Auswertung von Aufstellungen mit Struktur: ein Weg zur Umgehung des Selbstbestätigungsdrangs?

Bislang standen in unseren Fortbildungen zur Aufstellungsleitung im Vordergrund, Aufstellungen zu konzipieren und durchzuführen. Das schnelle Gespräch über die Erkenntnisse war am Ende meistens möglich und schon ging es zur nächsten Aufstellung. Das Bedürfnis der Gruppe wuchs, sich einmal intensiver mit den Ergebnissen einer Aufstellung zu befassen. Unter Auswertung verstehe ich, aus einem Datenraum wertvolle Informationen zu holen. Der Datenraum, der durch eine Aufstellung entsteht, ist zumeist sehr voll: 90min Positionen und das dazu gesprochene Wort schaffen noch einmal mehr Daten als ein Gruppeninterview. Dies liegt unter anderen daran, dass Aufstellungen ein polykontexturales szenisches Interview eines Systems sind, in denen wir etwas über jedes Element und seine Beziehungen in verschiedenen Kontexten erfahren können. Die vielen Daten wirken nicht nur auf Ungeübte etwas erschlagend und eine gängige Reaktion ist es, sich aus der Aufstellung das herauszusuchen, was die eigene Vorannahme eher bestätigt als widerlegt. Der Selbstbestätigungsdrang von uns Menschen ist unglaublich hoch, auch bei Expert:innen.

Strukturierte Auswertungen müssen daher vor allem eines leisten: einen Weg anbieten, der den Selbstbestätigungsdrang umgehen kann und die Beobachtenden an einen Punkt führt, von dem aus sie nicht nur das sehen, was sie immer sehen. Die Umgehung des Selbstbestätigungsdrangs führt durch den Raum der Beschreibung: Lange und intensiv die Aufstellung wiedergeben, ohne den Daten eine Interpretation oder eine Bewertung hinzuzufügen. Der Beschreibungsraum ist anfänglich ungemütlich, weil es gar nicht so einfach ist, die eigenen impliziten Bewertungen draußen zu lassen. Wenn wir als Systembild beispielsweise eine Konstellation haben, in der die angefragten Elemente sich im Spannungsfeld von Nähe und Distanz in der Nachcoronazeit rund um den Pol Distanz scharen, dann schickt die mentale Karte ganz schnell die Informationen: menschliche Distanz ist schlecht, Nähe ist wünschenswert und durch Corona entfernen sich die Menschen voneinander. Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch oder eine Gruppe sich erst einmal durch diese Bewertung hindurcharbeiten müssen, um dann zu weitergehenden Reflexionen über die Bedeutung von Distanz zu kommen. Bewertungen gar nicht erst in den Beschreibungsraum zu lassen, hält den Blick auf die Daten weiter und neugieriger. Schnelle Hypothesen und Bewertungen engen den Blick drastisch ein und befriedigen vor allem den Selbstbestätigungsdrang.

In der qualitativen Sozialforschung gibt es zahlreiche Hinweise und Vorgehensweise für ein methodisches Auswerten von qualitativen Daten. Gleichwohl thematisiert die Wissenschaft den Selbstbestätigungsdrang in ihren Auswertungsprozessen eher selten. Dabei schlägt der Selbstbestätigungsdrang noch einmal zu, wenn es darum geht, aufbereitete Daten, beispielsweise durch eine Transkription in einer #Aufstellungspartitur, zu verdichten und Kernsätze, Schlüsselpositionen und Metaphern auszuwählen, die relevant sein können. Entscheiden heißt nicht nur zu verzichten auf einen großen Teil der Daten, es heißt auch, erkenntnisreiche Daten auszuwählen. In diesen Auswahlprozess, der von Auswertenden in einem unbewussten Modus gemacht wird, setzt sich häufig der Selbstbestätigungsdrang und implizite Intentionen durch, die von Glaubenssätzen gesteuert werden. Nicht viel anders selektieren wir im Alltag auch aus der Vielfalt der Informationen diejenigen aus, die wir als nützlich erachten.

Auswertende in einem bewussten Modus klären zuerst ihre wahrnehmungslenkenden Intentionen und gehen in eine erkundende Haltung, die vor allem eines leichter macht: eine Beobachtung als relevant und neu zu erkennen, die an sich irritierend ist, weil die eigene mentale Karte dafür keinen Platz hat. Genau an dieser Stelle liegt dann der Vorteil einer Auswertung in der Gruppe. Bevor das individuelle Gehirn die Möglichkeit hat, in den Ja-aber-Modus zu gehen und eine Irritation durch bekannte Deutungen zu kontrollieren, können andere Gruppenmitglieder diese irritierende Information aufnehmen und im Ja-und-Modus stabilisieren und weiterdenken. Eine Gruppe, deren Mitglieder im Ja-und-Modus denken kann, ist in der Lage, Irritationen einen Raum zu geben und sie solange festzuhalten, bis Geistesblitze weitere Informationen senden. Genauso entsteht eine kokreative Energie und die Gruppe erzeugt Lernprozesse der Beteiligten, die ihnen eine dichtere und zugleich geschmeidigere mentalen Karte zeichnet.

Diese und weitere Erfahrungen haben die Teilnehmenden des online-Fortbildungsseminar zur Auswertung von Aufstellungen vom 18. bis 20. Juni 2020 gemacht. Die Zeit war insgesamt zu kurz, um in den wittgensteinschen Modus  zu kommen: Schaue, ohne  zu denken! Oder wie es Otto Scharmer ausdrückt: Beobachte, beobachte, beobachte! Ziel des Semiars war es, den Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, im Tun zu erkennen, dass wir im unbewussten Modus immer uns selbst auswerten. Eine weitere Erkenntnis stellte sich dann durch die Gruppe selbst ein, als sie eine Waldorfschule und einen Übergabeprozess einen kleinen Unternehmens in einer Aufstellung erkundete: Beide Systeme wiesen viele „Baustellen“ auf, viel mehr als zu bearbeiten möglich wäre. Und doch funktionieren die Systeme. Der Hinweis kam aus der Aufstellung selbst: Es müssen nicht alle Baustellen  bearbeitet werden, um weitere Entwicklungsschritte zu ermöglichen. Sie zu sehen und zu akzeptieren reicht aus, ganz im Sinne einer systemischen Haltung: Anerkennen, was ist! Leben als eine Ansammlung von offenen Baustellen.

Zurück zum Thema Struktur! Es war vielleicht die Kombination der festen Zeitstruktur, die ein ZOOM-Meeting verlangt, mit dem Strukturvorschlag für Auswertungsprozesse von Aufstellungen (siehe Bild  zum Blog), der zu erstaunlicher Fokussierung auf die Erkenntnisprozesse führte. In nachvollziehbaren Ordnungen arbeiten, befreit vielleicht das Gehirn von der Last, erst eigene Ordnungsmuster suchen und mit den anderen Gruppenmitgliedern abgleichen zu müssen. Auf jeden Fall haben die Teilnehmenden in der Feedbackrunde immer wieder betont, wieviel Sicherheit und Gelassenheit ein Ordnungsangebot für einen komplexen Prozess vermitteln kann. Gleichwohl gilt auch hierfür das Motto: Es könnte auch ganz anders sein!

 

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