Nach meiner Masterarbeit habe ich mich für ein sieben monatiges Praktikum in Istanbul entschieden, da die Stadt am Bosporus für mich immer als eine attraktive Möglichkeit für einen Erasmusaufenthalt erschien. Zwar habe ich auf Lehramt studiert, wollte allerdings praktische Erfahrungen im Wirtschaftsbereich sammeln, um zum einen alternative Karrieremöglichkeiten zu entdecken und zum anderen meine Kompetenzen auch interdisziplinär zu erweitern. Diese Möglichkeit wurde mir im WiSe 2016 durch ein Erasmus-Stipendium ermöglicht. Dass es sich bei Istanbul um eine Weltmetropole handelt, muss mit Sicherheit nicht erwähnt werden.

Die Stadt charakterisiert sich beruflich gesehen, besonders durch internationale Unternehmen und Start-Ups. Die Möglichkeiten hier zu arbeiten sind immens. Um eine Praktikumsstelle in Istanbul zu finden, bietet es sich demnach zunächst an, verschiedene Plattformen zu nutzen um sich zu orientieren. Ich habe mich deshalb auf den Plattformen www.yenibiris.com und www.kariyer.net angemeldet und verschiedene Bewerbungen abgeschickt. Es lohnt sich allerdings auch immer Initiativbewerbungen zu verschicken. Beide Plattformen sind neben Türkisch, auch auf Englisch nutzbar und vereinfachen durch Suchmasken und Filter potenzielle Arbeitgeber*innen zu finden. Besonders positiv empfand ich beide Plattformen, da sie neben Stellenanzeigen von Großunternehmen, ebenfalls Stellenanzeigen von klein- und mittelständigen Unternehmen anboten. Wer auf der Suche nach Projekten und Jobs, die durch die EU gefördert werden, ist, der sollte sich definitiv auf der Plattform www.ab-ilan.com umsehen. Da ich mich relativ spontan für ein Praktikum entschieden habe und die Bewerbungsprozesse bei den gegebenen Stellenanzeigen von www.ab-ilan.com langwieriger sind, als bei den anderen beiden Portalen, habe ich letztendlich den passenden Job bei www.yenibiris.com gefunden. Übrigens: Es bietet sich in Istanbul immer an, Bewerbungen auf englischer Sprache zu versenden. Für Arbeitgeber*innen scheinen – zumindest war das meine Erfahrung – Türkischkenntnisse der Bewerber*innen eher zweitrangig zu sein.

Meine Praktikumsstelle war ein mittelständiges Unternehmen, welches im Bereich Schifffahrtstechnik tätig ist. Hier war ich zuständig für Übersetzungstätigkeiten und durfte im International-Marketing-Bereich verschiedene Aufgaben selbstständig übernehmen.
Die Firma befand sich im Stadtteil Sirkeci, einem Teil der Istanbuler Altstadt. Da die Umgebung Touristenmagnetpunkt Nr.1 in Istanbul darstellt, muss wahrscheinlich nicht angemerkt werden, dass die Mieten dort immens hoch sind. Aufgrund der Tatsache, dass ich gemeinsam mit einer Freundin nach Istanbul gezogen bin, haben wir auf der Seite www.sahibinden.com nach Inseraten in zentraler Lage bzw. mit guten Anbindungen zu öffentlichen Verkehrsmitteln gesucht, um eine WG zu gründen. Für Leute, die eher ein WG-Zimmer suchen, bietet es sich an auf www.airbnb.com nachzusehen oder auch auf  www.wg-gesucht.de.

Wir haben uns schlussendlich für eine Wohnung im Stadtviertel Merter auf der europäischen Seite der Stadt entschieden. Im Gegensatz zu vielen anderen Stadtteilen ist Merter nahezu frei von der Urbanisierung Istanbuls und besitzt ein Flair von dem, was man sich unter typischen türkischen Wohnvierteln vorstellt. Die typische Nachbarschaftskultur wird noch aufrechterhalten und die Mieten sind trotz zentraler Lage bezahlbar. Wir haben für eine 100 m2 Wohnung eine Miete von 1.300 TL (entspricht ca. 400 Euro) gezahlt. Inklusive Warmwasser, Elektrizitätskosten und Internet kamen wir monatlich auf einen Gesamtbetrag von 450 Euro. Für türkische Verhältnisse befindet sich die Wohnung im Normalbereich. Natürlich gibt es auch günstigere Alternativen, allerdings haben wir uns bewusst für dieses Stadtviertel entschieden, da die nächsten Metro-, Metrobüs, Straßenbahn- und Doimu-Stationen fußläufig zu erreichen sind und für uns beide der Arbeitsweg etwa gleich lang war. Um nach Beikta, Galata, Karaköy und Taksim zu gelangen, aber auch um auf die asiatische Seite zu kommen, benötigt man von hier aus weniger als eine Stunde, was in Istanbul als „Kurzstrecke” anzusehen ist. Wichtig: Um sich in der Stadt und den öffentlichen Verkehrsmitteln zu orientieren, empfehle ich die App „Traft” herunterzuladen. Auch die App „IBB CepTrafik” kann euch das Leben hier immens erleichtern. Hierbei wird einem die aktuelle Verkehrslage der Stadt angezeigt. Besonders, wenn ihr auf Busse angewiesen seid, könnt ihr stets abschätzen, ob ihr nicht doch lieber die Metro oder den „Metrobüs” nutzen wollt, um nicht unnötig lange im Stau zu stecken.

Neben meiner deutschen Versicherung, hat mein Arbeitgeber mich vor Ort versichert. Dies ist allerdings nicht immer selbstverständlich, da die Formalitäten für nicht-türkische Staatsbürger*innen ein wenig mehr Aufwand erfordern. Es bietet sich deshalb an, vor der Abreise eine Auslandsversicherung abzuschließen. Da staatliche Krankenhäuser häufig überlastet sind, gibt es die Alternative, private Krankenhäuser sowie Ärzte aufzusuchen. Meines Wissens nach, erhalten Patienten mit einer Auslandsversicherung einen Teil der Beitragskosten rückwirkend in Deutschland zurück. Bei Erkältungen oder Grippe würde ich allerdings einen Besuch in einem Medizinzentrum empfehlen. Jedes Stadtviertel bzw. jede „Mahalle” ist mit solch einem Zentrum ausgerüstet.

Ein großes Manko in der Türkei ist die Tatsache, dass aus dem Ausland mitgebrachte Smartphones bzw. Handys im Allgemeinen nach einer gewissen Dauer gesperrt werden. Es gibt die Möglichkeit diese Sperrung aufzuheben. Hierzu besucht man ein beliebiges Finanzamt und bezahlt eine Gebühr von ca. 150 TL. Falls ihr im Besitz einer Praktikumsbescheinigung bzw. einer Immatrikulationsbescheinigung seid, nehmt sie mit. Es könnte sein, dass beim Vorzeigen dieser Bescheinigungen, die Gebühren entfallen. Meine Erfahrungen diesbezüglich waren weniger positiv, weshalb ich schlussendlich ein günstiges Ersatzhandy gekauft habe. Es gibt aber auch Freund*innen, die keinerlei Probleme hatten.

Riesige Pluspunkte sammeln allerdings die türkischen Mobilfunkgesellschaften. Die drei größten und bekanntesten Anbieter sind Turkcell, Vodafone und die Türk Telekom (ehemals Avea). Neben Prepaid-Angeboten bieten diese auch flexible Verträge an. Ich habe mich für einen solchen Vertrag bei Vodafone entschieden. Hierbei bezahle ich monatlich 60 TL und erhalte dafür 1000 Freiminuten, 1000 SMS und 3 GB Internet. Die Freiminuten sind nicht nur für die Türkei gültig, sondern für alle Länder, in denen Vodafone vertreten ist. Somit ist es mir möglich, das deutsche Festnetz und alle deutschen Mobilfunknetze zu erreichen ohne zusätzliche Kosten zu haben (für alle Interessent*innen: Vodafone RED XS). Falls ihr einen Vertrag abschließen wollt, denkt daran, euren Reisepass und eine Meldebescheinigung bei Vertragsabschluss dabei zu haben.

Selbige Faustregel gilt auch bei der Eröffnung eines Bankkontos. Ich habe mir hier ein Konto bei der Garanti-Bank angelegt. Ob und für welche Bank ihr euch im Endeffekt entscheidet ist irrelevant. In der Türkei, besonders in Istanbul, ist es allerdings üblich, überall mit Karte zu zahlen. Auch für Onlinebestellungen, wie z.B. Grupanya, dem türkischen Pendant zu Groupon und bei Onlinebuchungen (Flüge, Hotels etc.) ist eine Kreditkarte oder eine türkische EC-Karte ein Muss. LIS bietet sich allerdings an, eine Bank zu wählen, die weitverbreitet ist, sodass ihr beim Ausgehen nicht ständig nach einem Geldautomaten suchen müsst.

Beim Ausgehen und Verreisen sind euch keinerlei Grenzen gesetzt, die Stadt schläft nie und es gibt immer eine Möglichkeit Spaß zu haben. Die Barkultur ist besonders in Besiktas und Kadiköy ausgeprägt. Auch Pera (Beyoglu) ist eine gute Alternative, besonders, wenn man gerne Jazz-Musik hört. Wer lieber feiern möchte, der sollte sich unbedingt in den Clubs auf der Istiklal-Straße oder in den „High Society” Clubs in Bebek/Kurucesme umsehen. Für einen richtigen „Raki-Balik”-Abend empfehlen sich definitiv die Restaurants bzw. die so genannten Meyhanes in Karaköy und Asmali Mescit.

Wenn ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen konnte, habe ich mich auf der Instagram-Seite @bugunnereyegidelim umgesehen oder bei Grupanya nachgesehen, ob es irgendwo gute Angebote gibt. Außerdem bietet die Seite www.foursquare.com in Istanbul bzw. prinzipiell in der Türkei eine gute Möglichkeit neue Sehenswürdigkeiten, Bars, Restaurants etc. zu entdecken. Doch um ehrlich zu sein, genügt es, sich eine „Istanbul-Kart” zu besorgen und die Stadt auf eigene Faust mit all ihren Facetten versuchen kennenzulernen.

Ich habe meine Zeit hier sehr genossen, wenngleich die Freude darüber hier zu sein von einigen Ereignissen in diesem Jahr getrübt worden. Istanbul ist eine unglaublich magische Stadt und es ist kaum mit Worten zu beschreiben, was für Möglichkeiten einem hier geboten werden. Ich empfehle also jedem, diese Stadt zumindest zu besuchen, um einen Eindruck zu erhalten. Ich für meinen Teil habe mich entschlossen, meinen Aufenthalt zumindest bis zum Ende des Jahres zu verlängern, da mir sieben Monate in dieser Stadt nicht gereicht haben und es noch viele Dinge zu entdecken gibt.

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