Im Zuge meines Lehramtsstudiums (Geschichte und Englisch) an der Universität Bremen absolvierte ich von September bis Dezember ein Praktikum an der Sir Roger Manwood’s School. Die SRMS ist eine staatliche grammar school (Gymnasium) in Sandwich, einem kleinen Ort an der Südostküste Englands. Hier hatte ich folgende Aufgabenbereiche: Geschichtsunterricht der 7en und 8en Klassen leiten, als language assistant den Schülern im Fach Deutsch helfen und nachmittags deutschen Schülern bei den Hausaufgaben und der englischen Sprache helfen.

Anfänge
Da ich gute Freunde in Kent (Südostengland) habe, bewarb ich mich dort. Eine Bekannte schaffte es mir, bei einem Besuch, ein Bewerbungsgespräch mit dem Head of History Department an der SRMS zu organisieren. Das Gespräch verlief freundlich und positiv und mir wurde ein 3 ½ monatiges (unbezahltes) Praktikum an der SRMS angeboten. Glücklich über die Stelle sagte ich zu. Dies war im Januar 2016, ich hatte also genug Zeit meinen Aufenthalt gründlich zu planen.

In dem Wissen, dass ich bei Freunden im nicht allzu weit entfernten Broadstairs für eine sehr geringe Miete unterkommen konnte (ein riesiger Glücksfall), entschied ich mich ein Auto mitzunehmen. Jeden Tag Zugfahrten hin- und zurück bei einem Preis von 5 £ pro Fahrt wären unbezahlbar gewesen. Generell möchte ich an dieser Stelle eine Warnung an alle aussprechen, die gerne einen Auslandsaufenthalt in England machen möchten: So sehr ich dieses Land liebe, es kann sehr schnell sehr teuer werden. Supermarkt, Pub und die Mieten sind einfach sehr teuer im Vergleich zu Deutschland- und ein hoher Preis bedeutet nicht immer hohe Qualität, insbesondere bei den Unterkünften…

Die Entscheidung mit dem Auto zu kommen war genau richtig. Ich weiß, dass nicht jeder Student hat den Luxus ein Auto nutzen zu können. In meinem Fall durfte ich mir das Auto meiner Mutter leihen. Wenn ihr die Möglichkeit habt und in eine kleinere Stadt in England ziehen möchtet kann ich es nur empfehlen. Wenn ihr nach London, Liverpool, Manchester etc. möchtet, trifft dies natürlich nicht zu.

Ich buchte also eine Fähre von Dünkirchen (Frankreich) nach Dover und machte mich Anfang September morgens von Hamburg aus auf den Weg. Die Überfahrt ist eine Erfahrung für sich. Vor allem wenn man die schönen weißen Klippen Dovers erreicht steigt die Vorfreude auf die Zeit in England.

White Cliffs of Dover, leider inklusive Reflektion meines Pullis

Auf der Insel angekommen hieß es nun zum ersten Mal in meinem Leben: Linksverkehr. Man muss wirklich anfangs aufpassen erst nach rechts- dann nach links zu schauen. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ist das aber kein Problem mehr und für jeden passionierten Autofahrer eine tolle Erfahrung.

Drei Tage später begann mein Praktium an der SRMS. An der Schule herrscht eine strenge Uniformpflicht und die Lehrer sind dazu angehalten sich sehr „smart“ zu kleiden. Dies machte mich etwas nervös da ich mich eher in legerer Kleidung wohl fühle. Ich befürchtete das Kollegium könnte dementsprechend „steif“ sein. Zum Glück waren diese Befürchtungen schnell ausgeräumt und ich wurde sehr freundlich empfangen. Die gesamte erste Woche konnte ich nutzen um Abläufe und meine Aufgabenbereiche zu beobachten. Ab der zweiten Woche ging ich dann selbst den anfangs genannten Tätigkeiten nach.

Tätigkeiten an der Sir Roger Manwood’s School
Wie bereits oben erwähnt hatte ich drei Tätigkeitsfelder: Geschichtsunterricht der 7en und 8en Klassen leiten, als language assistant den Schülern im Fach Deutsch helfen und nachmittags deutschen Schülern bei den Hausaufgaben und der englischen Sprache helfen.

Besonders die Möglichkeit selbst Geschichtsunterricht geben zu können hat mich begeistert, da ich finde dass der Praxisanteil in unserem Studium bisher viel zu niedrig gewesen ist. Ich hatte hier zum ersten Mal volle Verantwortung für den Geschichtsunterricht von vier verschiedenen Klassen (Jahrgänge 7 und 8), sowie den PHSE Unterricht (Political, Health and Social Education) einer weiteren Klasse. Da der Unterricht selbstredend auf English stattfindet, war dies auch für den Englischlehrer in mir eine tolle Erfahrung! Mein Alltag in dieser Aufgabe bestand vor allem darin meine Stunden zu planen und Aufsätze zu korrigieren. Zur Unterstützung ihrer Stunden benutzen die Lehrer an der SRMS eigentlich immer eine Power Point Präsentation. Ich habe viel im Umgang mit dem Programm dazugelernt. Aber vor allem das Leiten der Stunden selbst hat mir unbezahlbare Erfahrungen verschafft und mir gezeigt dass der Lehrberuf der richtige für mich ist. Es gibt unglaublich viele Nuancen die man erst erkennt wenn man selbst eine Stunde in seinem Kopf (und einer PP) plant und diese dann vor einer Klasse bringt. Ich habe gemerkt dass ich eine gute Chemie zu den Schülern aufbauen kann und es mir viel Freude bereitet historische Probleme zu präsentieren, zu diskutieren und auf kreative Art und Weise an diese heranzugehen. Mit einer Klasse habe ich die „Tudor Times“ bearbeitet. Hier musste ich mir erst selbst viel Wissen über die englische Geschichte aneignen, ich habe also nicht nur als Lehrer sonder als Historiker profitiert.

Sir Roger Manwood’s School Hauptgebäude

Die Tätigkeiten als language assistant und Nachhilfelehrer/Mentor für deutsche Kinder waren eine gute Erfahrung aber nicht so spannend wie das „richtige“ Lehren. Als language assistant geht man hauptsächlich noch einmal Grammatik und Aussprache mit den Schülern durch. Da das Niveau nicht sehr hoch war, ging es leider nicht über „scripted conversations“ hinaus. Bei der Hausaufgabenhilfe für deutsche Schüler ging es mir im Wesentlichen darum nicht nur als Schulhelfer, sondern auch als vertrauter Ansprechpartner zu agieren. Es war schön den deutschen Schülern, die mit gerade einmal 15/16 Jahren, ohne ihre Familien, in England ihre GCSE/ A-Levels machen, helfen zu können. Da ich selbst mit 16 alleine in den USA war, weiß ich, dass dies sehr schwierig sein kann.

Das Kollegium war insgesamt eine große Stütze. Vor allem die Geschichtslehrer haben sich herausragend bemüht mich zu unterstützen. Ich bin sehr glücklich über die entstandenen Beziehungen. Mit dem Geschichtskollegium ging es freitags des Öfteren in den Pub. Eine tolle Gelegenheit die Kollegen auch privat besser kennenzulernen. Insgesamt herrschte im Lehrerzimmer immer eine warme Atmosphäre. Mittwochs habe ich mit einer Gruppe Lehrer Fußball in der Turnhalle der SRMS gespielt, eine weitere tolle Erfahrung.

Leben in Broadstairs
Broadstairs ist eine Kleinstadt an der Südostküste Englands. An einem sonnigen Tag kann man sogar die französische Küste erkennen! Ein wirklich hübscher Ort mit dem Flair einer Urlaubsmetropole aus den 60er Jahren. Hier kann man viele nette Pubs und Restaurants besuchen. Des Weiteren gibt es zwei Badestrände. Zu meinem Glück war es bis Mitte Oktober noch sonnig und warm. Ich konnte also noch ein paar Strandtage genießen. Eine weitere Attraktion ist der Jahrmarkt am Strand. Dieser findet in der Regel alle 6 Wochen statt und bietet ein paar spaßige Attraktionen. Ansonsten ist das Leben in Broadstairs aufgrund der Größe und Abgeschiedenheit natürlich nicht besonders abwechslungsreich.

Einer von Broadstairs Stränden

London ist mit dem Zug aber nur 1 ½ Stunden entfernt. ( Kleiner Tipp: Fahrt da bloß nicht mit dem Auto hin! Ist teuer und sehr umständlich.) Ich verbrachte also einige Wochenenden in London wo ich, abermals, umsonst bei Freunden unterkommen konnte. Hier besuchte ich diverse Museen (das British Museum und das Imperial War Museum muss man gesehen haben!), ein Rockkonzert (Jimmy Eat World Yay!) und zu meinem ganz großen Glück das WM Qualifikationsspiel zwischen England und Schottland im Wembley Stadion!


Wembley Stadion 11.11.16, England vs. Schottland (3:0)

London ist natürlich sehr teuer aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten und Plätze zu entdecken. Es ist einfach immer eine Reise wert.

Resümee
Ich habe mich vor kurzem von meinen Kollegen verabschiedet. Ich habe für sie zum Abschluss deutsche Frikadellen mit Brot und sauren Gurken gemacht. Es war eine sehr schöne, kleine Abschiedsrunde. Ich bin immer noch ein bisschen traurig, weil ich einfach eine absolut tolle Zeit hatte.

Ich habe tolle Menschen kennengelernt und gleichzeitig eine unbezahlbare Erfahrung für meine Karriere als Lehrer gemacht. Ich kann jedem der auf Lehramt studiert wirklich dazu raten einmal ein Praktikum im Ausland zu machen. Insbesondere wenn man tatsächlich die Möglichkeit bekommt regelmäßig selber lehren zu können!

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