Mit „Spuck Schnecken“, 100 Klößen und Ned Stark durch die Studieneingangsphase: Forschend lernen mit KinderundJugendmedien.de

von Stefanie Jakobi

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Wie lässt sich forschendes Lernen in die Lehramtsausbildung für das Fach Deutsch integrieren? Wie lassen sich literaturwissenschaftliche Inhalte, wie lässt sich Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft zeitgemäß und den Ansprüchen einer heterogenen Studierendenschaft angemessen vermitteln? Für diese Fragen wurden am Arbeitsbereich Kinder- und Jugendmedien unter der Projektleitung von Dr. Tobias Kurwinkel Antworten gefunden. Zusammengeführt wurden diese im ForstA-Projekt „Forschend lernen mit KinderundJugendmedien.de im Fach Deutsch des BA BIPEB (Bildungswissenschaften des Primar- und Elementarbereichs)“.

Abbildung 1: Logo Kinderundjugendmedien.de

I Ausgangssituation
I.I Modulstruktur

Die Beschäftigung mit dem Gegenstand Kinder- und Jugendliteratur im Bachelorstudiengang Bildungswissenschaften des Primar- und Elementarbereichs verteilt sich über drei Module im ersten, zweiten und dritten Studienjahr. Im ersten Semester besuchen die Studierenden im Fach Deutsch eine Einführungsveranstaltung in die deutsche Literaturwissenschaft im Modul GR1. Im Fokus dieser Veranstaltung stehen grundlegende Arbeitstechniken, Methoden und Terminologien der literaturwissenschaftlichen Theorie und Praxis. Im dritten Semester wird auf dieses Wissen in den Modulen GR3 und GR3k zurückgegriffen, wobei die literaturwissenschaftliche Methodik und Analysepraxis am Beispiel der Kinder- und Jugendmedien die Schwerpunkte dieser Veranstaltungen bilden. Im 6. Semester schließlich belegen die Studierenden zwei professionsbezogene Vertiefungsseminare
im Modul GR5.

I.II Herausforderungen und Schwierigkeiten

Aus der beschriebenen Struktur und der inhaltlichen Ausrichtung der Veranstaltungen in den einzelnen Modulen ergaben sich verschiedene Herausforderungen, die im Rahmen des ForstA-Projekts adressiert werden sollten.

Als erste Herausforderung können zunächst die umfangreichen und komplexen Lerninhalte der o.g. Einführungsveranstaltung verstanden werden: Behandelt werden die Rhetorik inklusive einer Bearbeitung der verschiedenen Figuren und Tropen und ebenso die Geschichte, Begriffe und Methoden der drei Großgattungen Epik, Lyrik und Dramatik. Konzipiert sind die Einführungsveranstaltungen als Präsenzveranstaltungen, die aufgrund der hohen Studierendenzahlen Vorlesungscharakter besitzen und somit durch Frontalunterricht geprägt sind (vgl. ForstA-Konzept FB 10 2013: 2). Fraglich war vor Projektbeginn, inwiefern diese Vermittlungsform in Anbetracht der Studienrealität tatsächlich wahrgenommen wird. Das GR1-Modul lässt sich infolgedessen in das „Grundproblem der Studieneingangsphase“ (ebd.) einordnen, das darin besteht, dass

„relativ große Gruppen von StudienanfängerInnen nicht nur in die jeweilige Disziplin oder Teildisziplin einzuführen, sondern auch mit den im engeren Sinne wissenschaftlichen Gegenständen, Fragestellungen, Verfahrensweisen und Methoden […] im Sinne von wissenschaftlicher Forschung so weit vertraut zu machen, dass ihr eigenes Studium auch auf diese Forschungsaktivitäten hin ausgerichtet werden kann (und so eine Identifikation mit der jeweiligen Wissenschaft befördert wird).“ (ebd.)

Diese Problematik wird in die weiteren Module hineingetragen. So sollen diese zum einen die Studierenden in das wissenschaftliche Arbeiten einführen und ihnen zum anderen Raum für eigenständiges Forschen bieten. Auf diese Zielsetzung hin sind auch die den Modulen zugehörigen Prüfungsleistungen ausgerichtet. Die eigenständige Entwicklung einer Forschungsfrage und das wissenschaftliche Bearbeiten dieser sind für die Studierenden jedoch häufig mit Schwierigkeiten verbunden.

In diesem Themenkomplex war das beschriebene ForstA-Projekt verortet, um einen Beitrag zur Überwindung der als Grundproblem benannten Herausforderung zu leisten.
Gleichzeitig sollte das Projekt jedoch auch den Gedanken des forschenden Lernens in das Teilcurriculum des benannten Studiengangs implementieren.

II Durchführung
II.I Das virtuelle Fachlexikon auf Kinderund-Jugendmedien.de

Die Entwicklung eines virtuellen literaturwissenschaftlichen Fachlexikons, das auf KinderundJugendmedien.de den Studierenden zur Verfügung gestellt wird, stand im Fokus der ersten Projektphase. Das Projekt konnte mit dem Portal bereits auf eine etablierte Plattform zurückgreifen. So stellt KinderundJugendmedien.de das größte fachwissenschaftliche Internetportal im Bereich Kinder- und Jugendmedien im deutschsprachigen Raum dar. Zudem eignet es sich aufgrund seiner Positionierung
an der Schnittstelle von Forschung und Lehre für die Einbindung in das ForstA-Projekt.

Die Konzeption des Fachlexikons orientierte sich an den Inhalten der Einführungsveranstaltung, wobei diese unter Rückgriff auf einschlägige literaturwissenschaftliche Lexika und Einführungsbände erweitert wurden. Das
Alleinstellungsmerkmal des Lexikons ist jedoch der Fokus auf den Gegenstand selbst – so werden die einzelnen Begriffe und Terminologien ausschließlich mit Beispielen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedien erklärt: Unter dem Beitrag Alliteration hält Ronald Weasleys so misslungener Fluch „Schluck Schnecken“ (Columbus 2002) Einzug in das Lexikon, die Ballade wird anhand Erich Kästners „Die Sache mit den Klößen“ erklärt und für die dramatische Fallhöhe wird als Beispiel Ned Stark aus George R. R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ herangezogen. Da im Rahmen der einzelnen Beiträge auch Illustrationen, filmische Ausschnitte und andere audiovisuelle Materialien eingesetzt werden, wird zum einem dem transmedialen Anspruch des Portals Rechnung getragen. Zum anderen werden damit bewusst die Möglichkeiten eines virtuellen Lexikons genutzt.

In Form des Blended Learning wurden die einzelnen Beiträge wiederum in die Einführungsveranstaltungen eingebunden. Für die Studierenden bietet das Lexikon somit einen gemeinsamen Wissenshorizont, den sie zeitund ortsunabhängig für ihr eigenes Lernen nutzen können. Die hohen Zugriffszahlen zeugen davon, wie häufig auf das heute vollständige Lexikon zurückgegriffen wird.

Dies gilt umso mehr, da das Lexikon auch in weiterführenden und aufbauenden Lehrveranstaltungen verwendet wird. So werden einzelne Artikel des Lexikons erneut in Form des Blended Learning in den Veranstaltungen thematisiert, um das gemeinsame Wissensfundament sicherzustellen und zu vertiefen. Aufbauend auf diesem können sich die Studierenden in ausgewählten Veranstaltungen des Moduls im Rahmen des „forschenden Lernens“ mit Kinder- und Jugendmedien auseinandersetzen.

II.II „Forschendes Studieren“: Vom Studieren, Forschen und Publizieren

Als wesentliche Grundpfeiler des „forschenden Lernens“ im Rahmen des Projekts lassen sich insbesondere die durchgeführten Seminare zur Literatur- und Filmkritik nennen. So steht in diesen zunächst die Entwicklung eines eigenen methodischen und analytischen Zugangs zu narrativen Medien im Mittelpunkt. Thematisiert und diskutiert werden in diesem Zusammenhang auch Kriterien der ästhetischen Wertung. Um diese Auseinandersetzung partizipativ, aktiv und kollaborativ zu gestalten, erarbeiten die
Studierenden als mögliche Prüfungsleistung wissenschaftliche Kritiken zu Werken aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur und der Kinder- und Jugendmedien. Unterstützt wird die Arbeit durch das Content Management System des Internetportals. Folglich vollzieht sich die Arbeit als Web Based Collaboration, wobei die einzelnen Studierenden ihre Texte gemeinsam schreiben, korrigieren und lektorieren. Über den Aspekt der Web Based Collaboration wird den Studierenden erneut die Möglichkeit gegeben, zeit- und ortsunabhängig zu arbeiten. Darüber hinaus ermöglicht das
webbasierte Arbeiten den Studierenden, die verschiedenen entstehenden Texte einzusehen und ggf. zu kommentieren.

Nach Abschluss des Schreib- und Überarbeitungsprozesses können die Studierenden ihre eigenen Arbeiten digital auf KinderundJugendmedien.de publizieren und somit aktiv am Forschungs- und Publikationsdiskurs teilnehmen. Verstanden wird diese Veröffentlichungsmöglichkeit nicht allein als ein weiteres Element im forschenden Studieren sondern auch als „’aktivierende’ Lehrmethode“ (Antrag Universität Bremen 2011: 8), die dezidiert dazu beiträgt, die Identifikation der Studierenden mit den Inhalten
ihres Studiums zu erhöhen (vgl. ebd.). Die Möglichkeit, die eigene Forschungsarbeit
bereits in der Studieneingangsphase einer breiteren Öffentlichkeit als dem Postfach des
Dozierenden oder der eigenen Schreibtischschublade zugänglich zu machen, kann nicht
nur als motivationssteigernd verstanden werden, sondern reiht sich in zahlreiche ähnliche
Initiativen ein (studentische Magazine, studentische Vortragsreihen etc.). Sie erhält im hier
beschriebenen Projekt jedoch curriculare Einbindung und Aufwertung.

Auch in den anderen Seminaren des GR3- und GR3k-Moduls wird ein stärkerer anwendungsorientierter Fokus gesetzt bzw. den Studierenden die Arbeit in Gruppen ermöglicht. Zudem wurden gerade im Hinblick auf den fachbereichsübergreifenden
Charakter der Lehramtsausbildung auch Formen des interdisziplinären Wissenstransfers geschaffen. Als Beispiel lassen sich an dieser Stelle die Seminare zum Kinderhörspiel benennen, in denen die Studierenden als Prüfungsleistung ein eigenes Hörspiel
produzieren und so die im Kontext des Seminars vermittelten theoretischen Erkenntnisse
praktisch umsetzen können. Zusätzlich zu der gemeinsam in Kleingruppen vollzogenen
Hörspielproduktion erarbeiten die Studierenden eigenständig und individuell eine kurze
Forschungsarbeit. Diese dient nicht allein dem Erlernen der Kompetenzen des wissenschaftlichen Arbeitens, sondern vor allen Dingen auch der erneuten theoretischen Reflexion der eigenen Lernergebnisse. Zirkulär und in einem Wechselspiel aus Theorie und praktischer Umsetzung können sich die Studierenden somit dem Gegenstand „Hörspiel“ nähern und dabei eigene Erfahrungen gemeinsam entwickeln und vertiefen.

II.III Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben

Unterstützend stehen den Studierenden – abgesehen von den Dozierenden – zahlreiche
weitere unterstützende Materialien zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben zur
Verfügung. So wurde im letzten Jahr eine Lernplattform zu diesem Thema eingerichtet,
welche die Studierenden mithilfe von virtuellen Schreibcoachings – unterstützt durch Videopräsentationen – beim Erstellen einer Hausarbeit, eines Referats o.ä. begleitet. Die darüber hinaus vom Arbeitsbereich angebotenen persönlichen Schreibcoachings stellen eine weitere Leistung dar, auf welche die Studierenden im Kontext des forschenden Studierendens zurückgreifen konnten und können.

 Abb. 1: KinderundJugendmedien.de – Wissenschaftliches Internetportal für Kindermedien und<br /> Jugendmedien

Abbildung 1: KinderundJugendmedien.de – Wissenschaftliches Internetportal für Kindermedien und
Jugendmedien

III Theoretische Verortung

Einordnen lassen sich die durchgeführten Strategien und Maßnahmen in das Konzept
studierendenzentrierter Lehre (vgl. European Students‘ Union 2016: 4), welches sich durch einen Fokus auf aktives und autonomes Lernen auszeichnet (vgl. Attard 2010: 9). Die Aktivierung der Studierenden im Lernprozess als lernende ForscherInnen im Rahmen des Projekts kann als Faktor verstanden werden, ihre Identifikation mit den Inhalten des Studiums zu erhöhen. Eine wesentliche Rolle spielt bei der studierendenzentrierten Lehre auch das kooperative Lernen, welches es den Studierenden ermöglicht, ihre Forschungsideen in der Studierendengruppe und mit den Lehrenden zu entwickeln (vgl. ebd. 11). Daraus resultierend können die Studierenden nicht nur ihren eigenen Lernprozess, sondern auch die Veranstaltung selbst aktiv mitgestalten und von- und
miteinander lernen (vgl. ebd. und vgl. European Students‘ Union 2016: 7).

Die Rolle, welche die Internetplattform KinderundJugendmedien.de bei der Implementierung des forschenden Lehrens in dem benannten Ausschnitt der Lehramtsausbildung spielt, lässt sich ebenfalls im Kontext der studierendenzentrierten
Lehre begründen. So werden die digitalen Medien nicht nur als wesentliche
Komponente studierendenzentrierter Lehre deklariert (vgl. Attard 2010: 21). Vielmehr ermöglichen sie gleichsam den Einsatz und die Verbindung zahlreicher medialer Formate – seien sie visueller, auditiver oder audiovisueller Natur – und erlauben somit die Wissensvermittlung angepasst an diversive Lerntypen (vgl. ebd.). Der Fokus, den der Ansatz der studierendenzentrierten Lehre auf unterschiedlichste Lerntypen,
Wissenshorizonte und -hintergründe setzt – und eben keine „’One-Size-Fits-All’ Solution“
(Attard 2010: 3) propagiert – verdeutlicht die Attraktivität des Konzepts für heterogene
Lerngruppen.

IV Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit des Projektes

Die Nachhaltigkeit der im Rahmen des Projekts erarbeiteten Inhalte ist durch die Integration auf dem Internetportal KinderundJugendmedien.de auch für kommende Jahrgänge gesichert. Dies gilt auch für die Sichtbarkeit der Projektbestrebungen.
Zudem kann das beständige Einbinden des Projektes und seiner Zwischenergebnisse
auf der Plattform als Form der Öffentlichkeitsarbeit verstanden werden, die dieses während und über seine Laufzeit hinaus einer breiten fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

V Ausblick

Trotz der attestierten Nachhaltigkeitsaspekte ist die Arbeit am virtuellen Fachlexikon mit dem Ende der Projektlaufzeit nicht abgeschlossen. Geplant ist bspw. dieses noch stärker auf diversive Lerntypen auszurichten und in einem größeren Maße auf auditive, visuelle und audiovisuelle Medien zurückzugreifen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ergibt sich auch aus den Evaluationen und dem Feedback der Studierenden zu den einzelnen Beiträgen. Diese Rückmeldungen sollen ebenfalls in einer weiteren Editionsrunde miteinbezogen werden.

 

Über die Autorin:

Stefanie Jakobi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lektorat Kinder- und Jugendliteratur und -medien im FB 10. Von Juli 2015 bis Januar 2017 war sie in dieser Position in das hier beschriebene ForstA-Projekt eingebunden und verfasste zahlreiche Artikel für das Fachlexikon.

Literatur:

  • European Students‘ Union: Student-Centered Learning. Toolkit for Students, Staff and Higher Education Institutions. Online: https://www.esu-online.org/wp-content/uploads/2016/07/100814-SCL.pdf (Zugriff: 01.03.2017).
  • Antrag der Universität Bremen auf Unterstützung im Rahmen des gemeinsamen Programms des Bundes und der Länder für bessere Studienbedingungen und mehr Qualität in der Lehre, September 2011.
  • ForstA-Konzept des Fachbereichs 10, Version 4.0 vom 28.6.2013.

Film

  • Harry Potter und die Kammer des Schreckens (Chris Columbus. USA 2002).

 

 

Bildnachweis:

  • Autorinnenfoto: Stefanie Jakobi (privat)
  • Abb. 1 / 2: Universität Bremen; Stefanie Jakobi

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