Unboxing: „Eine Welt in der Schule“

Wir alle haben noch unsere ganz persönlichen Erinnerungen an unsere Schulzeit. An orangene Entschuldigungshefte, die erste schlechte oder gute Note, unsere Schulfreunde- oder feinde, samt all den Geschichten und Erinnerungen, welche wir mit ihnen verbinden, aber auch an den Unterricht selbst. Wir alle hatten Lehrer und Lehrerinnen, die wir respektiert haben, weil sie uns verstanden und gefördert haben und eben auch welche, mit denen wir gar nicht konnten. Genauso steht es mit Schulfächern. Über Deutsch, Mathe und Kunst etc. – was dem einem eine große Freude bereitet hat, verursachte bei der anderen Frustration oder Desinteresse. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen sind dies die Dinge, die mir einfallen, wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke.

An was ich mich jedoch kaum erinnere, jedenfalls nicht im Detail, das sind die Unterrichtsmethoden, die während meiner Schulzeit genutzt wurden. Ja klar, damals waren Whiteboards und Computer-gestützte Lerneinheiten der Renner bei Schüler*innen sowie Lehrenden. Diese anfängliche Aufregung über neue Technologien und interaktive Lehrmöglichkeiten hat sich jedoch mittlerweile gelegt. Schon längst gehören digitale Medien zum Unterricht und haben ihren abenteuerlichen Charme verloren.

Die Kinder von heute kennen es nicht anders. Ihre Welt ist connected via WLAN. Mit dieser Veränderung einhergehend kommen globale Themen früher oder später auf den Tisch. Im Politik-Unterricht wird nicht nur über die Tagesthemen im Ersten oder der Süddeutschen gesprochen, sondern auch über Themen in ausländischen Zeitschriften oder Online-Magazinen.

Als ich mich diese Woche mit Wolfgang Brünjes und Ulrike Oltmanns über ihr Projekt „Eine Welt in der Schule“ unterhalte, geht es genau darum. Was passiert auf der Welt und wie werden diese geografisch weitentfernten, aber relevanten Themen für Schüler in Deutschland methodisch gut und nahbar vermittelt? Durch ihr Projekt versucht das Team vor allem globale Themen in die Grundschule und Mittelstufe zu holen und Lehrende methodisch im Unterricht zu unterstützen. Wir treffen uns in ihrem Archiv, welches sich im Sportturm auf dem Uni-Campus befindet. Der erste Eindruck ist überwältigend. Unzählige Bücher stehen in den vielen Regalen und mit Namen beschriebene Kisten stapeln sich bis zur Decke. Wir setzen uns an einen Tisch und die beiden erzählen mir, wie das Projekt vor über 40 Jahren von dem damaligen Hochschuldozenten Prof. Dr. Rudolf Schmidt gegründet wurde. Bis heute hat es das Projekt, mit Standort in Bremen, geschafft bundesweit bekannt zu werden.  Die Beiträge haben sich ausgeweitet auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Gemeinsam mit Lehrkräften probieren sie ihre Konzepte aus und entwickeln mit ihrer Hilfe Unterrichtsbeispiele, welche dann auch im Unterricht eingesetzt werden können.

Der Inhalt einer Materialbox von „Eine Welt in der Schule“

„Eine Welt in der Schule“ arbeitet engagiert an mehreren Dingen gleichzeitig. Zwei Mal im Jahr geben sie eine eigene Zeitschrift heraus, in welcher positive Beispiele abgebildet sind, welche gut im Unterricht anwendbar sind und vielleicht auch weitere Lehrkräfte für ihre Arbeit in der Schule inspirieren können. In Lehrerfortbildungen des Projektes entwickeln diese beispielsweise Unterrichtskizzen, welche dann mit Materialien gefüllt werden und anschließend von den Lehrenden ausprobiert werden. Dazu bieten sie einen bundesweiten Ausleihservice an, um von ihnen zusammengestellte und getestete Materialboxen im Unterricht nutzen zu können. Die Auswahl besteht aus über zweitausend Unterrichtsmaterialien und gibt die Möglichkeit, mithilfe des Inhaltes, globale Unterrichtsthemen kreativ zu gestalten.

Brünjes, der ausgebildeter Lehrer ist, erläutert, dass es sich bei dem Inhalt der Boxen thematisch beispielsweise um Kakao und Schokolade oder auch einzelne Länder, wie Brasilien handeln kann. Als ich ihn Frage, welche Themen denn besonders aktuell sind oder hohe Nachfragen bekommen, deutet er auf die Kinderrechtskiste. Uff, denke ich mir. Ein kniffliges Thema, aber kann, dass alles überhaupt in eine Box passen? Und was für Dinge befinden sich überhaupt in diesen Boxen? Schließlich darf ich auch einen Blick in eine Kiste für das Thema Kartoffel werfen und bin überrascht über den Inhalt. Ich frage mich, ob meine Klassenlehrerin damals auch so eine Kiste hatte? Praktisch wäre es für sie auf jeden Fall gewesen! Denn es ist kaum möglich, für jedes Unterrichtsthema selbst eine Methodenkiste zu erstellen. Um den Inhalt der „Kartoffelkiste“ zusammen zu stellen hat das Team Kontakt zu einer Organisation aufgenommen vor Ort, um Stoffe, Matten mit Fotos und weiteren Materialien direkt aus Peru nutzen zu können, da Lateinamerika eine zentrale Bedeutung für die Herkunft der Kartoffel spielt.

Oltmanns, die aus der außerschulischen Bildung kommt betont, dass es sich besonders für Bremer Lehramtsstudierende anbietet, sich selbst Kisten anzusehen und so Inspiration für Unterrichtsbeispiele zu finden. Außerdem könnten sie dem Team auch Impulse geben, um die Kisten weiter zu entwickeln und neue Ideen miteinfließen zu lassen.

„Einfach auch Schule lebendig zu machen. Dass man weiß, wofür man es lernt! Ganz globales Lernen kannst du mit ganz vielen Sachen verknüpfen, wenn du dich mit einem Thema auseinandersetzt. Das ist Mathe drinnen, da ist Bio drinnen, da ist Erdkunde drinnen […]. Du merkst plötzlich, das hat ganz viel mit mir zu tun, was ich gerade mache und was mich auch Tag täglich betrifft und womit ich mich auch auseinandersetze. Es gibt dem Lernen auch einen anderen Drive. Es ist nicht nur ein auswendig „Gelerne“ für die nächste Arbeit oder Klausur, sondern es hat ganz viel mit einem selbst zu tun. Das versuchen wir in die Schule zu bringen. Oder Lehrkräften oder Lehramtsstudenten an die Hand zu geben auch. Einfach neue Ideen zusammen zu entwickeln.“ – Ulrike Oltmanns

Online gibt es E-Learning Kurse, welche für alle zugänglich sind und nach Brünjes ein Weg sind auf die „digitale Bildungsoffensive“ einzugehen und so hauptsächlich auch junge Lehrkräfte anzusprechen, welche diesem Medium offen begegnen. Aber vor allem die Schüler zeigen positive Rückmeldungen und freuen sich über eine Abwechslung zu den herkömmlichen Unterrichtsmethoden. An dieser Stelle erinnere ich mich an die nicht nur alten, sondern auch langsamen Computer aus meiner Mittelstufenzeit. Ob sich das mittlerweile geändert hat und die Schüler heutzutage alle ihre eigenen Laptops besitzen? Ich stelle mir eine Art Stud.IP für Schüler und Schülerinnen vor. Teuer muss das sein, vor allem für die Eltern. Zu teuer wahrscheinlich, beinahe utopisch so scheint es mir. Aber ich gebe zu, dass mich die Arbeit mit intermedialen Inhalten im Unterricht wohl in mehr Begeisterung für die Schule versetzt hätte, als einfache Textarbeit.

„Grundsätzlich, sind das ja auch verschiedene Ansätze, um Unterricht auch zu unterstützen. Oder um Lehrer zu unterstützen, in ihrem Unterricht. Und wir führen sozusagen, eine Vorsortierung durch. Sei es jetzt halt bei Materialkisten, da gibt es dann Realien oder direkt Bücher, Tipps oder auch Unterrichtsbeispiele, Arbeitsblätter die wir auch vorbereiten […]. Genauso ist es ja auch mit dem E-Learning Kurs. Das ist eher der digitale Ansatz, der einen Zugang zu Themen bietet, um sich näher mit einem Thema zu befassen, wie Filme zum Beispiel. Grundsätzlich ist, dass glaube ich auch unser Ansatz, dass wir Dinge zu Themen zusammenstellen, vorbereiten, bereitstellen, um dann irgendwie den Unterricht in der Schule zu unterstützen.“ –  Ulrike Oltmanns

Brünjes verrät mir dass sie momentan an Projekten zu Themen wie „Abenteuer Bauen und Baukulturen weltweit“ und einem weiteren Projekt zu „Mode und Kleidung“ arbeiten. Ihr Ziel ist es, im Austausch mit Lehrkräften noch viele weitere Kisten zu schaffen und damit den heutigen Unterricht vielfältiger, aber auch methodisch nachhaltig zu gestalten.

„Wir möchten einfach, dass das Thema eine Welt, globales Lernen, globale Entwicklung, BNE – dieses ganze Umfeld in die Schulen kommt und von den Lehrkräften aufgegriffen wird, weil wir sehen das in Zeiten der Globalisierung, dass auch sehr eminent wichtig für die Schülerinnen und Schüler ist, dieses Thema in der Schule auch behandelt zu haben. Das ist Bestandteil ihrer Zukunft.“ – Wolfgang Brünjes

Für das Interview haben wir uns mit Wolfgang Brünjes (links) und Ulrike Oltmanns (rechts) unterhalten.

Falls, Euer Interesse geweckt wurde und Ihr Lehramt studiert, schaut doch gerne mal bei dem Projekt vorbei oder nehmt Kontakt zu Ihnen auf. Sie freuen sich sehr darüber, wenn Lehramtsstudierende auf sie zu kommen und für Unterrichtseinheiten Material ausleihen. Das Büro von dem Projekt „Eine Welt in der Schule“ findet Ihr im Sportturm Raum 5185 – es hat montags bis freitags von 9-16 Uhr geöffnet! 

Weiterführendes:

https://www.weltinderschule.uni-bremen.de/

einewelt@uni-bremen.de

Bildquelle: Ulrike Oltmanns

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