Für mich war klar, dass ich während meines Studiums einen längeren Auslandsaufenthalt durchführen möchte. Mein Plan war es, dies im Rahmen meines Master-Studiums zu tun. Während meiner Bachelor-Arbeit habe ich diesen Plan mit meiner Erstbetreuerin besprochen und sie eröffnete mir die Möglichkeiten zu ihr bekannten Wissenschaftlern nach Chile oder Argentinien für ein Praktikum zu gehen. Für mich war also im Endeffekt wenig Arbeit mit der Suche eines geeigneten Praktikums verbunden. Da mich das Projekt in Argentinien mehr ansprach, entschied ich mich dafür jenes Praktikum zu realisieren.

Nachdem der Kontakt hergestellt war, habe ich über E-Mails mit dem argentinischen Wissenschaftler die Rahmenbedingungen wie Zeitraum und Unterkunft geklärt. Aus organisatorischer Sicht war das nicht sehr aufwendig, da die Kommunikation gut lief und auch nicht viel Bürokratie von Nöten war. Neben einem offiziellen Dokument der Universität, welches ich für die Anrechnung des Praktikums brauche, war kein Papierkrieg zu bewältigen. Da ich offiziell als Tourist nach Argentinien eingereist war, musste ich auch keine speziellen Genehmigungen oder sonstiges Beantragen. Von der Universität (Universidad Tecnológica Nacional – Facultad Regional Concordia) wurde mir umsonst ein Zimmer an der Universität, das ansonsten für Lehrbeauftrage der Universität bereit steht, welche sich nur zeitweise in Concordia aufhalten, zur Verfügung gestellt.

Mit mehr Aufwand verbunden war die Beschaffung von Stipendien, die im Endeffekt die Kosten für meine Flüge decken konnten. Ich bewarb mich neben PROMOS auf ein Stipendium des Bremer Studien-Fonds e.V., welcher Stipendien für nicht-pflichtmäßige Praktika vergibt.

Das Projekt an welchem ich im Rahmen meines Praktikums mitwirken durfte behandelt die Hydrogeologie eines Grundwasserspeichers, welcher zum Teil im Nationalpark „El Palmar“ (ca. 1 Autostunde von Concordia entfernt) liegt. Dabei sollen bspw. der Einfluss von Fluten des angrenzenden Rio Uruguay untersucht werden. Für die Berechnung der hydrologischen Bilanz ist jedoch neben den Messungen im Boden auch wichtig, wie viel des Wassers in die Atmosphäre verdampft: die sogenannte Evapotranspiration. Dieser Aspekt war das Thema, um welches sich meine Arbeit vor Ort drehte und an welchem ich auch im Rahmen des Master-Projekts in meinem Studiengang weiterarbeite.

Meine Aufgabe ist und war es aus Satellitenbildern und den meteorologischen Daten von vor Ort ein Modell zur Approximation der Evapotranspiration zu erstellen. Neben der Modellierung der Evapotranspiration soll auch eine Landbedeckungskarte anhand der Satellitenbilder und Untersuchungen im Feld erstellt werden. Für die Berechnung der Evapotranspiration aus Satellitenbildern der Landsat- Satelliten, gibt es den METRIC-Algorithmus (Mapping EvapoTranspiration at high Resolution with Internalized Calibration). Er ermöglicht es, u.a. mit Hilfe der vom Satelliten gemessenen Oberflächentemperatur sowie spektralen Eigenschaften, Terme der Energiebilanzgleichung zu approximieren sodass die Evapotranspiration bzw. latente Wärme als Residuum jener Gleichung bestimmt werden kann.

Neben der Implementation des Algorithmus in die Programmiersprache R, arbeite ich dabei mit der Software QGIS. An meiner Gastuniversität sollte ich dann an diesen Aufgaben unter Rücksprache mit den Wissenschaftlern vor Ort arbeiten und mir die nötigen meteorologischen und Felddaten besorgen. Also flog ich im August 2017 nach Buenos Aires und nach einem kurzen Aufenthalt dort fuhr ich mit dem Überlandbus (dem gebräuchlichsten Fernverkehrsmittel in Argentinien) nach Concordia. Dort wurde ich von einem Mitarbeiter der Universität abgeholt und zu dem besagten Zimmer gebracht. Die Ausstattung war durchaus angemessen; es gab auch eine Küche zu der ich allerdings nur Zutritt über einen in dem gleichen Haus befindlichen kleinen Hörsaal hatte. Dieser war allerdings auch nicht durchgehend belegt.

So unkompliziert wie die Suche des Praktikums und der Unterkunft vor Ort waren, so war auch die Arbeit dort. Ich habe an meinem ersten Tag einen Schlüssel für das Büro der Arbeitsgruppe (Grupo de Investigaciónes Ingenería Civil Materiales Ambiente – GIICMA) erhalten und konnte so meine Stunden flexibel arbeiten wann ich wollte. Auch ansonsten war die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort angenehm, allerdings anders als man es vielleicht aus Deutschland gewohnt sein würde. Zum Beispiel ist die Universität meist erst später am Tag zum Leben erwacht. Mir wurde erklärt, das läge daran, dass sie früher eine Universität für Berufstätige war und daher traditionell am Nachmittag aktiver wird. Dazu kam der andere Rhythmus der Menschen dort, die zwar zum Teil recht früh anfangen zu arbeiten, dann allerdings mittags eine längere Siesta einlegen. Diese kann bis zu drei Stunden umfassen und beinhaltet meist das Mittagessen sowie eine Mittagsruhe. Danach wird dann für gewöhnlich noch bis später am Abend gearbeitet. Das Abendessen findet somit zumeist frühestens um 22 Uhr statt.

Ich konnte also sehr frei an meiner Arbeit wirken. Zwischendurch habe ich aber auch immer wieder Rücksprache mit Mitarbeitern der Universität oder, per E-Mail, mit meiner akademischen Betreuerin in Deutschland, gehalten. Überraschend für mich war allerdings, dass mein ursprünglicher Kontakt/Betreuer in Argentinien sich hauptsächlich in Buenos Aires aufgehalten hat und nur maximal einen Tag in der Woche nach Concordia kam (~ 6 Stunden Autofahrt!). Somit musste ich diese Zeitfenster abpassen um mich mit ihm unterhalten zu können.

Eine ebenfalls durchaus spannende Erfahrung war die Organisation meines vorgesehenen Besuches im Nationalpark. Dieser war nötig für mich, um vor Ort Daten (GPS-Koordinaten, Notizen, Fotos) für die Erstellung einer Landbedeckungskarte zu sammeln. Anfänglich wurde mir vermittelt, man kenne den Direktor des Parks, die Organisation wäre dementsprechend unkompliziert und man könnte jederzeit dorthin. Als die Vorbereitungen dafür konkreter wurden, tätigte mein argentinischer Betreuer einen Anruf an den Nationalpark und es stellte sich heraus, dass der Kontakt der Universität im Nationalpark nun nicht mehr Direktor ist, da es aufgrund der politischen Wechsel nach der Präsidentenwahl 2015 anscheinend viele Veränderungen in staatlichen Strukturen gab.

Nun war also der „offizielle“ Weg einzuschlagen, welcher wohl immer schwieriger und bürokratischer wurde. In meiner letzten Woche entschieden sich meine Ansprechpartner bzw. Kollegen vor Ort, nach mehrfacher Nachfrage meinerseits, direkt in den Nationalpark zu fahren und mich dort quasi einfach als Tourist zu lassen, der dementsprechend auch den Park-Eintritt und die Camping-Gebühren zahlen muss. Einmal im Park angekommen, suchten wir dann trotzdem den besagten Angestellten des Parks auf.

Wie er mir erzählte, ist er dort nun schon seit 25 Jahren und kennt den Ort also wie seine Westentasche. Auch war er in der Lage mir zu helfen und mich zum Beispiel den guardaparques (Parkwächtern) vorzustellen. Dadurch konnte ich an einer Art Shuttle- Transport innerhalb des Parks teilnehmen und mich so im Park fortbewegen wie es für mich von Nöten war, um einen umfassenderen Eindruck des Geländes zu gewinnen. Zudem ging ich eines späten Nachmittags auch mit ihm durch einen Teil des Parks und er konnte mir ein wenig zu den Gegebenheiten dort erzählen.

Der Eindruck, welcher sich für mich ergab ist, dass in den Zusammenhängen, in welchen ich gearbeitet habe, persönliche Kontakte bzw. Organisation wichtiger als strukturelle Organisation zu sein scheint. Durch die politischen Fluktuationen, ist diese Form der Organisation natürlich anfällig für Probleme wie das beschriebene. Durch die anscheinend aber dadurch auch weniger strukturellen Vorgaben, war eine Lösung auf persönlicher Ebene dennoch möglich. Insgesamt war dieser Vorgang für mich interessant, da ich einen Einblick in die von deutschen Verhältnissen doch unterschiedliche Organisation gewinnen konnte.

Auch ansonsten kann ich rückblickend sagen, dass in Argentinien in gewissem Maße definitiv andere Werte und Vorstellungen herrschen als in Deutschland. So sind Freu(n)de und Miteinander häufig wichtiger als striktes Arbeiten und Organisation. Dazu passend ist auch das Ritual des Mate-Trinkens an welchem man bei Gelegenheit teilnehmen sollte, da es auch immer eine gesellschaftliche Einladung ist an Gesprächen teilzunehmen. Solche Gegebenheiten machen natürlich auch den Reiz eines Auslandsaufenthaltes aus.

Ich staunte manchmal nicht schlecht wie dort so ein Projekt angegangen wird. Zum Beispiel brauchte ich zur Erstellung des genannten Modells Daten der Windgeschwindigkeit im Park. Ein Anemometer stand der Arbeitsgruppe zwar zur Verfügung; es wurde aber nicht angeschlossen. Dazu erhielt ich unterschiedliche Begründungen. Eine war, dass ein Kabel fehlte und die andere, dass man das Gerät für ihre Untersuchungen (im Boden) ja nicht brauche und es ja mit großem Aufwand verbunden sei, das Gerät betriebsbereit zu machen.

Von anderen Studenten an der Universität, die ich mittlerweile kennengelernt hatte, bekam ich dann „Wilkommen in Argentinien“ oder so was in etwa wie „es kann gut sein, dass du ohne Daten nach Deutschland fahren wirst“ zu hören. Immer mit einer gewissen Portion Humor. Anfangs war das etwas frustrierend, aber im Endeffekt Teil der Erfahrung, die so ein Auslandspraktikum ja auch mit sich bringen soll.

Die Kommunikation an der Universität lief fast ausschließlich auf Spanisch. Das war für mich, auch wenn die Menschen dort ein ganz anderes Spanisch, als das was man in der Schule hier lernt, sprechen, kein allzu großes Problem, da ich sieben Jahre Spanisch in der Schule hatte und vorher noch einen Kurs am Fremdsprachenzentrum der Hochschulen in Bremen gemacht habe. Einige Studenten haben allerdings auch Englisch und wenige sogar Deutsch gesprochen.

Insgesamt kann ich einen Auslandsaufenthalt in Argentinien empfehlen. Ich habe mich nie wirklich unsicher o.ä. gefühlt, viele nette Menschen kennengelernt und bin häufig auf Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gestoßen. Auch das Lebensgefühl und die Lebensumstände sind einfach andere, was einen Aufenthalt dort durchaus spannend und bereichernd machen kann. In einer global orientierten Welt kann es meines Erachtens nur Helfen solche Gelegenheiten zu nutzen und den Horizont zu erweitern.

Allerdings ist Argentinien (und dabei vor allem Buenos Aires) schon an Europa orientiert man fühlt sich daher meist nicht völlig fremd. Weiterhin ist Argentinien ein Einwandererland und hat heute eine ethnisch-kulturelle Vielfalt aufzuweisen. In Concordia gibt es dementsprechend auch eine „Fiesta del Inmigrante“, auf welcher die verschiedenen Gemeinschaften von Einwanderern (häufig nicht in erster Generation) sich und ihre Nation repräsentieren. Die indigenen Völker haben jedoch unter der europäischen Invasion gelitten und sind, je nach Region/Provinz, wenig präsent oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Für mich persönlich war es eine gute Erfahrung in einem akademischen Umfeld im Ausland zu arbeiten, da ich meine Zukunft in der wissenschaftlichen Arbeit sehe. In diesem Bereich sind internationale Projekte schließlich keine Seltenheit und Aufgeschlossenheit dafür ist heutzutage wohl eine sogenannte Schlüsselqualifikation. Ich durfte also die Arbeit an einer kleinen argentinischen Universität kennenlernen und auch kulturell einiges mitnehmen.

Generell war ich schon länger an Lateinamerika interessiert und habe daher nicht lange gezögert diese Möglichkeit wahrzunehmen. Zusätzlich konnte ich durch meine Arbeit verbunden mit diesem Praktikum meine Fähigkeiten im Umgang mit den genannten Programmen verbessern, an einem interessanten Projekt teilhaben und meine Spanischkenntnisse ausbauen.

Natürlich kann ich empfehlen mit mehr Zeit als nur für das Praktikum anzureisen, da Argentinien und Südamerika allgemein sehr viel zu bieten haben und es sich daher selbstverständlich lohnt noch Zeit zum Reisen und Erkunden zu haben. Alles in allem kann ich ein solches Praktikum nur empfehlen.

Das Büro mit der Grundausstattung: Mate und Thermoskanne.

Front meiner Gastuniversität,…

… welche auch mit der Zeit geht.

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