Arbeitskämpfe weltweit

Die Ausbeutung von Arbeiter*innen gehört zum Kapitalismus wie die unsichtbare Hand des Martkes. Während sich im globalen Norden infolge hartnäckiger Arbeitskämpfe der  Standard einer 40-Stunden-Woche und relativ sicherer Arbeits-bedingungen zumindest weitgehend durchgesetzt hat, wurden viele Produktionsstätten in andere Teile der Welt verlegt. Das Ziel: Mehr Profit durch billigere Produktion. Aber Arbeitnehmer*innen organisieren sich weltweit und streiken überall für ihre Rechte.

Ohne Gewerkschaften nicht möglich:

Arbeitskämpfe und Streiks in Bangladesch

Alle paar Monate dasselbe: ein Lokführer*innen-Streik bei der Bahn. In den Kommentarspalten der Artikel, die dazu online veröffentlicht werden, empören sich Menschen, darüber dass die Streikenden einfach ihre Arbeit machen sollen. Den Lokführer*innen und Gewerkschaften wird die Schuld an den Zugausfällen zugeschoben. Auf den ersten Blick scheint das vielleicht logisch: Die Lokführer*innen sind nicht zur Arbeit erschienen, deshalb fahren keine Züge. Aber sie streiken nicht einfach aus Spaß und weil sie keine Lust auf Arbeit haben, sondern weil andere Verhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen nicht erfolgreich sind. Die Schuld für Streiks liegt also nicht bei den Beschäftigten, sondern bei den Arbeitgeber*innen. Die Bedeutung von Streiks scheint im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht klar zu sein, dabei sähe die heutige Arbeitswelt ohne Streiks und Gewerkschaften völlig anders aus.

Bereits in der Antike gab es Streiks. Den ersten bekannten Streik bestritten Arbeiter die Königsgräber in einem ägyptischen Dorf bauten – 1159 vor Christus. Ihnen wurden keine Lebensmittel mehr gegeben, also legten sie ihre Arbeit nieder. Im Mittelalter fanden die ersten bekannten Streiks in Europa statt, im Bergbau und in handwerklichen Berufen. Auch im 18. Jahrhundertstreikten viele Arbeiter*innen, allerdings unerfolgreich (Günther 2022).

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderten sich durch die Industrialisierung die Ursachen und Gründe für Streiks innerhalb Europas. Zuvor war der Grund häufig, dass die Unternehmen die Löhne schlicht nicht auszahlten. Nun ging es den Arbeitnehmer*innen um bessere Arbeitsbedingungen, denn eine Arbeitswoche dauerte 80 Stunden und die Löhne waren schlecht. Weiterhin endeten die meisten Streiks in Niederlagen. Dennoch verbreitete sich der  Streik als Protestform in Deutschland schnell: Über tausend Arbeitskämpfe mit 200.000 bis 300.000 Streikenden wurden bis in die 1870er-Jahre ausgetragen (Günther 2022). Bald stand fest: Arbeiter*innen brauchten eine gemeinsame Organisation, um ihre Forderungen besser durchsetzen zu können. Die Gewerkschaft.

All diese Kämpfe zeigen, wie wichtig, Gewerkschaften, Arbeiter*innen-Organisationen und Streiks in der Arbeitswelt sind. Denn auch wenn viele Streiks zur damaligen Zeit für sich genommen zwar mit Niederlagen endeten, haben sie unsere Arbeitswelt nachhaltig verändert. Die Standard-Wochenarbeitszeit hat sich im Globalen Norden seit dem 19. Jahrhundert halbiert von 80 auf heute 40 Arbeitsstunden. Dafür war nicht ein einzelner Streik oder Arbeitskampf verantwortlich, sondern die Menge an Kämpfen, die über lange Zeit in den verschiedensten Branchen geführt wurden. Hätten sich Arbeiter*innen nicht immer wieder organisiert und konstant für ihre Forderungen gekämpft, sähe es heute vermutlich anders aus.

 

Nur durch Streiks konnte der 8-Stunden-Tag erkämpft werden

In Deutschland mag das Bewusstsein für die Bedeutung von Streiks nicht mehr so präsent sein. Gewerkschaften haben bereits 1873 erst den 10- und dann den 8-Stunden-Tag erkämpft–  Erfolge, die wir heutzutage als völlig normal wahrnehmen (Günther 2022). An anderen Orten der Welt ist das nicht so. In Bangladesch zum Beispiel sehen die Arbeitsrealitäten der Menschen nochmal schlimmer aus als in Deutschland aus. Hier kämpfen Gewerkschaften um Menschenrechte.

Hier erlebten Gewerkschaften nach dem Gebäudeeinsturz des Rana Plazas im April 2013 viel Zuwachs und es gab viele Neugründungen. Viele Näherinnen traten nach der Katastrophe der National Garment Workers Federation (NGWF) bei, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpft. „Vorher hatten wir nicht einmal das Wochenende frei. Jetzt haben wir diese freien Tage bekommen“ erzählt Textilarbeiterin Sriti Akhtar dem Deutschen Gewerkschaftsbund 2014. „Mittlerweile gibt es sogar Urlaubsgeld oder Zahlungen im Krankheitsfall. Das alles haben wir durch die Gewerkschaftsarbeit erkämpft“ (Deutscher Gewerkschaftsbund 2014).

Doch Gewerkschaftsmitglieder leben gefährlich. 2014 wurden Betriebsrätinnen in einer Textilfabrik angegriffen. „Wir hatten eine Liste mit 16 Punkte zusammengestellt, die wir dem Management überreichen wollten. Da ging es darum, dass sie uns die Löhne pünktlich zahlen sollen, dass wir ein Recht auf Mutterschutz haben, dass wir Extrazahlungen zum Jahresende erhalten.“ berichtet Shima Akter dem Deutschlandfunk. „Aber statt zu verhandeln, schlossen die Vorarbeiter die Fabrik von innen einfach ab. Und dann begannen sie, uns zu verprügeln“  (Webermann 2015). Gewerkschafts-Gründung und -arbeit wird von den Fabrikbesitzer*innen also immer noch ungern gesehen und sogar gewaltsam unterdrückt.

Nach dem Rana Plaza-Einsturz erreichten Gewerkschaften in der Textilbranche recht schnell einen Mindestlohn von 50 Euro im Monat (Webermann 2015). Aber die Lage unterscheidet sich von Branche zu Branche: beispielsweise 150.000 Teepflücker*innen in Bangladesch zurzeit für eine Lohnerhöhung von umgerechnet 1,20 auf drei Euro pro Tag. 200 der 232 Betriebe werden bestreikt, bisher aber ohne Erfolg. Unternehmer*innen argumentieren, mit den gestiegenen Produktionskosten, wenn sie auf die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse angesprochen werden: Sie könnten sich bessere Arbeitsbedingungen nicht leisten. Bijoy Hajra, Zentralratsmitglied der Teearbeitergewerkschaft, sieht das kritisch: Zusagen für Lohnsteigerungen seien seit drei Jahren nicht umgesetzt worden, obwohl es Vereinbarungen mit den Plantagenbetreiber*innen für eine jährliche Anpassung gebe. Deshalb wird weiter gestreikt – bis sich etwas ändert (Berger 2022).

Gewerkschaften sind und bleiben zentral in der Interessenvertretung von Arbeit*innen. Dabei rücken zunehmend die Gewerkschaftskämpfe von Arbeiter*innen im Globalen Süden ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Belegschaften müssen gegenüber oft multinationalen, aus dem Globalen Norden stammenden Konzernen die grundlegendsten Arbeits- und Menschenrechte erkämpfen. Dass diese Arbeitskämpfe in asymmetrische Nord-Süd-Beziehungen eingebettet sind, ist ebenso wenig überraschend, wie dass Regierungen, Konsument*innen und Unternehmen des Globalen Nordens die Menschenrechtsverletzungen für billige Importe in Kauf nehmen. Diese Kämpfe verdienen mehr mediale Aufmerksamkeit, damit sie Erfolg haben und Konsequenzen für die Verantwortlichen nach sich ziehen.

Literatur
Berger, Thomas (2022): Widerstand gege Ausbeutung: Kampf für drei Euro pro Tag. Hg. v. Junge Welt. Online verfügbar unter https://www.jungewelt.de/artikel/432558.widerstand-gegen-ausbeutung-kampf-f%C3%BCr-drei-euro-pro-tag.html, zuletzt aktualisiert am 15.08.2022, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Bundeszentrale für politische Bildung (2018): Vor fünf Jahren: Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch eingestürzt. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/268127/vor-fuenf-jahren-textilfabrik-rana-plaza-in-bangladesch-eingestuerzt/, zuletzt aktualisiert am 23.04.2018, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Deutscher Gewerkschaftsbund (2014): Rana-Plaza-Katastrophe: Wie Gewerkschaften in Bangladesch den Näherinnen helfen. Hg. v. DGB. Online verfügbar unter https://www.dgb.de/themen/++co++ef258b4c-4d53-11e4-a894-52540023ef1a, zuletzt aktualisiert am 07.10.2014, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

dpa (2013): Nach Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch: Proteste gegen Arbeitsbedingungen eskalieren. Hg. v. Süddeutsche Zeitung. Online verfügbar unter https://www.sueddeutsche.de/panorama/nach-einsturz-der-textilfabrik-in-bangladesch-proteste-gegen-arbeitsbedingungen-eskalieren-1.1660083, zuletzt aktualisiert am 26.04.2013, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Gilman, Nils (2015): The New International Economic Order: A Reintroduction. In: Humanity: An International Journal of Human Rights, Humanitarianism, and Development 6 (1), : 1–16.

Günther, Carsten (2022): Gewerkschaften: Streik und Arbeitskampf. Hg. v. WDR. Online verfügbar unter https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/organisationen/gewerkschaften/gewerkschaften-streik-arbeitskampf-100.html#:~:text=Erste%20Arbeitsk%C3%A4mpfe%20im%20alten%20%C3%84gypten,-Die%20Geschichte%20der&text=Der%20erste%20bekannte%20Streik%20der,der%20K%C3%B6nige%20die%20K%C3%B6nigsgr%C3%A4ber%20bauten., zuletzt aktualisiert am 20.04.2022, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Institut für Menschenrechte (2022): Wirtschaft und Menschenrechte. Hg. v. Institut für Menschenrechte. Online verfügbar unter https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/wirtschaft-und-menschenrechte, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Kampagne für saubere Kleidung (2022): Über uns. Hg. v. Kampagne für saubere Kleidung. Online verfügbar unter https://saubere-kleidung.de/ueber-uns/, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Ver.di (2022): Schlupflöcher im EU-Lieferkettengesetz schließen, Petition unterzeichnen. Hg. v. Ver.di. Online verfügbar unter https://www.verdi.de/themen/internationales/initiative-lieferkettengesetz, zuletzt aktualisiert am 11.08.2022, zuletzt geprüft am 31.08.2022.

Webermann, Jürgen (2015): Textilindustrie in Bangladesch: Betriebsrätinnen leben gefährlich. Hg. v. Deutschlandfunk. Online verfügbar unter https://www.deutschlandfunk.de/textilindustrie-in-bangladesch-betriebsraetinnen-leben-100.html, zuletzt aktualisiert am 06.10.2015, zuletzt geprüft am 31.08.2022.