Mein Praktikum habe ich vom Januar bis zum März 2026 am Eesti Mälu Instituut in Tallinn (Estland) absolviert. Bei diesem Aufenthalt handelte es sich um ein freiwilliges Praktikum, welches ich nach dem Abschluss meines Bachelor Studiums der Integrierten Europastudien an der Universität Bremen absolvierte. In meinem Fall war dies hinsichtlich der Erasmus Förderung auch kein Problem, da ich das in meinem Studiengang enthaltene Pflichtpraktikum an der Forschungsstelle Osteuropa absolvierte und das Pflichtauslandssemester an der Universität Luzern in der Schweiz verbracht hatte, welche bekannterweise ja nicht am Erasmus Programm teilnimmt. Nach Abschluss meines Bachelors standen mir demzufolge noch die gesamten 12 Monate Erasmus Förderung zur Verfügung, die auch noch nach Abschluss des Studiums innerhalb eines Jahres genutzt werden können, sofern man den Antrag noch innerhalb des Abschluss Semesters stellt.
Der Grund für ein Praktikum im Ausland war der Wunsch, in der Zeit zwischen Bachelor und Master möglichst viel Berufserfahrung zu sammeln und auch meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Ein Auslandspraktikum erschien dementsprechend am geeignetsten, um beide Kriterien zu erfüllen.
Bewerbungsprozess und Vorbereitung auf das Praktikum
Mit dem Bewerben auf eine geeignete Praktikumsstelle habe ich ca. ein halbes Jahr vor Antritt des Praktikums begonnen. Dabei sollte jedoch erwähnt werden, dass ich im Vorfeld bereits zwei Praktika in Deutschland absolviert habe, was den Beginn des Auslandspraktikum etwas nach hinten verschoben hat. Dennoch war es zu Beginn alles andere als einfach eine geeignete Praktikumsstelle im Geschichts- oder Kulturbereich zu finden. Dies hing wahrscheinlich damit zusammen, dass ich mich zu Beginn der Bewerbungsphase vor allem auf Praktikumsstellen im mitteleuropäischen- englischsprachigen Ausland beworben habe, was aufgrund des Brexits, sowie aufgrund des hohen Andrangs auf Irland mehr oder weniger aussichtslos war.
Aufgrund der beschriebenen Problematik habe ich mich dann entschieden, mein Glück in den nordöstlichen Staaten der EU zu versuchen. Konkret habe ich mich intensiv in den baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland sowie in Finnland beworben, was auch damit zu tun hatte, dass ich mich einerseits im Rahmen meines Bachelors intensiv mit der Geschichte dieser Staaten auseinandergesetzt hatte und andererseits die Vermutung hatte, dass diese Staaten im Gegensatz zu vielen Westeuropäischen Staaten nicht so bekannt und überlaufen sind. Wie sich später herausstellen sollte, war diese Einschätzung auch genau richtig. Da ich mich bei den baltischen Staaten vor allem für Estland interessierte, nahm ich Kontakt mit dem Bremer Honorarkonsul der Republik Estland auf, welcher mir nach einem kurzen Telefongespräch mehrere Kontakte in der estnischen Kultur und Geschichte Branche vermittelte. Darunter auch das Eesti Mälu Instituut, welches sofort mein Interesse weckte, da es sich mit der Aufarbeitung der deutschen und sowjetischen Vergangenheit in Estland befasste, was genau in meinen Interessenbereich fiel. Nach einer kurzen förmlichen Bewerbung bekam ich bereits nach fünf Tage eine Rückmeldung, woraufhin ich nach einem kurzen E-Mail-Austausch ohne ein Vorstellungsgespräch die Praktikumsstelle erhielt, was ganz im Gegensatz zu meinen vorherigen Versuchen in den westeuropäischen Staaten stand. Insgesamt habe ich somit dann ca. acht Wochen benötigt, um eine geeignete Praktikumsstelle zu finden, wobei jedoch erwähnt werden sollte, dass dies ohne das Gespräch mit dem Bremer Honorarkonsul sicherlich wesentlich länger gedauert hätte.
Die Suche nach einer geeignete Wohnung habe ich dann ca. sechs Wochen vor Beginn des Praktikums gestartet, wobei ich auch Hilfe von der Praktikumsstelle erhielt. Grundsätzlich kann ich dazu sagen, dass man für Tallinn, anders als für Luzern – wo ich mein Auslandssemester verbracht habe – nicht unbedingt Monate vorher mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung beginnen muss (sofern man nicht in der Hauptsaison plant nach Tallinn zu gehen). Da ich im Winter in Tallinn war, war zumindestens in meinem Fall das Angebot an RBNB und freien Ferienwohnungen relativ groß. Diese waren natürlich etwas teurer als eine unmöblierte Wohnung in den Tallinner Vorstädten Mustamäe und Lasnamäe, dafür waren sie aber alle mit einer Zentralheizung ausgestattet und befinden sich in der Nähe des Stadtzentrums, was man von den Wohnungen in Lasnamäe und Mustamäe nicht behaupten konnte.
Diese Wohnungen, welche sich oft in alten sowjetischen Plattenbauten befanden, waren meist mit schlechten Heizungen ausgestattet und hatten einen Anfahrtsweg von ca. 45 Minuten bis ins Stadtzentrum, was bei -28 grad im Winter schon eine Herausforderung sein konnte. Aufgrund dieser Problematik habe ich mich kurz vor Beginn meiner Reise in eine kleine 20 Quadratmeter große RBMB-Wohnung eingemietet, welche zwar etwas abseits vom Stadtzentrum lag, aber dennoch fußläufig zu erreichen war. Da sich diese Wohnung im Gegensatz zu den Wohnungen am Stadtrand in einem Neubau befand, war sie, wie bereits erwähnt, auch etwas teurer, weshalb sie eigentlich nur als eine Übergangslösung dienen sollte, während ich vor Ort nach einer preisgünstigen Alternative suchte. Da jedoch alle anderen Wohnungen – welche ich in den ersten zwei Wochen meines Aufenthaltes besichtigte – entweder viel weiter vom Stadtzentrum entfernt lagen, oder aber nur mit einer Elektroheizung ausgestattet waren – was bei den vorherrschenden Temperaturen bedeutete, dass die Wohnung meistens kalt ist – entschied ich mich, in der bereits angemieteten Wohnung zu bleiben.
Abgesehen von der Wohnungsthematik gab es im Vorfeld meines Aufenthalts nur die Bestätigung der Erasmus Dokumente und die Organisation einer Auslandskrankenversicherung zu regeln, also eigentlich nicht allzu viel zu klären. Ein Visa oder Ähnliches benötigte ich nicht, da Estland ja EU und Schengen Mitglied ist, weshalb der Personalausweis oder der Pass für deutsche Staatsbürger ausreicht. Bei den unterschiedlichen Reisemöglichkeiten nach Tallinn (Flugzeug, Schiff, Zug oder Auto) habe ich mich für das Flugzeug entschieden, weshalb ich mit Lufthansa von Bremen über Frankfurt nach Tallinn geflogen bin. Für Zukünftige Reisen würde ich aber ganz klar den von Air Baltic seit April 2026 neu etablierten Direktflug zwischen Hamburg und Tallinn empfehlen, da die Flüge der lettischen Fluggesellschaft in der Regel billiger sind und man nicht gefahr läuft, aufgrund von Verspätungen in Frankfurt zu stranden – wie es bei mir fast der Fall gewesen wäre.
Die Praktikumsstelle
Mein Praktikum habe ich, wie bereits erwähnt, am Eesti Mälu Instituut (Estonian Institute of Historical Memory) absolviert. Beim EMI handelt es sich um eine der bedeutendsten Nichtregierungsorganisationen in Tallinn, welche sich der Geschichte und der Aufarbeitung der totalitären Besatzung Estlands widmet.
Ziel des Instituts ist es, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie die Verstöße gegen die Menschenrechte zu untersuchen, die während der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzungszeit (1940–1991) in Estland begangen wurden. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der Analyse der Funktionsweise totalitärer Systeme und deren Auswirkungen auf die estnische Gesellschaft. Das Institut betreibt eine intensive wissenschaftliche Dokumentationsarbeit, indem es Deportationen, politische Repressionen und die Strukturen des Widerstands während der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzung untersucht und die Ergebnisse in detaillierten Datenbanken und Publikationen für die Nachwelt sichert.
Diese Forschungsergebnisse bilden das Fundament für eine breite Bildungsarbeit, mit der das Institut das historische Bewusstsein innerhalb der estnischen Gesellschaft stärkt; dies geschieht etwa durch die Bereitstellung von Lehrmaterialien oder die Organisation öffentlicher Bildungsveranstaltungen. Über die nationalen Grenzen hinaus pflegt das Institut einen engen Austausch mit internationalen Partnerorganisationen, um die europäische Erinnerungskultur an die Verbrechen totalitärer Ideologien zu fördern. Besonders greifbar wird diese Arbeit z.B. in dem ehemaligen Tallinner Gefängnis Paterei, welches gegenwärtig zu einem Museum umgebaut wird und im Frühjahr 2027 für Besucher eröffnet werden soll. Insgesamt leistet das Institut so einen entscheidenden Beitrag dazu, dass die Mechanismen der Besatzungszeit wissenschaftlich fundiert belegt bleiben und als wichtiger Teil des kollektiven Gedächtnisses im demokratischen Estland verankert sind.
Meine Tätigkeit
Da es bei meinem Praktikum am Eesti Mälu Instituut vor allem darum ging, Einblicke in die Arbeit eines außeruniversitären Forschungsinstitut zu erhalten, um für mich abzuklären, ob eine solche Arbeit zukünftig auch für mich in Frage käme, habe ich zu Beginn meines Praktikums mit der Praktikumsstelle vereinbart: Dass ich mir in den ersten zwei Wochen meines Praktikums einen Überblick über die Tätigkeiten und Arbeitsweisen des Instituts verschaffe, bevor ich vertiefend in eine Tätigkeit einsteige. In diesen ersten zwei Wochen habe ich dementsprechend viel Zeit damit verbracht, mir durch Lesen der wesentlichen Publikationen des Instituts einen Einblick in die Forschungsarbeit zu verschaffen. Dabei habe ich mich thematisch vor allem für die Zeit der NS-Okkupation und die unterschiedlichen Deportationswellen während der sowjetischen Okkupation interessiert.
Darüber hinaus interessierte mich die unterschiedlichen Datenbanksysteme des Instituts und ich habe an internen Meetings teilgenommen. Nachdem ich mir so einen guten Überblick über die unterschiedlichen Arbeiten des Instituts verschaffen konnte, hat mich der Researcher Aivar Niglas – mit dem ich von nun an am engsten zusammenarbeiten sollte – in das Datenbanksystem des estnischen Nationalarchivs, des Rahvus Arhiv, eingeführt. Sobald ich den Umgang mit der Datenbank ein wenig geübt hatte, habe ich zu Übungszwecken auch echte Archiv Dokumente bestellt. Um diese in Empfang nehmen zu können, ist Aivar mit mir in das wenige Straßen vom Institut gelegene Rahvus Arhiv gegangen, wo er mir den Lesesaal und die Arbeitsweise mit Archivdokumenten erklärte. In den darauffolgenden Tagen bin ich – wenn es die Zeit erlaubt hat – immer wieder ins Archiv gegangen, um den Umgang und das Recherchieren mit den Dokumenten weiter zu üben, wobei mir vor allem meine Russisch Kenntnisse sehr zugute kamen, da neben Estnisch ein Großteil der Dokumente entweder in russischer oder deutscher Sprache formuliert waren.
Nach den ersten zwei Praktikumswochen beherrsche ich die grundlegenden Arbeitstechniken des Instituts und ich wurde in meiner dritten Praktikumswoche konkret in die Arbeiten des Instituts mit eingebunden. Dabei bestand meine Hauptarbeit darin, in den estnischen, aber auch internationalen Archiven nach Fotomaterialien über die kommunistischen Bewegungen in Vietnam, Kambodscha und Nordkorea zu recherchieren. Hintergrund dieser Arbeit war die für 2027 geplante Eröffnung des vom Institut geplanten Paterei Museums. Bei diesem zukünftigen Museum handelt es sich um ein ehemaliges Tallinner Gefängnis, welches in der Zeit der ersten estnischen Republik gegründet wurde und im Verlauf der Geschichte sowohl von NS-Deutschland als auch von der Sowjetunion genutzt wurde, um Regimegegner zu internieren. Da das Museum neben der Geschichte des Gefängnisses auch die Aufarbeitung kommunistischen Terrors weltweit zum Ziel hat, sollten die von mir recherchierten Fotos vor allem der visuellen Veranschaulichung der Kommunistischen Bewegungen in den bereits genannten Ländern dienen. Das größte Problem bei dieser Arbeit war jedoch, historisch verwertbare Fotos in gegenwärtig zugänglichen Archiven aufzutreiben, die den finanziellen Rahmen des Projektes nicht überstiegen.
Neben der beschriebenen Fotorecherche bestand meine zweite Praktikumsaufgabe vor allem darin, kurze Aufsätze für das Communist Crimes Portal des Instituts zu schreiben. Dabei befasste ich mich vor allem damit, die Liste der Kurzbeschreibungen von Mahnmalen über den Kommunistischen Terror zu vervollständigen.
Neben den zwei bereits beschriebenen Tätigkeiten, unterstützte ich bei allen Aufgaben oder Projekten, bei denen meine Hilfe von Nöten war. Dazu zählte z.B. die Organisation und Durchführung von Buchvorstellungen der neu erschienenen Publikationen des Instituts, oder der Organisation von Gedenkveranstaltungen, wie z.B. der am 09. März stattfindenden Gedenkveranstaltung zur Bombardierung Tallinns durch die Sowjetunion, sowie die am 25. März stattfindende Veranstaltung zum Gedenken der Opfer der sowjetischen März Deportationen, welche im Jahr 1949 stattfanden.
Soziale und kulturelle Aktivitäten in Tallinn
Abseits meiner Tätigkeit in der Praktikumsstelle habe ich während meiner Zeit in Tallinn auch intensiv Gebrauch von dem guten Sprachkursangebot der Universität Tallinn gemacht, wobei ich an estnisch, russisch und englisch Sprachkursen und den dazugehörigen Sprach-Cafés teilgenommen habe. Besonders aufmerksam machen möchte ich an dieser Stelle auf die in der EU einmalig gute Gelegenheit die russische Sprache zu erlernen oder zu verbessern, da man abseits von den wirklich sehr guten Russischkursen der Universität Tallinn aufgrund des hohen Anteils an russischsprachigen Menschen, auch im Alltag die Möglichkeit hat das gelernte anzuwenden. Des Weiteren kann ich für die praktische Sprachanwendung der drei genannten Sprachen, aber auch für weitere Sprachen das Multilingual Sprach-Café empfehlen, welches jeden Freitag um 18:00 Uhr im Cafe Rukis in der Viru Straße stattfindet. Neben dem Sprachtraining ist die Teilnahme an den unterschiedlichen Sprach-Cafés aber auch eine gute Gelegenheit, andere Erasmus-Studierende kennenzulernen, was während eines Praktikums im Gegensatz zum Auslandssemester ja nicht so einfach ist. Wenn man jedoch den Wunsch hat, auch estnische Studierende kennenzulernen, empfiehlt sich definitiv ein Besuch beim Deutsch-Stammtisch im NoKu, welcher von der Germanistischen-Fakultät der Universität Tallinn organisiert wird und jeden Mittwoch um 19:30 Uhr im NoKu (einer Studentenbar in Tallinn) stattfindet.
Neben dem bereits beschriebenen großen Vorhandensein an sozialen und Bildungsangeboten ist Tallinn an sich aber auch einfach eine wunderschöne alte Stadt, die eine Vielzahl an kulturellen Einrichtungen wie Museen, Theater und Kirchen beherbergt. Dementsprechend habe ich am Wochenende gerne und oft Gebrauch gemacht, von dem guten Kulturangebot, was verstärkt aber auch damit zusammenhing, dass es in den ersten Wochen meines Aufenthalts noch sehr kalt war (-28 Grad) und die Sonne bereits um kurz nach drei Uhr unterging, weshalb ein gemütlicher Stadtrundgang oder ein Spaziergang an der Ostsee – auch aufgrund des vielen Schnees – keine langanhaltende Freude bereitete. Als das Wetter gegen Mitte März jedoch wärmer wurde und der Schnee zu schmelzen begann, konnte man auch wieder Outdooraktivitäten unternehmen. In diesem Sinne ist es auf jeden Fall empfehlenswert, sich auch andere estnische Städte anzusehen, oder sogar Städte im umliegenden Ausland zu besuchen, die aufgrund der geringen Größe von Estland in der Regel schnell zu erreichen sind. Zu empfehlen wäre in diesem Zusammenhang z.B. ein Tagesausflug in die estnische Universitätsstadt Tartu, ein Wochenendausflug nach Riga (mit dem preisgünstigen Busunternehmen LuxExpress) oder aber eine Fährfahrt zur finnischen Hauptstadt Helsinki, welche mit der Fährgesellschaft Tallink Silja Line bereits für einen Tagespreis von 50 Euro möglich ist. Insgesamt hat Tallinn somit ein reichhaltiges Kultur- und Tourismusangebot, das bei einem Aufenthalt in der estnischen Hauptstadt definitiv genutzt werden sollte.
Schluss
Abschließend kann ich sagen, dass ich ein Praktikum am Eesti Mälu Instituut und einen Aufenthalt in Tallinn definitiv empfehlen kann, wenn man sich für estnische Kultur und/oder Geschichte interessiert. Allerdings sollte man sich vorher gut überlegen, zu welcher Jahreszeit man ein solches Vorhaben durchführen möchte, da das kalte Wetter und die wenigen Sonnenstunden am Tag je nach Gemütszustand auch herausfordernd sein können, jedoch definitiv eine Erfahrung sind.




















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