Prekarisierung der Hafenarbeit

In diesem Blogbeitrag soll versucht werden Hafenarbeit und die Veränderungen der Arbeitsbeziehungen in Bremischen Häfen zu beleuchten. Er soll als Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse dieser Themen aus dem Seminar über die Bremischen Häfen dienen. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf Entwicklungen gelegt, die das Leben der Arbeiter*innen veränderten und auch verschlechterten.

Das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital verschob sich in den letzten einhundert Jahren deutlich. Während Anfang des 20. Jahrhunderts die Inbetriebnahme der Roland Mühle am Fabrikhafen in Bremen, die Mehlproduktion im gesamten Bremischen Umland veränderte, sorgte beispielsweise auch die Containerisierung für eine extreme Veränderung der Lebensrealitäten der Hafenarbeiter*innen. Zwar entstanden viele neue Berufe rund um die Verviereckung des Stückguts zu ermöglichen, jedoch verschwand im Gegenzug dazu die Vielschichtigkeit der Hafenarbeit.

Prekarisierung – Konfliktlinien der Hafenarbeit

Die Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer hat in ihrem Dissertationsprojekt versucht die Verluste, Brüche und Kontinuitäten des Arbeitsplatzes Hafen zu analysieren. Sie spricht dabei auch von einer Raumveränderung des Hafens. Vor allem architektonisch. Ihre Arbeit beruht auf dem Hamburger Hafen, nur sind die Beschreibungen zur Veränderung der Architektur auch für Bremen passend. Wenn wir an die heutige Überseestadt denken, fallen uns auch Beispiele der baulichen Veränderung ein. Isabel Lüders schreibt in ihrem Blogbeitrag zu unserem Seminar „HafenCity vs. Überseestadt – Stadtplanerische Veränderungen von Hafenstädten“ beispielsweise über die Verfüllung des Überseehafens in den 1998er Jahren (Lüders 2020). Stadtbauliche Maßnahmen wurden eingeleitet, eine Straßenbahnlinie sorgt seit 2006 für weitere Anbindungen (Wirtschaftsförderung Bremen 2020b). In Bremen zeichnet sich die Überseestadt vor allen Dingen durch Maßnahmen aus, die das ehemalige Hafengelände als Wohnraum nutzbar machen sollte. Wie in Hamburg probiert außerdem Bremen in der jüngeren Vergangenheit im Eventmarketing Fuß zu fassen. Schemmer schreibt dazu, dass zudem beobachten sei, dass die Entwicklung der Eventisierung zeitgleich mit dem strukturellen Wandel der Hafenarbeit einherging und im Hafen somit sowohl ein Funktions- als auch ein Bedeutungswandel des Geländes stattfanden (Schemmer 2014).

Der Funktions- und Bedeutungswandel, der möglich wurde durch den Niedergang des Überseehafens rechts der Weser, der Beginn der 1990er Jahre sein Ende fand. Ein Ende, welches auch in Bremen mit der Einführung des Containers begann. Sebastian Möller schreibt in seinem Blogbeitrag über die Container Revolution, welche zur Arbeitsplatzvernichtung, Umstrukturierung des Hafens und parallellaufender Veränderungen für die Schifffahrt führte, dass im Zuge der Vergrößerung der Schiffe Bremerhaven eine Vorreiterrolle beim Ausbau des Hafens erlangte (Möller 2020). Die stadtbremischen Häfen waren aufgrund der mangelnden Tiefe der Weser langfristig nicht geeignet für den Containerumschlag im großen Stil (Schwerdtfeger 2014).

Neben architektonischen Veränderungen möchte ich aber auch noch auf emotionale Brüche im Alltag der Arbeiter*innen schauen. So spricht in einem Interview mit der bereits oben erwähnten Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer der Hafenarbeiter Philip Hidde vom Hafen als einen Ort, der Erfahrungs- und Handlungsraum der hier tätigen Arbeiter*innen war:

»Das war ja, was den Hafen so interessant gemacht hat, das war, ich will mal so sagen, die persönliche Lebensgestaltung im Kleinen. Das ist heute ja alles gar nicht mehr möglich. Es ist ja alles normiert. […] Und der Container, der ist viereckig, der hat einen bestimmten Rauminhalt und kann das Gewicht tragen. Und das sagt ja auch jeder, der früher hier gearbeitet hat.«

Täglich waren diese durch neue Herangehensweisen und Lösungsansätze für Lade- und Löschvorgänge von Waren und Gütern unterschiedlicher Art und Verpackung gefordert. Auch wenn hier Hamburger Arbeiter*innen zu Wort kommen, stehen die Interviews auch exemplarisch für die Situationen der Bremischen Hafenarbeiter*innen. Hier waren vor allem die Schauerleute betroffen. Einfache Hafenarbeiter*innen, die dafür sorgten, dass die Stückgutfrachter be- und entladen wurden. Ihre Arbeitsplätze wurden im Zuge der Containerisierung vernichtet. In Bremen reduzierte sich die Anzahl der Beschäftigten zwischen 1964 und 1977 von ca. 8.500 auf ca. 6.500, bei gleichzeitiger Verdopplung des Umschlags (Geffken 2015: 92). Neben dem Abbau von Arbeitsplätzen verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen (Geffken 2015: 92). Ab 1978 wurde auch in Deutschland gegen die Veränderungen im Hafen gestreikt (Geffken 2015: 94). Doch wurde die Beschleunigung des Warenverkehrs durch den Container und die damit verbundene Transportkostensenkung nicht durch die Streikenden gestoppt. Schauerleute wurden ersetzt. Der Begriff „Just-in-time“ hielt sprichwörtlich Einzug. Lange Wartezeiten an der Kaje wurden zur Seltenheit. Die Normung und Standarisierung des Containers sorgten für schnellere Umsetzungen im intermodalen Transport, also der Kombination von verschiedenen Verkehrsträgern (Straße, Schiene, Wasser, Luft).

Die Einführung des Containers sorgte aber auch für einen Eindruck der vormals freieren und selbstständigeren Arbeit im Vergleich zum heutigen Arbeitsalltag unter den Hafenarbeiter*innen. Die Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer greift in ihrer Dissertation die Frage auf, wie die Arbeiter*innen selbst ihren früheren Arbeitsort erinnern und mit Zuschreibungen von Hafenromantik durch Tourismus- oder Werbefachverbände umgehen (Schemmer 2010). Von emotionaler Bindung zur Arbeit ist in vielen Interviews zu lesen. So sagt beispielsweise der frühere Hafenarbeiter Wilhelm Wendtorff: „Der Hafen und Hamburg – das ist für mich eins. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Ort, an dem ich mich heimischer fühle“ (Hafenkultur e.V. 2012).

Der einsame Hafen

Die Veränderung und Prekarisierung der Hafenarbeit wurde von Arbeiter*innen erst im Laufe der Zeit bemerkt. Ein fundamentaler Wandel, der von den Arbeiter*innen selbst damals scheinbar nicht als solcher wahrgenommen wurde. Die Technik erschien reizvoll. So sagt der Hafenarbeiter Paul Wonner im Interview mit Janine Schemmer: „Dadurch, dass viel Handarbeit war, hat man auch immer in die Technik reingeguckt. Also das war immer so’n Interesse, dass man sagte: Ich möchte auch mal auf’m Kran sitzen“ (Schemmer 2010).

Die zeitliche Dimension wird in ihren Interviews auch deutlich. Der Einsatz der neuen Technologien organisierte die Arbeit im Hafen plötzlich straffer. Hafenarbeiter Theo Förster:

»Es war aber so im Nachhinein gesehen etwas langsamer, vertraulicher, gemütlicher sag ich mal. Als ein Beispiel: […] wenn Laden angesetzt war und es hat geregnet und es waren feuchtigkeitsempfindliche Produkte, dann wurde angedeckt, und zum Teil ham wir ein bis zwei Schichten nicht gearbeitet. Also es war alles etwas geruhsamer.«

Schemmer schreibt davon, dass der tiefgreifende Strukturwandel erst später von vielen Arbeiter*innen erkannt wurde. Philp Hidde spricht beispielsweise davon, dass er die Container anfangs noch selbst gepackt habe: „Aber dass das so unsere ehemalige Arbeit verdrängen würde, die allgemeine Hafenarbeit so verdrängen würde, das hat keiner so schnell gesehen“ (Schemmer 2010).

Die Technisierung wird häufig als ein fast unsichtbarer, schleichender Prozess beschrieben. Der Umbruch kann folglich als andauernder Bestandteil des Lebens- und Arbeitsalltags der Hafenarbeiter gedeutet werden. Ein Prozess, der in Bremen und anderen Hafenstädten auch immer einer der Verringerung der Arbeitsplätze war und damit einer – um bei der gern romantisierten Vorstellung von Hafen zu bleiben – der Vereinsamung. Ähnlich wie Janine Schemmer wäre es spannend zu fragen, wie sich die Veränderungen der Bremischen Häfen auf die hiesigen Hafenarbeiter*innen genauer auswirkte und auswirkt.

Literaturverzeichnis:

  • Geffken, Rolf (2015): Arbeit und Arbeitskampf im Hafen. Zur Geschichte der Hafenarbeit und der Hafengewerkschaft. Bremen: Edition Falkenberg.
  • Hafenkultur e.V. (2012): Hafenarbeiter – Hafensenior über den Beruf des Hafenarbeiters. In: Kleines Lexikon der Hafenberufe. Text abrufbar unter: https://www.hafenkultur.eu/wp-content/uploads/2014/07/Hafenarbeiter.pdf (letzter Zugriff 01.08.2020).
  • Lüders, Isabel (2020): Hafencity vs. Überseestadt – Stadtplanerische Veränderungen von Hafenstädten. In: Die Bremischen Häfen in der Globalen Politischen Ökonomie. Text abrufbar unter: https://blogs.uni-bremen.de/hafenblog/2020/06/20/hafencity-vs-ueberseestadt-stadtplanerische-veraenderungen-von-hafenstaedten/ (letzter Zugriff 02.08.2020).
  • Nuhn, Helmut (2010): Containerisierung und Globalisierung – Restrukturierung der maritimen Logistikkette. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 54(1).
  • Schemmer, Janine (2018): Hafenarbeit erzählen. Erfahrungs- und Handlungsräume im Hamburger Hafen seit 1950. München/Hamburg: Dölling und Galitz.
  • Schemmer, Janine (2010): Schicht(en)wechsel – Eine empirische Untersuchung zum Umbruch der Arbeitswelt im Hamburger Hafen. In: VOKUS. Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Schriften 20 (1), S. 15.30.
  • Schwerdtfeger, Hartmut (2014): Bremer Häfen in der Nachkriegszeit. Von 1960 bis ins 21. Jahrhundert. In: In: Roder, Hartmut/Schwerdtfeger, Hartmut (Hrsg.): Die Zukunft der Bremischen Häfen. Rasch Verlag, S. 24-30.
  • Turnbull, Peter J./ Wass, Victoria J. (2020): Defending Dock Workers – Globalization and Labor Relations in the World’s Ports. In: Industrial Relations: A Journal of Economy and Society, 46 (3), 582-612.
  • Wirtschaftsförderung Bremen (2020b): Meilensteine der Entwicklung. Die Überseestadt hat Fahrt aufgenommen. Bremen. Text abrufbar unter: https://www.ueberseestadt-bremen.de/de/page/projekte-entwicklung/meilensteine-entwicklung (Zugriff am 29.07.2020).

Ein Gedanke zu „Prekarisierung der Hafenarbeit

  1. Tatsächlich stellen wir uns ja Umbrüche der Arbeitswelt durch technologische Innovationen manchmal als radikale und unmittelbar erlebbare Einschnitte in die Arbeitswelt vor (nicht nur bei der Hafenarbeit, sondern auch in anderen Bereichen). Dieser Beitrag zeigt ganz gut, dass die Beteiligten solche Veränderungen oft eher als graduell oder schleichend wahrnehmen.

    Interviews mit (ehemaligen und aktiven) Bremer Hafenarbeiter*innen dazu wären wirklich ein spannendes nächstes Projekt!

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