Glaubenssätze über Glaubenssätze bearbeiten

Am 13.9.2019 fand der 10. Experimentierworkshop zu Aufstellungen an der Universität Bremen statt. Zusammen mit 20 Teilnehmer/innen aus vielen verschiedenen Kontexten gestalten wir in diesen Experimentierworkshops gemeinsame Räume des Miteinander-Ausprobieren, des gemeinsamen Reflektierens und des Findes neuer Bilder durch Aufstellungen. In unseren #Erkundungsaufstellungen suchen wir das Andere, das Neue und reflektieren es gleich mit unseren Wissensbeständen und Erfahrungen aus den verschiedenen Kontexten, aus denen wir kommen. Dabei stellt sich immer wieder heraus, dass die Fähigkeit sehr unterschiedlich ist, die Aufstellungsbilder zu deuten und die sich darin zeigende Komplexität zu sehen. Aber der wertschätzende Raum, den wir gemeinsam zwischen Wissenschaft und Praxis aufmachen, führt fast alle immer wieder in die Bereitschaft, die #Komplexitätliebenlernen. Wie sieht das genau aus?

Lassen wir uns in unseren Glaubenssätzen über Glaubenssätze irritieren? Die meisten Berater/innen arbeiten mit dem Glaubenssatz, dass förderliche Glaubenssätze eine Eigenschaft haben, uns wachsen zu lassen – sonst würden sie auch nicht so heißen. Und ein weiterer Glaubenssatz lautet, dass auch Organisationen Glaubenssätze habe. Lässt sich das Konzept der Glaubenssätze einfach vom Menschen auf Organisationen übertragen? Wir haben dazu eine Aufstellung gemacht, in der wir auf dem Boden vier Felder markiert haben: das Feld der realen Glaubenssätze in ihrer Mischung aus fördernden und hemmenden Glaubenssätze, wie wir sie im Alltag mit uns herumtragen; das Feld der reinen fördernden Glaubenssätze; das Feld der reinen hemmenden Glaubenssätze; das Feld ohne jegliche Glaubenssätze. Die Aufstellung haben wir doppelt verdeckt durchgeführt, die beiden Stellvertreter/innen wussten nicht, um was es geht und wen sie repräsentierten.

Der eine Stellvertreter repräsentierte das Individuum, die andere Stellvertreterin repräsentierte die Institution.  Beide haben wir gebeten, nacheinander die Felder zu besuchen und ihre Wahrnehmung zuschildern. Was haben sie uns berichtet? Das Inviduum konnte sehr schnell feststellen, dass das Feld der fördernden Glaubenssätze sehr angenehm war, das Feld der hemmenden Glaubenssätze sehr schwer auszuhalten war und das Feld ohne Glaubenssätze einen deutlichen Druck auf der Brust bewirkte – es war nicht so angenehm auszuhalten. Die Institution konnte sich frei über alle Felder bewegen, nahm keine signifikanten Unterschiede wahr und fand tatsächlich das Feld ohne Glaubenssätze als potenzialorientiert. Hier konnte sie sich entwickeln. Und wenn beide Stellvertreter/innen gemeinsam im Bild unterwegs waren, kamen sie nicht auf die Idee, sich gemeinsam in einem Feld aufzuhalten. Sie suchten eher polare Positionen: wenn das Individuum im Feld der fördernden Glaubenssätze stand, blieb die Institution im Feld der hemmenden Glaubensätze und umgekehrt. Es entstand der Eindruck, als wenn Menschen mit hemmenden Glaubensssätzen sich von Institutionen lenken lassen, Menschen mit fördernden Glaubenssätzen sich weniger von Institutionen lenken ließen. Das ist vielleicht keine neue Hypothese, aber eine plausible.

Irritationen führen dazu, dass ich Glaubenssätze ändern können. Und die Aufstellung zeigte das Bild, dass Institutionen nicht gut unterscheiden konnten zwischen hemmenden und fördernden Glaubenssätzen.  Die Institution huschte über die Felder und fühlte sich energetisiert durch die Unterschiede, die sie aber nicht beschreiben konnten. Was erzeugt diese Energie? Vielleicht arbeitet die Institutionslogik, nämlich Zwecke durch koordinierendes Verhalten von Menschen zu erreichen, mit einer Polarität? Und in dem Moment, in dem sich die verschiedenen Kräfte neutralisieren und ein Raum ohne Glaubenssätze entsteht, ist Entwicklung möglich. Nachdem die Stellvertreterin für die Institution sich im Raum ohne Glaubenssätze entwickeln konnte, bekam sie einen größeren Blick auf das Ganze. Sie nannte es einen Zustand der intensiven Liebe.  Und schon waren wir wieder von einer Situation umgeben, in der Komplexität und Liebe auf einer Bühne zusammen standen. Vielleicht es ja wirklich der richtige Weg: #Komplexitätliebenlernen

Komplexität annehmen lernen durch Systemaufstellungen

Wir haben in den letzten Tagen das #MC-Fortbildungsseminar zur Aufstellungsleitung# durchgeführt mit dem Titel: Mit Aufstellungen Systeme lesen und verändern lernen. Die 18 Teilnehmenden haben gemeinsam eine Erkenntnis geschaffen, die ich gerne so umschreiben möchte: die Komplexität schwieriger Situationen annehmen lernen, ist die Grundvoraussetzung für Veränderung. Das klingt nicht neu und aus der Perspektive der systemische Beratung und des systemischen Coaching ist es auch nicht neu. Hier ist schon länger bekannt, dass es wichtig ist, eine Situation in ihrer zumeist sehr unangenehmen Erscheinungsform erst einmal anzunehmen, bevor sie bewältigt werden kann. Interessant ist es die Frage, welche Haltung dieses Annehmen ersetzen soll – also was tun wir, wenn wir nicht erst eine Situation annehmen. Wir wollen sie direkt ändern und das heißt, wir gehen in den Problem-Lösungsmodus und einigen uns auf eine Problembeschreibung. Dann führen wir mithilfe einer Aufstellung eine Lösung herbei, was letztlich voraussetzt, dass wir eine gute Hypothese haben, wie Problem und Lösung verknüpft sind. Fakt bei diesem Vorgehen ist, dass diese Hypothese immer die Hypothese des Aufstellungsleiters oder der -leiterin bleibt – genauso wie es die Hypothese der Ärzt/innen bleibt, wie eine Therapie mit dem Symptom verbunden ist. Wir können das annehmen, müssen es aber nicht. Und vielleicht tun wir es auch seltener als wir es unserem Umfeld erzählen.

Wenn wir ein System in einer Aufstellung lesen ohne eine Problemstruktur darüber zu legen, dann gibt es den Systembeteiligten die Möglichkeit, aus dem kraftvollen dreidimensionalen Bild der Aufstellung heraus selbst zu entscheiden, welche Sequenz, welche Positionierung, welchen Selbstausdruck er oder sie als Problem definieren möchte. Diese Entscheidung führt dann zum eigenen Problem, zu dem ich mich selbst entschieden habe. Manchmal braucht es noch ein wenig Hilfe der Aufstellungsleitung, aus den vielen Informationen einer Aufstellung den Möglichkeitsraum von Problemen zu erkennen. Nicht umsonst gibt es das Bonmot: Wenn ihr mir das als Lösung präsentiert, dann möchte ich mein Problem zurück!

Was also ist wirklich Neues durch das Seminar entstanden? Den Unterschied zwischen einer #Erkundungsaufstellung# und einer Problemlösungsaufstellungen konnten wir in dem Moment tiefgehend aufnehmen, in dem wir den Impuls unterdrückt haben, in einer Aufstellung eine Heilung oder eine Lösung herbeizuführen. Diesen Impuls zu unterdrücken, ist eine große Herausforderung für Berater/innen und Coaches, die sich innerlich auf ihre Kompetenz fokussiert haben, Lösungen herbeizuführen oder zu ermöglichen.

Wir nehmen die Komplexität unserer Lebenssituation an, wenn wir ein System in einer Aufstellung mit manchmal bis zu 20 Stellvertreter/innen sichtbar gemacht haben, dieses „Big Picture“ wirken lassen und dann ganz bewusst mit dem Impuls umgehen, die Lebenssituation eines der Elemente verbesser zu wollen. Dieser Impuls versteckt sich fast immer in der Frage: Was braucht xy, um …..?

Was haben künstliche Intelligenz und Systemaufstellungen gemeinsam?

Seit einigen Jahren arbeiten wir mit Systemaufstellungen in Forschung und Lehre, weil mir fasziniert davon sind, welche Bilder und Informationen sich ergeben, wenn wir auf die Funktionsfähigkeit der repräsentierenden Wahrnehmung vertrauen. Gerade in doppelt verdeckten Aufstellungen zeigt sich immer wieder eine völlig neue Perspektive auf ein System, wenn Menschen Informationen wahrnehmen können ohne sie durch den Filter ihrer mentalen Karten zu schicken. Irgendwie ist das ja auch die Hoffnung über künstlicher Intelligenz: Es entstehen Informationen, die nicht gefärbt und sortiert sind durch die mentalen Karten von Menschen; diese mentalen Karten selbst von Expert/innen sind bei zunehmender Komplexität nicht mehr leistungsfähig genug, große Datenmengen zu sortieren und auszuwerten oder neue Muster in den Daten zu erkennen. Deshalb hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Jahr 2019  zum Wissenschaftsjahr Künstliche Intelligenz gemacht. Das Wissenschaftsschiff des BMFB lag gerade über Pfingsten hier in Bremen und wir haben uns die Aufstellung zum Thema angesehen. In einer Posterkampagne fragt das BMBF provozierend: Wo kommen wir denn dahin, wenn Maschinen (gesteuert durch künstliche Intelligenz ist hinzuzufügen) Forschungsfragen beantworten?  Und so waren wir direkt angeregt, die Frage zu erweiteren: Und wo kommen wir hin, wenn Systemaufstellungen Forschungsfragen beantworten? Vielleicht zu ganz neuen Erkenntnissen?

Während künstliche Intelligenz für uns Erkennungs-, Sortierungs- und Einordnungsaufgaben übernimmt und besonders gut mit großen Datenmengen umgehen kann, kann die intuitive Intelligenz in Systemaufstellungen etwas ganz anderes: Aus dem scheinbaren Nichts des Informationsfeldes Wissen mitteilen, welches uns irritieren kann, mentale Karten aufbrechen lässt und neue Perspektiven auf Systeme ermöglicht, die überraschend und überaus nützlich sind. Beide Intelligenzen helfen uns, Komplexität zu bewältigen und neue Erkenntnisse zu schaffen: die künstliche in ihrer Fähigkeit, große Datenmengen zu verarbeiten , die intuitive in ihrer Fähigkeit, Denkmuster anzureichern und Kreativität zu locken. Und beide Intelligenzen setzen für ihre Anwendung voraus, dass wir akzeptieren genau zu wissen, wie sie funktionieren: hier die neuronalen Netze, dort die repräsentierende Wahrnehmung. Nutzen wir sie trotzdem, um zu lernen, Komplexität zu lieben.

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