ich quasi nur Englisch gesprochen. Da ich bereits C1 Niveau besitze und einen englischsprachigen Master studiere war dort keine große Verbesserung (laut Sprachtest) bemerkbar. Für mich persönlich hat die Zeit jedoch gezeigt, wie wichtig Englisch ist und wie aufregend es, sich auf Englisch über die Eigenheiten der eigenen Muttersprachen auszutauschen. Außerdem ist praktische Übung immer gut und ein paar Vokabeln und Redewendungen habe ich meinem Wortschatz hinzugefügt. Im Alltag kam ich mit freundlichem Lächeln, rudimentärem Französisch, gutem Englisch und „Je ne parles pas Français“ gut durch.

Französisch zu lernen war kein Ziel meines Aufenthalts. Zwar hatte ich zunächst die Ambition auch einen Sprachkurs zu belegen, neben dem Praktikum und abendlichen Treffen mit Freunden war dafür jedoch tatsächlich keine Zeit mehr. Trotzdem habe ich (zu Unterhaltungszwecken der Muttersprachler) ein paar Worte und Sätze gelernt. Das meiste ist für das Überleben im Alltag wohl nicht wichtig, „Attention, avalanche!“ ist sicher nützlich, aber doch eher für Ausnahmesituationen.

Fazit
Sollte man Lyon besuchen? Ja. Die Stadt bietet viele einzigartige Plätze zum Bestaunen und mit der Zeit findet man immer mehr. Praktikum am RDP, INRA, der ENS? Definitv, ja! Unglaublich tolle Leute, faszinierende Forschung, geballte Zukunft. Ja und nochmal ja, vielleicht ja für ein PhD Programm bewerben… Fachlich habe ich natürlich viel gelernt, doch meine Zeit in Lyon wurde durch die Leute dort erst richtig besonders. Das Vorurteil, dass Franzosen Deutschen gegenüber Vorurteile hätten, und man ohne Französisch erst Recht zuhause bleiben solle, kann ich nicht bestätigen. In anderen Regionen (z.B. Normandie) sieht dies wahrscheinlich anders aus.

Durch die Zeit dort habe ich nicht nur in Frankreich sondern auf der ganzen Welt verteilt Freunde gefunden, ohne die finanzielle Unterstützung durch das ERASMUS+ Programm hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut und nie gewusst, was ich verpasst hätte. Falls diesen Bericht jemand liest, der sich unsicher ist, ob er/sie ins Ausland gehen sollte, zweifelt, weil es weit weg und ja eine lange Zeit ist: Versuch es. Es wird großartig und schneller vorbei sein, als du denkst (und spätestens zum Schluss auch hoffst). Und wenn alles doof ist? Erstmal nach Hause telefonieren.

Ich mache mich in 3 Tagen auf den Weg zurück nach Frankreich, immer noch ohne nennenswertes Französisch, aber jetzt mit Vorfreude darauf, meine Freunde dort wiederzutreffen. Das war es wert, danke ERASMUS+!

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